Suchtmittelabhängigkeit: Toleranz und Entzug

24. Mai 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Toleranz und Entzug - Eine Frau sitzt zusammengekrümmt auf einem kleinen Hocker.

Die aktuellen Zahlen über den weitverbreiteten Missbrauch psychoaktiver Substanzen sind erschreckend. Demnach haben 91 %  der Über-15-Jährigen bereits Alkohol konsumiert und 64 % von ihnen Tabak. Noch besorgniserregender sind die Zahlen bezüglich der Altersgruppe zwischen 14 und 18 Jahren. 66 % dieser Gruppe gaben zu, im vergangenen Monat Alkohol konsumiert zu haben. Den Konsum von Tabak bestätigten 37 %. Erst kürzlich wurde zudem berichtet, dass die Rauschgiftkriminalität in Deutschland erneut gestiegen ist.

Wie allgemein bekannt ist, schließt der Begriff  „Rauschgift“ alle Substanzen mit ein, die physische oder psychische Auswirkungen auf uns haben können. Dazu gehören legale Drogen wie Alkohol und Zigaretten, sowie illegale Drogen wie Cannabis, Kokain und LSD. In diesem Zusammenhang haben wir alle haben schon von Suchtmittelabhängigkeit, Toleranzentwicklung und Entzug gehört. Aber was genau bedeuten diese Begriffe?

Eine verzweifelte junge Frau hält sich die Hände vors Gesicht.

Um zu verstehen, wie eine Abhängigkeit oder Sucht überhaupt entsteht und möglicherweise gar in die Kriminalität führt, sind zwei wesentliche Faktoren zu betrachten, nämlich Toleranz und Entzug. Diese beiden Vorgänge sind eng miteinander verbunden, denn sie sind sogenannte kompensierende Körperreaktionen. Bevor wir darauf näher eingehen, wollen wir uns zuerst anschauen, was in unserem Gehirn passiert, wenn wir Drogen konsumieren.

Drogenmissbrauch und das Belohnungszentrum

Die meisten psychoaktiven Substanzen beeinflussen die Freisetzung von Dopamin und das Belohnungszentrum des Gehirns. Dopamin ist ein Neurotransmitter und wird ausgeschüttet, wenn wir „erfreuliche“ Tätigkeiten ausüben. Es hat die Aufgabe, diese Verhaltensweisen zu verfestigen, damit wir diese zukünftig wiederholen. Dopamin ist gewissermaßen der „Preis“, den wir von unserem Körper verliehen bekommen. Es gibt uns ein gutes Gefühl, wenn wir etwas tun, das als richtig empfunden wird.

Drogen simulieren oder lösen die Ausschüttung von Dopamin in unserem Belohnungszentrum aus. Einige davon, etwa Alkohol, tun dies auf indirekte Weise. Andere Drogen hingegen besitzen eine ähnliche chemische Zusammensetzung wie Dopamin und agieren direkt. Amphetamine gehören z. B. in diese Gruppe.

Diese falsche Dopaminausschüttung durch Drogenkonsum aktiviert unser Belohnungszentrum. Auf diese Weise assoziieren wir den Konsum der Substanz mit einem Glücksgefühl. Unser Gehirn glaubt, dass der Drogenkonsum sich positiv auf unseren Körper auswirke, auch wenn tatsächlich das Gegenteil der Fall ist, da die meisten Drogen viel mehr als Dopaminagonisten sind.

Weiterhin verursachen diese hohen Konzentrationen an Dopamin auch ein ernstes Ungleichgewicht im Nervensystem. Dieses Ungleichgewicht bringt den Körper dazu, seine Regelungsmechanismen zu aktivieren, um den Fehler zu beheben. So werden schließlich die Prozesse der Toleranz und des Entzuges in Gang gesetzt, worauf wir im folgenden Abschnitt eingehen.

Toleranzentwicklung, Entzug und Sucht

Die Regelungsmechanismen des Körpers wirken dem inneren Ungleichgewicht entgegen, indem sie unsere Hirnchemie modulieren. Drogenmissbrauch ist eine beispielhafte Situation, bei der das geschieht. Schauen wir uns genau an, worum es dabei geht.

Stelle dir vor, du gehst jeden Samstag aus und nimmst dabei alkoholische Getränke zu dir. Da es sich bei Alkohol um eine Droge handelt, die Endorphine nachahmt, wird dein endogenes Opioidsystem angekurbelt. Das wiederum führt zu einer Ausschüttung von Dopamin und zu einem Glücksgefühl. Wenn du dieses Verhalten wiederholst, wird der Körper daraus lernen und eine kompensierende Reaktion zeigen.

An dieser Stelle beginnt die Toleranzentwicklung, die Einstellung einer erhöhten Verträglichkeit. Wenn du am folgenden Samstag erneut ausgehst, weiß dein Gehirn bereits, dass du Alkohol konsumieren wirst und das dies zu einem Ungleichgewicht führt. Aus diesem Grund senkt er das Grundlevel der Endorphine. Das führt zu einer Deaktivierung deines endogenen Opioidsystems, die durch den Alkoholkonsum jedoch wieder aufgehoben wird. Deinem subjektiven Empfinden nach hat der Alkohol somit keinen Einfluss auf dich. Folglich musst du mehr trinken, um eine ähnliche Wirkung wie vorherige Woche zu erreichen.

Aber was passiert, wenn du plötzlich aufhörst, Alkohol zu trinken? Wie wirkt sich das auf die kompensierende Reaktion aus? Selbst wenn du deinen Alkoholkonsum einschränkst oder ganz einstellst, hält die kompensierende Reaktion weiter an.

Um beim vorherigen Beispiel zu bleiben, wenn du ausgehst und nicht vorhast, etwas zu trinken, wird dein Gehirn dennoch glauben, dass du etwas trinken wirst. Das hat es aus früheren Erfahrungen gelernt. Aus diesem Grund wird dein Endorphinspiegel drastisch absinken. Aber die Kompensation durch den Alkoholkonsum bleibt aus; es treten Angstzustände auf. Das ist es, was wir als Entzugserscheinungen bezeichnen.

Ein Mann sitzt allein in einem dunklen Raum und raucht.

Schlussbetrachtung

Toleranz und Entzug sind eindeutige Symptome einer Sucht. Falls Symptome einer Toleranzentwicklung auftreten, werden auch Symptome eines Entzuges auftreten, wenn keine Drogen mehr konsumiert werden. Darüber hinaus führen Entzugserscheinungen in der Regel dazu, dass jemand erneut Drogen konsumiert, um sich besser zu fühlen. Diesen natürlichen Mechanismus müssen wir berücksichtigen, wenn wir den Verlauf einer Drogensucht verstehen wollen.

Drogensucht ist ein weltweites Problem. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass eine Sucht eine Menge weiterer sozialer, beruflicher, persönlicher und gesundheitlicher Probleme nach sich zieht. Um die Lebensqualität der Menschen verbessern zu können, müssen wir ein Bewusstsein dafür schaffen, wie Drogen funktionieren, damit die Menschen sich der Risiken bewusst werden.

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