Optographie: Die makabre Wissenschaft des 19. Jahrhunderts

14. November 2019
Im 19. Jahrhundert glaubten Forensiker, sie hätten mit der Optographie eine neue Methode gefunden, um Mörder zu fassen. Diese Technik war allerdings mehr als mysteriös und fragwürdig.

Das 19. Jahrhundert war eine der interessantesten Perioden der Zeitgeschichte. Soziale Bewegungen, die Industrialisierung, zunehmende Schulbildung und wissenschaftlicher Fortschritt führten zu vielen Innovationen und Veränderungen. Im Zuge dieser Entwicklungen entstanden außerdem zahlreiche sonderbare Überzeugungen und es wurden viele wissenschaftliche Experimente durchgeführt. Darunter befand sich auch die Optographie.

Die Menschen der damaligen Zeit hatten großes Interesse am Leben nach dem Tod, begeisterten sich für Sherlock Holmes Geschichten und auch für Jack the Ripper, einen der berüchtigtsten Serienmörder aller Zeiten. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass in dieser Zeit einige sehr unkonventionelle forensische Methoden entwickelt wurden.

Eine der bekanntesten Methoden, die Optographie, die gleichfalls sehr kontrovers diskutiert wurde, war der Versuch, besonders grauenvolle Verbrechen mit „modernsten“ Mitteln aufzuklären: die letzten Bilder auf der Netzhaut eines Opfers vor seinem Tod sollten Aufschluss über dessen Mörder geben.

Obwohl diese Idee aus heutiger Sicht recht absurd auf uns wirken mag, sollten wir bedenken, dass die Photographie zum Ende des 18. Jahrhunderts einen sehr hohen Stellenwert hatte. Die Menschen hielten sie für exotisch, mysteriös und beinahe magisch. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich einige engagierte Spezialisten dazu entschlossen, eine Wissenschaft zu begründen, deren Basis die Photographie bildete.

Optographie - Brille auf einer Zeichnung

Was ist Optographie?

Das Wort Optographie stammt aus dem Griechischen und setzt sich aus zwei Begriffen zusammen: opto (Sicht, Blick) und grapho (Schrift). Wissenschaftler der Universität Heidelberg verwendeten diesen Begriff erstmals im Jahr 1877.

Der Physiologie-Professor Wilhelm Friedrich Kühne prägte diesen Begriff. Zunächst wurde sein Interesse an diesem Thema durch eine originelle Theorie seines Kollegen Franz Christian Boll geweckt. Dieser hatte festgestellt, dass es in der Netzhaut ein Pigment gibt, welches in der Sonne verblasste und bei Dunkelheit wieder sichtbar wurde.

Diese Entdeckung bildete die Grundlage für zahlreiche Hypothesen und Theorien, die alle versprachen, die forensische Wissenschaft zu revolutionieren. Kühne war davon überzeugt, dass es mit Hilfe der Optographie möglich sei, die Identität jedes Mörders aufzudecken. Dies sollte durch eine einfache Analyse der Netzhaut des Opfers erfolgen.

Das letzte Bild, welches das Opfer vor seinem Tod vor Augen hatte, würde auf der Netzhaut gespeichert. Dadurch würden die Ermittler dann wertvolle Hinweise auf den Täter erhalten. Sie mussten lediglich die Netzhaut entnehmen und dieses letzte Bild in geeigneten Chemikalien aufbewahren.

Bruder Christopher Schiener war der Erste, der hundert Jahre zuvor ein Optogramm (Bezeichnung für diese Bilder) untersuchte und analysierte. Während der Mönch einen Frosch sezierte, entdeckte er, dass das letzte Bild, das der Frosch vor seinem Tod vor Augen hatte, in seiner Netzhaut „gespeichert“ wurde. Diese Entdeckung hatte tiefgreifende und nachhaltige Auswirkungen auf den Mönch und bildete die Grundlage für die Entwicklung der kontrovers diskutierten Praxis der Optographie.

