Nichts endet, sondern alles ändert sich

· 25. Januar 2016

„Ein Anfang erlischt nie völlig, nicht einmal mit einem Ende.“

Harry Mulisch

Es war Lavoisier, der dieses universelle Gesetz entdeckte: „Eine Materie kann weder erschaffen noch zerstört werden, sie kann nur von einer Form in eine andere umgewandelt werden.“ Aber hat diese chemische Maxime auch einen Wert für immaterielle Dinge, wie Gefühle, Emotionen und Gedanken?

Vor dieser Frage sehen wir uns prinzipiell, wenn wir eine Situation durchleben, in der wir einen Verlust oder eine Trennung verkraften müssen.

Immer dann, wenn eine Beziehung endet und wir nicht darauf vorbereitet waren. Wenn jemand stirbt, den wir lieben und wir das intensive Bedürfnis verspüren, ihn wieder zu sehen. Wenn Menschen oder schöne Situationen aus unserem Leben verschwinden.

Aber können wir wirklich sagen, dass etwas für immer zu Ende ist? Dass der Tod oder die Distanz das Ende von allem darstellt?

Ende

Dinge des Lebens, die einmal enden

Wir wissen alle, dass ein Anfang auch ein Ende hat. Wenn wir wirklich so denken, dann haben wir einen Großteil unseres Lebens damit verbracht, Lebewohl zu sagen. Wir weihen neue Situationen ein, in dem wir alte formell begraben.

Wenn wir geboren werden, endet die Zeit der Schwangerschaft. Wir sagen Lebewohl zu dem Bauch, in dem es schön warm war und in dem wir nichts machen mussten, um unsere grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen.

Fortan werden wir eine Kette von Anfängen und Enden durchleben, die sich ohne Unterlass ereignen.

Wir sagen unserer Mutter tschüss, wenn wir in die Schule gehen. Wir sagen unserer Kindheit Lebewohl, um unsere Jugend aufblühen zu lassen. Wir verabschieden uns von dieser Jugend, um alt zu werden. Und letztendlich müssen wir uns darauf vorbereiten, unserem Leben adieu zu sagen.

Wir durchleben eine Vielzahl an Dingen, die zwischenzeitlich enden.

Wir wechseln unsere Schule und somit beenden wir Verbindungen, die wir begründet haben und Erwartungen, die in unserem Geist aufblühten. Wir ziehen in ein anderes Viertel und wir entdecken, dass alles endet und alles wieder von Neuem beginnt. Wir finden eine neue Arbeit, oder gehen in ein anderes Land, oder wir sehen einfach nur, dass jeder Tag irgendwann endet und unwiederholbar ist.

Wir setzen uns unentwegt mit Dingen auseinander, die enden, ohne es zu bemerken.

Dinge, die enden und uns wirklich erschüttern, sind die, bei denen wir von Angesicht zu Angesicht dem Ewigen, dem Endgültigen gegenüberstehen. Die Dinge, die uns die Vorstellung des „für immer“ oder „nie wieder“ hinterlassen.

Mitten ins Nichts zu blicken ist eine überwältigende Erfahrung. 

Ein Ende ohne Ende

Es gibt eine Person, die wir lieben und, die für immer gegangen ist. Entweder ist diese Person gestorben, oder sie hat sich einfach nur ohne Zurück von uns getrennt.

Das, was uns hierbei leiden lässt, ist das Bewusstsein darüber, dass wir diese Person physisch nie wieder bei uns haben können oder auch dass die Verbindung, die einst existierte, nie mehr die gleiche sein wird. 

Wir wissen das, und dennoch empfinden wir weiterhin Liebe für diese Person, oder die Notwendigkeit so weiterzumachen. Das ist das Drama: die Verbindung löst sich, aber das Gefühl, das sie hervorgerufen hat, bleibt. Physisch gesehen ist dieser Jemand nicht mehr da, aber die Empfindungen für diese Person sind so lebhaft wie immer.

Ende2

Wir weigern uns alle, jemanden gehen zu lassen, den wir lieben. Wir können ebenso wenig diese Routine gehen lassen, in der wir uns sicher, glücklich und friedlich gefühlt haben, weil wir diese Person gesehen oder gehört haben.

Auch wenn diese Verbindung nicht die beste war, zu wissen, dass dieser Jemand da war, hat uns das Gefühl gegeben, dass das gesamte Universum in Ordnung ist. Aber jetzt ist diese Person nicht mehr da und uns bleibt nur ein dunkler Abgrund, in dem wir uns nicht befinden wollen.

Alles, was einmal beginnt, endet irgendwann. Und dafür wird alles, was einmal endet, auf einer anderen Ebene neu beginnen. 

Dies alles passiert in der Welt der Physik, der Chemie und auch in der Welt des Menschlichen. Aber keine dieser tief gehenden Realitäten, die wir erlebt haben, wird ganz verschwinden. Keine der tiefgreifenden Gefühle, die wir spüren durften, werden erlöschen.

Kurz nach einem Verlust, einer Abwesenheit und der Leere, wartet die harte Realität, die wir ertragen müssen. Mit der Zeit wird dort, wo einst eine große Liebe war, ein Garten voller wunderschöner Erinnerungen heranwachsen, der uns für immer Kraft geben wird.

Dort, an jenem Ort, an dem wir diesen Jemand für immer vermissen werden, wird ein tiefgründiges Gefühl der Dankbarkeit keimen, das uns das Leben mehr zu schätzen wissen lässt.

Auf eine Art und Weise sind die, die einst gegangen sind, für immer bei uns geblieben. Sogar wenn wir schon gar nicht mehr an sie denken, wird das, was sie in unserem Herzen heranwachsen ließen, uns erlauben, das zu sein, was wir heute sind. Denn es hat uns ergänzt, charakterisiert und definiert.

Der Schmerz wird sich nur in die Länge ziehen und unerträglich sein, wenn wir nicht anfangen, zu akzeptieren, dass manche Dinge enden und wir darüber keinerlei Kontrolle haben. Ein neuer Beginn kann und sollte niemals eine Wiederholung von dem sein, was einmal war.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Tomasz Sienicki