Nostalgie ist im wesentlichen Zuneigung

22. Januar 2016 en Emotionen 93 Geteilt

„Ich kann nur feststellen, dass die Vergangenheit schön ist, weil man zum vergangenen Zeitpunkt nie seine Emotionen versteht. Die Gefühle dehnen sich später aus, und deshalb haben wir keine eindeutigen oder kompletten Emotionen in der Gegenwart, nur im Bezug auf die Vergangenheit.“

Virginia Wolff

Nostalgie ist ein Gefühl, das sich zwischen Traurigkeit und Erfüllung spannt. Traurigkeit für das, was nicht mehr ist. Erfüllung in der Erinnerung an das, was war. Das Wort Nostalgie hat seinen Ursprung im Griechischen und bedeuten soviel wie „der Schmerz, ins Heim zurückzukehren.“

Die Nostalgie ist die Traurigkeit, sich abwesend zu fühlen.

Das häufig verwendete Wort Nostalgie wurde 1688 vom Arzt Johannes Hofer geprägt. In seiner Doktorarbeit skizzierte er den Fall eines Studenten und eines Dieners mit schweren gesundheitlichen Problemen.

Die beiden lagen im Sterben, aber aus verschiedenen Gründen wurde jeder von ihnen nach Hause gebracht, um im Beisein seiner Familie zu sterben. Wie durch ein Wunder trat in beiden Fällen eine Verbesserung des Gesundheitszustandes ein.

In jenen Tagen wurde die Nostalgie als ein ernstes Symptom angesehen. Wenn ein Soldat dieses Gefühl hatte, wurde er sofort nach Hause geschickt. Dasselbe galt auch für die Matrosen.

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Das Heim und die Nostalgie

Anscheinend ist Nostalgie immer mit Elementen oder Gefühlen zu dem, was wir Zuhause nennen können, assoziiert. Und in der Tat kann das Wort Heimat sehr viel komplexer sein, als es zunächst scheint.

Das Heim ist das Elternhaus, mit Spielen und den ständigen Überraschungen über die Welt. Zuhause sind alle Menschen und Situationen, die uns sehr warmherzig aufnehmen, als ob wir dort zu Hause wären. Es ist auch die Heimat, der Ort, wo wir uns nicht als Fremde fühlen.

Mehr noch als ein spezifischer Ort, ist das Heim ein Geisteszustand, der sich durch eine durchdringende Atmosphäre von Vertrauen, Frieden und Erfüllung charakterisieren lässt.

Nostalgie und Erinnerung

Der Speicher der Erinnerungen funktioniert in erster Linie durch Emotionen. Selten erinnern wir Menschen und Dinge, wie sie wirklich waren, sondern wie wir fühlen, wie sie waren. Unser Gedächtnis ist nicht wie das eines Computers, der die Daten speichert, ohne sie zu verändern.

Ganz im Gegenteil, das menschliche Gedächtnis ist sehr formbar. Nicht immer passt es sich den Tatsachen so an, wie sie aufgetreten sind, und gibt ihnen je nach den Umständen verschiedene Bedeutungen.

Die Mutter, die das Geschirr auf den Tisch stellte, war eine Person, als wir sie dabei beobachteten. Und es ist eine andere, wenn sie nicht mehr da ist, und wir uns an sie erinnern.

Diese einfache Handlung nimmt eine neue Bedeutung an, und aus diesem Grund legen wir manchmal Gesten oder Worte hinzu, die vielleicht nie passiert sind, aber sie ergänzen unsere affektive Erinnerung, die wir uns konstruieren.

So ist Nostalgie: affektiv im Wesentlichen.

Nostalgie und Sehnsucht

Wie uns Milan Kundera erinnert, ist Nostalgie ein Wort, dessen Cousine die „Sehnsucht“ ist.

Das Wort Sehnsucht ist ursprünglich aus dem lateinischen Verb „ignorare“ entstanden, was soviel bedeutet wie: ignorieren oder etwas nicht zu wissen.

Nach dieser Reihe von Bedeutungen kann Nostalgie als das Leiden, das als Folge der Unwissenheit kommt, verstanden werden. Nicht zu wissen, wo jemand ist, oder wie es ihm geht. Es ist, was im Falle eines Todes geschieht: geliebte Menschen gehen von uns und etwas in uns würde gern noch mehr von ihnen erfahren.

Die Gläubigen wüssten gern, ob der Verstorbene nun im Paradies ist oder nicht. Ungläubige versuchen, die philosophischen und existenziellen Bedeutungen des Todes zu entschlüsseln, sie geben den Verstorbenen einen symbolischen Ort in der Welt.

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Nostalgie und Kreativität

In einer amerikanischen Universität gab es ein Experiment mit 175 Teilnehmern. Alle wurden gebeten, eine Geschichte, basierend auf einer Erinnerung, die Nostalgie hervorruft, zu entwickeln.

In der Geschichte sollte eine Prinzessin, eine Katze und ein Rennwagen vorkommen, und mit dem Satz beginnen: „An einem kalten Wintermorgen wurden ein Mann und eine Frau durch das Geräusch eines Alarms aus einem nahegelegenen Haus erschreckt.“

Das Ergebnis war, dass all diejenigen, die ein klares nostalgisches Ereignis hervorrufen konnten, wesentlich bessere Ergebnisse erzielten, als diejenigen, die nicht in der Lage waren, ein nostalgisches Ereignis in Erinnerung zu rufen.

Die Forscher stellten also fest, dass Nostalgie die Kreativität fördert. Das liegt daran, dass die Nostalgie Gefühle von Sicherheit, Zugehörigkeit und Bedeutung hervorruft, welche ein idealer Ausgangspunkt sind, um der Phantasie Flügel zu verleihen.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Claudia Plebani

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