Kollektives Gedächtnis und die Geschichten unserer Großeltern

2. September 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Ein älteres Pärchen spaziert auf einem Feldweg.

Einige Geschichten verdienen es, erzählt zu werden. Deswegen sind schon seit Anbeginn der Zeit Geschichten von Generation zu Generation weitergegeben worden. Wir teilen so unsere Erinnerungen und Interpretationen von dem, was in der Vergangenheit passiert ist. Das „kollektives Gedächtnis“ ist das Ergebnis der Weitergabe dieser Geschichten: Es beruht auf Erinnerungen, die wir von Generation zu Generation weiterreichen.

Aber was genau sind diese Geschichten? Geschichten sind nur Interpretationen der Vergangenheit, die wir zu Erzählungen zusammenfügen. Die Handlungen der Geschichten, die im kollektiven Gedächtnis vorkommen, haben klar definierte Anfänge und Enden mit sequenziellem und kausalen Zusammenhang. Man konzentriert sich dabei Ereignisse, die von der Gruppe als wichtige Geschehnisse bewertet werden. Weiterhin wird eine Erzählung nur dann Teil des kollektiven Gedächtnisses einer Gruppe, wenn die Gruppe eine bestimmte Narration als Interpretation der Vergangenheit annimmt.

Älterer Mann liest

Verzerrungen im kollektiven Gedächtnis

Das kollektive Gedächtnis speichert keine objektive oder neutrale Version von vergangenen Geschehnissen. Denn die geteilten Erzählungen wurden nach bestimmten Kriterien ausgewählt und angepasst. Mit anderen Worten, die Gruppe erinnert sich an das, an was sie sich erinnern will. Das bedeutet, dass ihre Wahrnehmung der Vergangenheit verzerrt ist.

Tatsächlich beinhaltet das kollektive Gedächtnis oft ein Element der Rechtfertigung. Vor allem im oralen kollektiven Gedächtnis verzerrt jede Generation die ursprünglichen Geschichten, um sie dann neueren gesellschaftlichen Ansichten anzupassen.

Wenn unsere Großeltern uns von einem großen historischen Ereignis erzählen, dann erzählen sie uns von den Episoden, an die sie sich am besten erinnern. Von denen, die sie am meisten geprägt haben. Je nachdem, wie sie die Geschichte erzählen, beziehen sie immer auch Stellung zu historischen und politischen Themen.

Opa und Enkel am Strand

Typen des kollektiven Gedächtnisses

Auch wenn das kollektive Gedächtnis im Wesentlichen auf dem beruht, was mündlich weitergegeben wird, gibt es noch andere Wege, Geschichten fortzutragen. Weitere Formen des kollektiven Gedächtnisses sind:

  • Populäres Gedächtnis: Darstellungen der Vergangenheit durch die Mitglieder der Gesellschaft. Daher wird das populäre Gedächtnis z. B. in den Ergebnissen von öffentlichen Meinungsumfragen reflektiert.
  • Offizielles Gedächtnis: Hier ist die Interpretation der Vergangenheit durch die staatlichen Institutionen wichtig. Diese können wir beispielsweise in nationalen Museen und Lehrbüchern nachvollziehen.
  • Autobiografisches Gedächtnis: Diese Gedächtnisform besteht aus den Erinnerungen der Menschen, die unmittelbar historische Ereignisse erlebt haben. Zu diesen Menschen zählen unsere Großeltern. In der Tat ist es eine primäre Quelle zur Konstruktion der Vergangenheit.
  • Historisches Gedächtnis: Dies bezeichnet die Art und Weise, wie die wissenschaftliche Gemeinschaft die Vergangenheit erkennt.
  • Kulturelles Gedächtnis: So sieht die Gesellschaft ihre Vergangenheit durch Journalismus, Gedenkfeiern, Denkmäler, Filme und Gebäude.

Ältere Frau

Kollektives Gedächtnis: Kriege und Konflikte

Wenn Narrative von einem Krieg oder Konflikt handeln, sind sie fast immer selektiv und voreingenommen. Sie zeigen eine egozentrische, vereinfachende Perspektive der Geschehnisse.

Im Allgemeinen beinhalten diese Erzählungen mindestens vier Hauptthemen:

  • Präsentation eines positiven Bildes der Gruppe, zu der derjenige gehört, der erzählt
  • Delegitimierung des Rivalen
  • Darstellung der eigenen Gruppe als einziges oder wichtigstes Opfer
  • Benennung von Gründen oder auch Versuch der Rechtfertigung des Konflikts

Diese Erzählungen spielen in Konflikten eine wichtige Rolle. Zunächst einmal gruppen- bzw. landesintern. Wenn eine Gruppe diese Erzählungen annimmt, dann werden sie Teil ihres populären Gedächtnisses. Diese Erzählungen beeinflussen folglich die psychologischen Reaktionen der Mitglieder der Gruppe und so auch ihre Handlungen. Daher werden diese Narrative mit hoher Wahrscheinlichkeit den Gegner in einem negativen Licht darstellen, während die eigene Gruppe in ein positives Licht gerückt wird.

Darüber hinaus wird auch versucht, die Gruppe in der internationalen Gemeinschaft positiv darzustellen. Hierbei geht es unter anderem darum, Unterstützung seitens anderer Länder zu erhalten, sei es auf moralische, materielle oder finanzielle Art und Weise.

Eine ältere Frau macht Fotos.

Konsequenzen eines kollektiven Gedächtnis

Narrative, aus denen sich das kollektive Gedächtnis in Bezug auf einen Konflikts speist, können zu Hindernissen für eine friedliche Lösung oder Versöhnung werden. Denn sie halten Gruppenmitglieder davon ab, zu einem Friedensabkommen mit einem Rivalen zu kommen, den sie für nicht vertrauenswürdig halten und generell in einem negativen Licht sehen. Kurz gefasst könnte man also sagen, dass ein kollektives Gedächtnis, das durch voreingenommene Erzählungen gespeist wird, Friedensverhandlungen in die Quere kommen mag.

„Wir haben zwei Ohren und einen Mund, damit wir doppelt so viel hören können wie wir sprechen.“

Epiktet

Meistens speist sich das kollektive Gedächtnis nur aus der Sichtweise einer Gruppe und ist deswegen oft vorurteilsbehaftet. Stattdessen sollten wir versuchen, alle Perspektiven zu berücksichtigen. Hören wir also auch auf die Geschichten, die nicht unserem eigenen kollektiven Gedächtnis entsprechen. So erstellen wir ein präziseres Bild unser aller Vergangenheit.

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