Persepolis: Die andere Wahrheit

3. Mai 2019

Es gibt eine ziemlich klare Tendenz in unserer Gesellschaft, zu ignorieren, was außerhalb des westlichen Kulturraums, der westlichen Welt geschieht. Man könnte fast sagen, dass die Menschen in der westlichen Welt in großem Umfang fast nichts über die Realität anderer Länder wissen. Für die meisten Menschen ist die westliche Kultur von Grund auf gut und dient als Beispiel, dem die ganze Welt folgen sollte. Marjane Satrapi hielt diese Vorstellung in Persepolis  fest, einem autobiografischen Animationsfilm, der auf ihrem gleichnamigen Roman basiert.

Satrapi selbst wuchs in einer bürgerlichen, fortschrittlichen Familie im Iran auf. Sie war ein Kind, als 1979 die iranische Revolution begann. Sie studierte an der École Française de Téhéran, am französischen Gymnasium von Teheran im Iran und setzte ihre Studien später in Wien in Österreich fort. In ihrem Roman erzählt Satrapi, ihr und ihrer Heimat, dem Iran, Ende der 1970er Jahre widerfahren ist. Persepolis  feierte 2007 Premiere und wurde bei den Filmfestspielen in Cannes begeistert angenommen.

In Europa herrscht der Eurozentrismus seit Jahrhunderten. Die Europäer glauben, dass sie das Zentrum der Welt seien, der Ursprung von Geschichte und Kultur. „Westen“ ist nicht mehr nur eine geografische Referenz. Heutzutage verwenden wir den Begriff „westlich“, um Länder zu beschreiben, die nach der Kolonialisierung eine europäische Kultur angenommen haben.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf

Die Geschichte wird aus Marjane Satrapis Sicht erzählt. Durch ihre Augen werden wir Zeuge von Ereignissen, von denen nur wenige Menschen im Westen wissen. Der Film zeigt, wie sich die iranische Gesellschaft entwickelt hat, wie sie zu dem islamischen Land wurde, das wir heute kennen, und wir sehen die Folgen des Krieges mit dem Nachbarland Irak.

Obwohl die Hauptfigur ein junges Mädchen ist, gibt die Tatsache, dass der Film in Schwarz-Weiß gehalten wird, einen ernsten Ton vor. Während das Mädchen aufwächst und die Revolution voranschreitet, wird auch der Film Persepolis  dramatischer und tragischer. Als die Protagonistin sich dessen bewusst wird, was in ihrem Land passiert, erkennt auch das Publikum, wie wenig es weiß und wie viel es noch lernen muss.

In dem Film sehen wir einige der Grausamkeiten, zu denen die Menschheit fähig ist, aus der Perspektive eines unschuldigen Mädchens. Persepolis  ist ein kunstvoller Kommentar zur potenziellen Gefahr von Ideen, dem Schmerz der Unterdrückung und dem Auf und Ab der Revolution. Der Film macht deutlich, was mit gewöhnlichen Menschen während dieser historischen Ereignisse passiert, nicht nur mit politischen und militärischen Führern. Die Wahrheit des Films ist allerdings subjektiv, denn schließlich wird die Geschichte aus nur einem einzigen Blickwinkel erzählt, aus dem der jungen Satrapi.

In Persepolis  eine andere Realität entdecken

Marjane Satrapi stellt uns den Iran der 1970er Jahre vor, das sich sehr von dem unterscheidet, was wir uns heute unter dem Iran vorstellen. Was die meisten westlichen Zuschauer überrascht, ist, dass dieser Iran einem europäischen Land ähnelte. Satrapis Familie ist progressiv eingestellt; sie glaubt an die Revolution und den Fall des Schahs. Keine der Frauen trägt einen Hijab, und alle trinken Alkohol und gehen auf Partys.

Obwohl Satrapi überzeugte Muslimin ist, besucht sie eine säkulare gemischtgeschlechtliche Schule. Ihr und ihrer Familie geht es auch aus finanzieller Sicht gut, und daher unterscheidet sich das Leben, das sie führt, wahrscheinlich etwas von dem, das der Rest der Bevölkerung pflegt.

Satrapi versteht die Revolution zunächst nicht. In der Schule wird sie gelehrt, dass Gott den Schah gewählt habe, und sie versteht nicht, warum ihre Familie ihn nicht unterstützt. Ihre Verwirrung führt sie dazu, ihre Familiengeschichte zu erforschen. Die Revolution war ein Weg, die Erbfolge zu beenden und die Freiheit des Individuums zu stärken. Diejenigen, die daran glaubten, verstanden sie als einen Weg in die Freiheit. Was während der Revolution und unmittelbar danach tatsächlich geschah, war jedoch weit von dem entfernt, was sich die Anhänger der Revolution vorgestellt und erhofft hatten.

Szene aus dem Film "Persepolis"

Die Ausbildung der jungen Marjane Satrapi

Trotz ihres jungen Alters beginnt Marjane Satripi dann doch, die Revolution zu unterstützen. Sie liest Bücher, hört sich die Geschichten ihrer Familie an usw. Was sie jedoch wirklich überzeugt, sich auf Seiten der Revolutionäre zu stellen, ist der bestehende Klassismus, obwohl ihre Familie davon relativ unberührt ist.

