Der Schmerz als Meister und nicht als Feind des Lebens

· 12. November 2015

„Ich bin ein Schatten meiner Selbst, eine tiefe und lange Spur, die meine Vermeidung prägt, und den Sinn meines Lebens habe ich noch immer nicht gefunden. Wer hat es soweit kommen lassen?

Die Jahre vergehen und ich lasse mich von einem zum nächsten Ereignis treiben, wie ein Blatt im Wind. Ich ändere mich mit und durch die Ereignisse meines Lebens, und je stärker ich einen Wandel brauche, desto mehr bitte ich darum, weil das, was mir gesagt wurde, wahr werden soll. Ich halte mich an der Vorstellung, am Wegweiser, an der Säule fest, die meine Last stützt, ohne mir darüber im Klaren zu sein, dass mich deine so weit herunterzieht, bis ich auf dem kalten und harten Boden aufkomme.

Die Morgenstunden werden einzigartig und die Nächte unendlich. Hoffentlich werde ich eines Tages die Energie eines Kometen haben, auch wenn mich nur sein Streif berühren sollte. Warum lässt uns das Schicksal leiden? Und am traurigsten ist die Frage: Warum müssen andere wegen mir leiden? Vielleicht bin ich nur noch da, weil ich es sein muss, aber mein Egoismus lässt das nicht zu. Ich brauche Arme, die mich halten, einen Herzschlag, der mich erwärmt, und ich muss den Atemzug einer mir vertrauten Seele spüren.

Mir wurde gezeigt, wie ich bestimmte Schmerzen vermeiden, vor ihnen fliehen, und sie verneinen kann. Doch dann kommt der Schmerz noch stärker wieder zurück und lässt mich nicht los, und wird ein hartnäckiger Lebensgefährte …

Du bitterer Schmerz, ich will dich nicht, lass mich, geh weg.

Du bitterer Schmerz, warum lässt du mich nicht los?

Mir wurde beigebracht, nicht an ihn zu denken. Mir wurde beigebracht, immer eine Lösung für ihn parat zu haben. Mir wurde beigebracht, Medikamente dagegen zu nehmen, einen Balsam für die Seele zu finden. Mir wurde gesagt, dass ich ihn ignorieren, mich auf etwas anderes konzentrieren solle, dass ich so vor ihm wegrennen solle wie vor dem Teufel in Person.“

In manchen Momenten des Lebens ist dieser innere Dialog eines Menschen, der leidet, vielleicht für viele von uns etwas, das wir bereits selbst einmal so fühlten. Sei es körperlicher oder seelischer Schmerz, den wir empfinden – unsere Kultur lehrt uns, vor dem Schmerz zu fliehen, irgendein Mittel, koste es, was es wolle, dagegen zu finden.
Manchmal greifen wir zu Tabletten, die unseren Schmerz betäuben. Mittel bleiben Mittel, mit denen wir etwas unterdrücken, was uns Angst macht.

Die moderne Gesellschaft erlaubt keinen Schmerz; sie versteht ihn als unnatürlich, und genau hier beginnt das große Problem – Schmerz ist für uns zu etwas Unnatürlichem geworden, weshalb wir ihn als Feind ansehen, vor dem wir flüchten müssen. Wir sehen ihn nicht als etwas Störendes an, das aber natürlich ist.

Für viele physische Probleme findet sich eine Lösung, für andere Probleme wiederum nicht. Oftmals ist dies notwendig, in anderen Fällen werden wir von Medikamenten abhängig und dann gibt es aber auch Fälle, in denen die Nebenwirkungen der Medikamente ein noch schlimmeres Übel verursachen, als der Schmerz zuvor allein auslöste.

Seerose

 

Aber was ist mit den psychischen Problemen? Den Seelenschmerzen …? Wie finden wir eine Lösung für diese Schmerzen? Gegen emotionales Leiden gibt es keine Tablette, keine Therapie, kein heilendes Wundermittel. Es gibt nichts, womit dieser Schmerz von heute auf morgen verschwindet, und je mehr wir versuchen, vor ihm davon zu laufen, desto weniger versuchen wir an ihn zu denken, oder vermeiden inständig auch, nur einen Gedanken daran zu verschwenden.

Um den Schmerz zu besiegen, setzen wir darauf, vor ihm zu fliehen. Deshalb nennen moderne Therapiemöglichkeiten dies „Erlebnisvermeidungssyndrom“ , durch welches wir laut Angaben dieser Therapien das Problem an sich vermeiden und dies durch andere Gefühle, wie Traurigkeit, Angst, Verbitterung oder Unbehagen noch verschlimmern.

Aber so kann der Schmerz nicht heilen. Gibt es denn nichts, was wir dagegen tun können? Doch das können wir! Und zwar müssen wir Schmerz zulassen und ihn nicht als etwas ansehen, vor dem man die Flucht ergreifen muss, sondern ihn als einen natürlichen Teil des Lebens akzeptieren.

Wir müssen unsere Sichtweise ändern und dem Schmerz ins Auge sehen, ohne ihn zu verurteilen. Wir müssen ihn einfach so nehmen, wie er ist, und uns auf ihn konzentrieren, ohne großartig über ihn nachzudenken, ihn zu werten, ihm einen Namen zu geben, Emotionen für ihn zu suchen… einfach nur annehmen und von ihm lernen, ohne ihn zu vermeiden, vor ihm zu fliehen, und nach und nach vollkommen die Kontrolle über ihn zu verlieren.

Den Schmerz als Meister und nicht als Feind des Lebens anzusehen muss erlernt werden. Schmerz ist nur Schmerz, und diesen Schmerz zu heilen, liegt ganz daran, wie wir ihm gegenüber stehen, oder besser gesagt, ihn als unvermeidlichen Teil des Lebens akzeptieren lernen.

Schmerz ist wie Ebbe und Flut, er kommt und geht. Und so müssen wir lernen, damit zu leben. Wir sollen uns ihm nicht unterwerfen, ihm nicht unentschlossen entgegen segeln, sondern ihn schlichtweg annehmen und unser Leben aktiv leben.

Um Schmerz zu bekämpfen, darf man nicht vor ihm davon laufen, sondern muss einen Weg finden, ihm die Stirn zu bieten. Und auch wenn das oft schwer fällt und uns Angst macht, kann man auch lernen, mit dem Schmerz zu leben, den Moment und die schönen Dinge des Lebens zu genießen.

Wenn wir uns vom Schmerz ablenken lassen, ohne vor ihm zu fliehen und ihm seine Daseinsberechtigung gewähren, dann passiert es sogar manchmal, dass es weniger schmerzt.

„Und damit lernte ich letztendlich, und obwohl ich das anfangs nicht zu schätzen wusste, mich als Mensch zu erfinden und zu wachsen.“

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Leon Chong