Normopathie: der ungesunde Wunsch, wie die anderen zu sein

9. März 2019

Wir sind keine Ausstechformen. Wir sind nicht verpflichtet, wie die anderen zu sein, uns wie ein Zuckerwürfel in einer Tasse Kaffee aufzulösen. Unsere Individualität macht uns einzigartig und wertvoll, doch heute sind wir Zeugen – und in vielen Fällen Opfer – einer sehr ausgeprägten Normopathie. So macht uns dieses fast zwanghafte Bedürfnis, wie der Rest zu sein, zu Objekten innerhalb einer klar materiell orientierten Gesellschaft.

Wir können mit Sicherheit sagen, dass dieses Phänomen nicht neu ist. Christopher Bollas, seines Zeichens Schriftsteller und Psychoanalytiker, weist jedoch darauf hin, dass die Auswirkungen der Technologie unser Denken und sogar unsere Persönlichkeit verändern. Was wir zum Beispiel auf dem Bildschirm eines Handys oder eines Computers sehen, hat eine immense Wirkung auf uns.

In seinem letzten Werk Meaning and Melancholia: Life in the Age of Bewilderment (zu Deutsch: Bedeutung und Melancholie: Leben im Zeitalter der Verwunderung,  noch nicht auf Deutsch verfügbar) versucht Bollas, innerhalb der modernen psychoanalytischen Theorie, uns vor einem sehr konkreten Aspekt zu warnen: In unserem Umfeld lebe eine große Anzahl von Normopathen. Es sind Menschen, die nicht tiefer in ihre eigene Identität eingedrungen sind, die nicht an ihrer Selbsterkenntnis gearbeitet haben und die mit nur einem Ziel leben: der sozialen Bestätigung.

Dieses Ziel besteht darin, die eigene Individualität beiseite zu lassen und zu versuchen, sich kraftvoll in das einzufügen, was sie unter „Normalität“ verstehen. Indem sie also fast bis zum Kern nachahmen, was andere in ihren Gruppen in sozialen Netzwerken, auf WhatsApp oder in diesem oft geschlossenen Kreis von Freunden oder Gemeinschaften tun, sagen oder denken, erhalten sie ein Ebenbild von Gleichgewicht und psychologischer Ruhe. Sich außerhalb der Norm zu bewegen, nicht in diese erfundene und unmögliche Form zu passen, führt bei ihnen unweigerlich zu großem Leid.

Darüber schwelt in jedem Normopathen auch ein ewiges Gefühl der Melancholie, der existenziellen Leere. Es ist die offensichtliche Spur eines Geistes, der es nicht gewagt hat, die Nabelschnur zu durchtrennen, der es nicht geschafft hat, seine wertvolle Persönlichkeit auf individuelle Weise zu entwickeln.

„Normopathie ist der abnormale Impuls zur vermeintlichen Normalität.“

Christoph Bollas

Mensch wählt zwischen Masken

Normopathie ist eine ungesunde Angelegenheit

Es gibt eine Sache, die seltsam ist: Wir hören gern von anderen, dass wir einzigartig und besonders seien. Meistens versuchen wir jedoch, wie die anderen zu sein, in das zu passen, was von uns erwartet wird. Wenn wir uns andernfalls dafür entscheiden, unsere eigene Stimme zu haben, nach unseren Wünschen und Beweggründen zu handeln, dauert es nicht allzu lange, bis wir darauf hingewiesen werden, dass wir doch nicht aus der Reihe tanzen sollen.

Albert Ellis, der berühmte kognitive Psychotherapeut, pflegte zu sagen, dass der Schlüssel zum Glück darin bestehe, in einer fast immer ungerechten Welt zu lernen, wir selbst zu sein. Irgendwie, ob es uns gefällt oder nicht, seien wir alle gezwungen, uns mit kritischen Stimmen, mit großen und kleinen Schwierigkeiten und natürlich mit Ungerechtigkeiten auseinanderzusetzen.