Familie Satrapi beherbergt eine junge Analphabetin. Diese kommt aus einer armen Familie und kümmert sich seit ihrer Jugend um Satrapi. Sie sind zusammen aufgewachsen und Satrapi schämt sich, dass sie nicht mit ihrer Familie essen kann. Als Kind wird sie nicht durch die Vorurteile ihrer Eltern belastet, es ist ihr aber peinlich auf dem Weg zur Schule im Cadillac ihrer Eltern gesehen zu weden, während andere Kinder arbeiten müssen. Für Satrapie bedeutet die Revolution das Ende der sozialen Klassen und die Gleichheit aller.

Doch die Revolution aber nimmt eine unerwartete Wendung und wird zu einer islamischen Revolution. Viele Iraner fürchten nun um ihr Leben und ihre Freiheit. So musste sich Satrapi von einigen Verwandten und Freunden verabschieden, die in andere Länder geflüchtet waren, um dem neuen Regime zu entkommen. Kurz nach dem Fall des Schahs schlossen die weltlich orientierten gemischtgeschlechtlichen Schulen. In ihren neuen Schulen mussten Mädchen Hijabs tragen.

Diese Veränderungen führen zusammen mit dem Krieg zwischen dem Iran und Irak dazu, dass Satrapi schnell ihre kindliche Unschuld verliert. Ihre Eltern beschließen, sie nach Europa zu schicken, um dort weiterzustudieren. Ihre privilegierte soziale Stellung und ihre Jahre an der französischen High School machten es ihr leichter, an einer französischen Schule in Wien angenommen zu werden.

Das Leben in Europa

Marjane Satrapi musste kämpfen, als sie in Europa ankam. Sie sprach kein Deutsch und war vor dem Krieg geflohen. Die besseren Schüler zeigten zwar eine gewisse Faszination für ihre persönliche Geschichte, aber im Prinzip war ihr Interesse oberflächlicher Natur. Sie wollten ihre Neugier befriedigen, aber sie wollten ihre komfortable europäische Blase nicht verlassen. Zur gleichen Zeit wurde Satrapi von der eher konservativen Fraktion kritisiert. Diese Schüler und ihre Familien waren geistig eingeengt und zurückhaltend, wenn es darum ging, andere Kulturen kennenzulernen. Manchmal hat Satrapi bezüglich ihrer Nationalität sogar gelogen, um Konflikte zu vermeiden.

Charaktere im Film "Persepolis"

Satrapi hat nie wirklich zu Europa gepasst und ist eines Tages in den Iran zurückgekehrt, passte dann allerdings auch nicht mehr in die iranische Gesellschaft. Das lag daran, dass sie die schlimmsten Folgen des Kriegs nicht miterlebt hatte und nicht das erleiden musste, was ihre Nachbarn und Freunde erlitten hatten. Ihre Probleme und Sichtweise waren „verwestlicht“. Sie absolvierte ihr Studium und versuchte, ein Leben in Teheran zu beginnen, fand aber nie ihre Nische. So entschied sie sich, nach Paris zu ziehen.

In Europa hat sie versucht, Menschen zu finden, die ihre Ideale teilten. Sie bemerkte jedoch, dass das Leben hier so anders ist als alles, was sie bis dato kannte, und dass dieselben Ideen hier eine andere, europäische Form haben. Im Film Persepolis  stellt Satrapi ihre Sicht auf die Revolution und den Krieg sowie ihre persönlichen Erfahrungen das. Sie zeigt, wie schwierig es war, sich an ein Land anzupassen, in dem die Menschen und die Kultur es ihr schwer machten, sich zu integrieren.

Eine Geschichte, die uns zum Nachdenken anregt

Persepolis  ist keine objektive Geschichte über die iranische Revolution. Es ist ein autobiografischer, reflektierender Film. Er lädt den Betrachter dazu ein, über den völligen Mangel an Bewusstsein für den Rest der Welt nachzudenken. Der Film hinterfragt die tief sitzenden Vorurteile und die Ignoranz der westlichen Kultur.

Die Geschichte zeigt auch die Gemeinsamkeiten, die Menschen in Europa und dem Orient teilen. Marjanes Satrapis Eltern zum Beispiel werden als progressiv dargestellt, aber sie unterstützen diejenigen, die sie ihrer Freiheit berauben. Sie predigen die Gleichheit, haben aber ein Dienstmädchen und genießen unzählige Privilegien.

Persepolis  ist ein Film, von dem wir alle etwas lernen können. Genau wie Satrapi, die sich ihre Meinung auf dem Weg von der kindlichen Unschuld zur grausamen Realität bildet, öffnen sich die Augen des Betrachters für den Rest der Welt. Vielleicht wäre die Welt ein besserer Ort, wenn wir alle noch etwas von der kindlichen Unschuld hätten, die wir auf dem Weg ins Erwachsenenalter verloren haben.