Sammeln und Horten aufgrund von Einsamkeit

Einsamkeit kann zu einer Kaufsucht oder zum Sammeln und Horten von Gegenständen führen, welche die unerträgliche Leere füllen sollen.
Sammeln und Horten aufgrund von Einsamkeit
Elena Sanz

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Elena Sanz.

Letzte Aktualisierung: 16. Dezember 2022

Wir erleben in unserer zunehmend individualistischen und wettbewerbsorientierten Gesellschaft eine Epidemie der Einsamkeit. In Deutschland gab es im Jahr 2021 rund 16,62 Millionen Einpersonenhaushalte. Natürlich bedeutet das nicht, dass sich all diese Menschen einsam fühlen, doch etwa acht Millionen Deutsche leiden beispielsweise an Alterseinsamkeit. Manche Menschen beginnen in dieser Situation unnötige Dinge zu horten, um ihre Leere zu füllen.

Wir sind im Allgemeinen sehr konsumorientiert, die Einsamkeit kann jedoch diese Tendenz verstärken. Schätzungsweise leiden 5 % der Bevölkerung an einem zwanghaften Kaufverhalten. Viele Menschen, die sich zu Hause alleine langweilen, verbringen ihre Zeit mit Online-Shopping. Sie versuchen damit, die fehlende Zuneigung und Gesellschaft zu ersetzen.

Autosammlung: Pathologisches Horten aufgrund von Einsamkeit

Vom Horten und Sammeln

Die Veranlagung zum Horten und Sammeln ist im Tierreich weitverbreitet. Auch das menschliche Gehirn ist darauf programmiert, besonders wenn wir uns nicht darauf verlassen können, dass die Versorgung sicher und regelmäßig ist. Bis zu einem gewissen Grad genießen wir es alle, eine volle Speisekammer und sonstige Vorräte zu haben. Manche Menschen treiben es jedoch auf die Spitze.

Menschen mit einer Hortungsstörung (Messie-Syndrom) neigen dazu, Dinge zu sammeln, die sie nicht brauchen und trotzdem nicht loslassen können. Allein der Gedanke daran bereitet ihnen großen Kummer. Sie glauben, diese Dinge in Zukunft zu brauchen oder hängen emotional an Gegenständen, die schließlich viel Raum einnehmen und belastend sind.

Betroffene haben in der Regel keine gut ausgeprägten sozialen Kompetenzen. Es fällt ihnen oft schwer, Kontakte zu schließen. Sie sammeln deshalb Besitztümer an, um diese Leere zu füllen und ihre Einsamkeit erträglicher zu gestalten.

Warum führt Einsamkeit zum Horten?

Ein Studie aus dem Jahr 2018 gibt interessante Antworten auf diese Frage:

Anthropomorphismus

Eine erste Antwort findet sich im Anthropomorphismus, d. h. der Tendenz, nicht-menschlichen Wesen menschliche Eigenschaften und Qualitäten zuzuschreiben. Wie das Kind, das behauptet, dass seine Puppe Gefühle hat, oder wie der Hauptdarsteller des Films “Gestrandet”, der an einem Ball hängt, den er Wilson nennt.

Menschen, die in Einsamkeit leben und ein größeres Bedürfnis nach Zuneigung und Gesellschaft haben, können Tiere und Objekte vermenschlichen und sie benutzen, um die mangelnde menschliche Wärme zu kompensieren. Einsame Menschen trösten sich oft mit einem Kuscheltier, geben technischen Geräten einen Namen oder horten Gegenstände, an denen sie hängen.

Geringe Stresstoleranz

Viele Betroffene haben eine geringe Stresstoleranz, was auf den Mangel an adaptiven Bewältigungsmechanismen zurückzuführen ist. Die Widrigkeiten, die sie erleben, verursachen Schuldgefühle oder führen zum Grübeln und zu emotionaler VerzweiflungSie trösten sich deshalb mit dem Horten von Gegenständen, da ihre negativen Emotionen sonst unerträglich und unkontrollierbar sind.

Ängstliche Bindung

In vielen Fällen liegt ein ängstlicher Bindungsstil zugrunde, deshalb erleben Betroffene negative Emotionen häufiger und intensiver. Sie wissen nicht, damit umzugehen. Es fehlt ihnen an Sicherheit und affektiver Verbundenheit, deshalb versuchen sie, durch Horten ein Zugehörigkeitsgefühl zu erreichen, das sie auf anderem Wege nicht entwickeln können.

Horten gegen die Einsamkeit

Die Forschungen zu diesem Thema legen nahe, dass das Horten manchen Menschen hilft, soziale Kontakte zu ersetzen. Diese Menschen benötigen jedoch Unterstützung, um gesunde Beziehungen aufbauen zu können. Eine Psychotherapie ist unbedingt zu empfehlen.

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