Der Normopath seinerseits befasst sich mit nichts, nimmt an und lässt sich gehen. Er imitiert nur, gehorcht und gibt nach. Weil die Normopathie schrecklich passiv ist und kommt, um gültige Handlungen und Dimensionen zu rationalisieren und zu geben, die manchmal völlig unlogisch sind. Christopher Bollas spricht zum Beispiel über den Fall eines jungen Mannes, der versuchte, sich das Leben zu nehmen, nur weil er nicht so gut im Fußball war wie seine Freunde.

Schauen wir uns nun im Detail an, was einen Normopathen ausmacht – und wie er diesem Zustand entkommen kann.

Mann mit unendlicher Reihe an Spiegeln

Merkmale, die einen Normopathen definieren

Der Begriff Normopathie wurde von der Psychoanalytikerin Joyce McDougall geprägt, einer der wichtigsten Referenzen im Bereich der kindlichen Schizophrenie. In ihrem Buch Plädoyer für eine gewisse Anormalität führte sie dieses Wort ein, um im Grunde genommen die Angst vor Individualität zu definieren.

  • Es sind Menschen, die sich jederzeit nach sozialer Anerkennung sehnen und ihre eigene Identität und sogar ihre Würde beiseite lassen, um Bestätigung zu erhalten.
  • Fast ohne es zu merken, erschaffen sie am Ende ein falsches Selbst. Es ist eine Einheit, die sich nur auf das Äußere konzentriert, um angezogen von dem zu leben, was in ihrer nächsten Umgebung passiert: Freunde, Gemeinschaft, soziale Netzwerke …
  • So wird in einer Studie von Howard Gardner und Katie Davis darauf hingewiesen, dass einige unserer jungen Menschen das nutzen, was sie als „App-Mentalität“ definiert haben.
  • Vor allem Teenager neigen dazu, ihr Leben auf die gleiche Weise wie ihre Anwendungen zu navigieren: mit wenigen Optionen, mit den gleichen Werkzeugen, die andere verwenden, und ohne unerwartete Risiken.
  • Ihr Denken ist operational. Ihr App-Mentalität erlaubt es ihnen nicht, zu reflektieren, geschweige denn zu wissen, wie sie diese Tür zu einem nicht nur vernachlässigten, sondern auch unerforschten Innenraum öffnen können.
  • Normopathie ist gleichbedeutend mit Leiden. Das ist etwas, worüber wir uns im Klaren sein müssen. Weil der Normopath leidet, fühlt er sich immer verloren und leer. Er ist ein Analphabet der Gefühlswelt und weiß noch nicht, wie er mit Frustration, Enttäuschung, Versagen usw. umgehen soll.

Was machen wir mit einem Normopathen?

Normopathie ist eine „Krankheit“, die durch die Praxis von Individualität geheilt wird. Der Normopath ist ein Mensch, der sein Innenleben verleugnet, um sich ausschließlich der Ausübung des Oberflächlichen, des Leeren, der sinnlosesten Nachahmung zu widmen, bis er zum Objekt wird. Früher oder später wird das Leiden kommen, die ewige Unzufriedenheit.

Dann wird diese Art von Profil gezwungen sein, um Hilfe zu bitten, diese Reise anzutreten, wo sie an Selbstwertgefühl, Identitäten, Werten und Persönlichkeiten arbeitet. Dann kommt der Moment, in dem die authentische Nabelschnur endlich durchtrennt wird, um sich als freies Wesen mit eigenem Abdruck, mit eigener Geschichte, Rhythmus und Besonderheiten zu erheben. Der Normopath kann geheilt werden, und wird dies auch tun, wenn er sich bewusst wird, dass es nichts derart Abnormales gibt wie die Obsession, normal sein zu wollen.

  • Bollas, Christopher. (2018). Meaning and Melancholia: Life in the Age of Bewilderment. New York and London: Routledge.