Kollektive Nostalgie für die Vergangenheit

14. Juli 2018 en Emotionen 0 Geteilt
Kollektive Nostalgie - Uhr auf Stein repräsentiert, wie die Zeit vergeht

Wir alle fühlen uns manchmal nostalgisch. Wir wünschten, wir wären in einer bestimmten Zeit, einer bestimmten Situation, bei etwas, das bereits geschehen ist. Wir leiden wegen etwas, das jetzt weit weg erscheint, etwas, das wir hatten und dann verloren haben. Vielleicht geht es um eine Person, eine Gruppe, einen Ort, ein Objekt oder ein Ereignis.

Es gibt zwei verschiedene Arten von Nostalgie und der Unterschied ist sehr wichtig. Die erste Art ist ein positives Gefühl, eine schöne Erinnerung an etwas, das mit der Zeit verschwunden oder verloren gegangen ist. Die zweite Art ist negativ besetzt. Es ist ein Gefühl des Schmerzes wegen etwas, das nicht mehr zurückkommt, aber nach dem wir uns sehnen.

Mann schaut alte Fotos an

Nostalgie für Menschen und Orte

Wahrscheinlich ist das Erste, woran du denkst, wenn es um Nostalgie geht, das Verlangen nach einem geliebten Menschen. Trennungen, Distanz oder Tod sind Ereignisse, die uns dieses sehnsüchtige Gefühl vermitteln. Aber Nostalgie ist nicht weniger wichtig, wenn es um Umstände oder Objekte geht.

In mancher Sprache kennt man für spezifische Sehnsüchte eigene Worte, zum Beispiel für die Sehnsucht nach Heimat: „Heimweh“ wäre das im Deutschen, und im Galicischen gibt es den Ausdruck „morriña.“ Man sagt, dass „morriña“ eine Sehnsucht nach dem Land sei, aus dem man komme. Es bedeutee, den Ort zu vermissen, von dem man stamme, einschließlich der Gegebenheiten und Situationen, die an diesen erinnern.

„Schaue in meine Nostalgie und sage mir, was du siehst.“

Xavier Velasco

Kollektive Nostalgie

Es gibt eine weitere Form der Nostalgie, die man kollektive Nostalgie nennt. Sie beschreibt eine gemeinsame Sehnsucht nach dem, was eine Gesellschaft einmal war.

Irgendwann in unserem Leben haben wir alle jemanden sagen hören: „Damals war alles anders.“  Aber zwei verschiedene Epochen zu vergleichen ist niemals fair. Das Gedächtnis verzerrt die Erinnerungen an das, was vor langer Zeit geschehen ist, so dass man sich schließlich nach einer Vergangenheit sehnt, die es eigentlich nie gab. Unser selektives Gedächtnis wird sich nur jene Ereignisse erinnern, die uns noch nostalgischer machen.

In einigen Teilen der Welt hat ein großer Teil der Bevölkerung eine Sehnsucht nach Diktaturen. Diese Menschen reden darüber, wie großartig jene Zeiten waren. Sie seufzen, dass es in diesen modernen Zeiten keine feste Hand mehr gebe und schreien nach einem starken, charismatischen Führer, der ihre Nation wieder groß machen soll.

Aber offensichtlich blenden diese Sehnsüchte wichtige Teile der Vergangenheit und Gegenwart aus. Sie denken nicht daran, dass alle Freiheiten, die mit dem gegenwärtigen Regime einhergehen, in einer Diktatur nicht mehr gegeben wären. Sie erwähnen nie die Verbrechen, die Menschen in jener Vergangenheit begangen haben, die sie so sehr herbeisehnen.

„Es gibt keine schlimmere Nostalgie als die Sehnsucht nach etwas, das es nie gab.“

Joaquín Sabina

Dächer einer spanischen Stadt

Diese Menschen leben in ihrer eigenen kleinen Welt, einer totalen Verzerrung der Realität. Und indem sie so fantasieren, verherrlichen sie die Vergangenheit und die Menschen darin. Denke nur an jene, die historische Persönlichkeiten wie Hitler oder Mussolini verehren. Auch wenn sie einen gewissen Fortschritt für ihre Gesellschaften gebracht haben, sollten die Verbrechen, die sie begangen haben, alle nostalgischen Gefühle begraben.

Nostalgie als Motivation

Kollektive Nostalgie kann das Verhalten der Gruppe stark beeinflussen, die sie empfindet. Wenn du die Sehnsucht nach einer bestimmten Welt mit der Mehrheit der Mitglieder einer Gruppe teilst, ist es viel einfacher, so zu handeln, dass dieser Zustand wieder herbeigeführt wird. Und wenn eine große Gruppe die Vergangenheit in die Gegenwart bringen will, könnte sie sich der Gewalt zuwenden, wenn andere Methoden nicht funktionieren.

„Es ist ein seltsamer Schmerz: an Nostalgie für etwas zu sterben, das du nie erleben wirst.“

Alessandro Baricco

Kollektive Nostalgie erlaubt es zuweilen, kollektives Handeln vorherzusagen. Je intensiver das Gruppengefühl ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Menschen auf die Straße gehen. Sie werden eher begehren, was sie sich wünschen, ihre glorreiche Vergangenheit. Aber die Vergangenheit ist genau das, sie ist vergangen, und Emotionen werden die Demonstranten schließlich vollständig kontrollieren. Und diese Emotionen sind meistens negativ.

Wut und Verachtung können die Gruppe mobilisieren, wenn sie sie auf andere Menschen richten. Wenn eine Gruppe nostalgisch daran denkt, wie die Gesellschaft früher war, und entscheidet, dass eine andere Gruppe am Wandel schuld sei und sie zudem daran hindert, vergangene Umstände wiederherzustellen, werden negative Emotionen und Aggressivität immer wahrscheinlicher. Entsprechende Aktionen mögen Normen oder Gesetzen entsprechen, oder auch nicht – Vandalismus und Gewalt werden auf die Tagesordnung gesetzt.

Gruppe von Freunden schaut auf ein Tal

Kollektive Nostalgie für das Gute

Aber kollektive Nostalgie muss nicht negativ sein. Wenn es um die Vorstellungen der Menschen von ihrem Land geht, regt das zur Reflexion darüber an, wie es Land wirklich war. Oder noch besser, darüber, wonach sie sich auf diesem Fleckchen Erde sehnen. Wenn es in ihrer Nostalgie um Werte wie Offenheit und Toleranz geht, werden ihre Handlungen ehrenwerte Ziele haben. Zugegeben, das bedeutet nicht, dass die Methoden, mit denen sie diese Ziele erreichen, offen und tolerant sind.

Wenn du die Fähigkeit entwickelst, deine Nostalgie zu formen, dann mach sie zu deiner Motivation, eine bessere Welt zu schaffen. Vermisse Freiheit und nicht Grenzen, vermiss Vielfalt und nicht Ausgrenzung.

Auch interessant