Die Grausamkeit der Innovation

Obwohl Kühne sicherlich gute Absichten verfolgte, wandte er dennoch sehr zweifelhafte Methoden an. Die Techniken, die er bei seinen Studien nutzte, waren teilweise moralisch sehr fragwürdig, grausam und ziemlich makaber. Doch Kühne schien keinerlei Bedenken zu haben, sie für seine Arbeit zu nutzen, denn er war davon überzeugt, dass die Optographie die Welt verändern würde.

Kühne führte Experimente mit kleinen Fröschen und Kaninchen durch. Er zwang sie, für sehr lange Zeit in extrem grelles Licht zu blicken und enthauptete sie anschließend.

Kurz nach ihrem Tod entnahm er ihnen die Augen und brachte diese in einen abgedunkelten, geschlossenen Raum. Dort schnitt er die Netzhäute aus den Augen und legte das so gewonnene Pigment in eine chemische Lösung, um es darin aufzubewahren.

“Die Wissenschaft löst nie ein Problem, ohne zehn weitere zu schaffen.“

-George Bernard Shaw-

Wenn diese Experimente nicht einigermaßen erfolgreich gewesen wären, dann wären sicherlich nicht so viele dieser Gräueltaten begangen worden. Sein bekanntestes Experiment führte Kühne mit einem Kaninchen durch. Angeblich gelang es ihm dabei, das letzte Bild, das das Tier vor seinem Tod gesehen hatte, perfekt zu erfassen. Es handelte sich um das Bild eines Fensters.

Während seiner Experimente mit der Optographie tötete Kühne unzählige Tiere. Heute würde der öffentliche Protest gegen derartige Praktiken nicht lange auf sich warten lassen. Doch in der damaligen Zeit wurden so viele wichtige Innovationen und Entdeckungen in der Medizin und der Biologie gemacht, dass nur wenige Menschen über die Grausamkeiten gegenüber Tieren und deren damit verbundenes Leiden nachdachten.

Menschliche Versuchsobjekte

Schließlich erfüllte sich im Jahr 1880 Kühnes größter Traum. In einem örtlichen Gefängnis wurde ein Gefangener enthauptet, der für den Mord an einer ganzen Familie zum Tode verurteilt worden war. Daher konnte Kühne seine Untersuchungen zum ersten Mal an einer menschlichen Netzhaut durchführen.

Kühne behauptete, dass das Bild, welches seine Pigmentanalyse ergab, die Klinge einer Guillotine zeigte. Daraufhin zweifelten einige seiner Zeitgenossen dieses Ergebnis an. Ihrer Meinung nach könnte sich auch etwas anderes auf diesem Bild befinden. Letztendlich setzte sich Kühne jedoch mit seiner Beurteilung durch.

Ein Jahr später veröffentlichte Kühne ein Buch mit dem Titel Beobachtungen über die Anatomie und Physiologie der Netzhaut. In diesem Buch behauptete er, dass seine Experimente erfolgreich gewesen seien. Allerdings gibt es keinerlei wissenschaftliche Beweise, mit denen sich seine Behauptungen nachweisen ließen.

Optographie - Nahaufnahme eines Auges

Die weitere Entwicklung der Optographie

Der Mangel an wissenschaftlichen Beweisen führte schließlich dazu, dass Forensiker und die Polizei die Optographie nicht weiter zur Aufklärung von Verbrechen einsetzten. Allerdings verhinderte diese Entscheidung nicht, dass sich um diese Theorie zahlreiche Legenden bildeten, welche für viele Jahre die Phantasie der Menschen anregten.

Vom Mythos der Optographie wurden zahlreiche Bücher, Filme und Fernsehserien inspiriert. Berühmte Schriftsteller wie Rudyard Kipling und Jules Verne verarbeiteten diese Ideen in ihren Geschichten. Auch bekannte Fernsehserien, wie beispielsweise Dr. Who, greifen dieses Thema auf.

Wir Menschen sind vom Makabren fasziniert und können uns diesem Reiz nicht entziehen. Dennoch tragen wir die Verantwortung dafür, wie wir unsere Fähigkeiten auf verantwortungsvolle und zivilisierte Weise einsetzen. Die künftige Entwicklung der wissenschaftlichen Forschungen liegt in unserer Hand. Es gibt noch unzählige ungelöste wissenschaftliche Geheimnisse und wir Menschen werden nicht damit aufhören, diese zu erforschen.