Der Wolf meiner Leeren: Wie kann man mit Verlusten umgehen?

· 4. November 2015

Gelegentlich zeigen wir eine komische Ansicht zum täglichen Überleben. Wir treffen uns mit Freunden, Arbeitskollegen, Verwandten, wir sprechen über unsere Angelegenheiten wie jemand, der sich geradeso über Wasser hält, ohne zu ertrinken: „Ja, mir ging es schlecht, aber ich habe es überstanden.“ – „Am Ende habe ich es nicht bekommen, aber schau, ich komme mit dem zurecht, was ich habe.

Der Welt erscheinen wir als kleine Kämpfer, deren Schwierigkeiten den Alltag dominieren und die mit allen Dingen Aussagen wie „das wird schon irgendwie gehen“  oder „das ist alles, was es gibt“  und eine gewisse Resignation verbinden.

Wir tauschen unterstützende Worte aus und verstehen uns gegenseitig in Stillschweigen, aber wir nehmen es auf uns, dass dieser unsichtbare Feind, diese Leere, dieser Schmerz, dieser Verlust, im Inneren, tief in uns drin, weiterlebt.

Aber was meinen wir eigentlich, wenn wir von Verlusten reden? Es geht nicht einzig um den physischen Verlust einer geliebten Person, sondern in Wirklichkeit gibt es viele verschiedene Arten von Verlusten, die verschiedenen Arten von Leeren entsprechen, zum Beispiel Frustration, Enttäuschung, Angst in all ihren Facetten, Versagen, und auch dieses Loch ohne Boden, das wir „existenzielle Leere“ nennen.

Wie können wir all diese Level persönlicher Verluste am effektivsten konfrontieren? Diese inneren Wölfe, die uns unerbittlich von innen zerfleischen? Darum soll es heute gehen.

Um zu überleben, muss man Verluste akzeptieren und Leeren verstehen

Wie der polnische Soziologe Zygmunt Bauman häufig betont, leben viele von uns in einer Art „flüssiger Gesellschaft“, in der der sofortige Genuss und die kurzzeitige Bereicherung sehr geschätzt werden. Nichts scheint lange zu halten, nicht einmal persönliche Beziehungen.

Es ist, als würde unsere Gesellschaft ausschließlich die positive Seite der Dinge begehren, aber sobald etwas komplizierter wird oder größere Anstrengung erfordert, werden die „menschlichen Nerven“ schwach oder geben nach. Denken wir etwa an den Freund oder den Verwandten, bei dem eine Depression diagnostiziert wurde. Wir helfen ihm, indem wir ihm auf die Schulter klopfen und sagen „so etwas kommt vor“  und er solle ja nicht vergessen, seine Medizin zu nehmen.

Der Schmerz ist uns fremd, wir verstehen ihn nicht, und deshalb fliehen wir vor ihm. Wie wäre es, wenn wir uns vor unseren Freund oder Verwandten stellen würden und ihn bitten würden, uns zu sagen, welchen Schmerz seine Seele empfindet? Oder uns von seinen Leeren zu erzählen? Oder wie wäre es, wenn wir ihn dazu einladen, sich durch Worte oder Tränen zu erleichtern?

Um in dieser komplexen Welt zu überleben, müssen wir unsere Feinde konfrontieren, müssen wir wissen, wie wir auf sie hören, sie verstehen und akzeptieren können. So wachsen wir als Person, denn die Traurigkeit und der Schmerz sind keine Abfälle, die wir tief in unserer Seele oder in der Dunkelheit eines Zimmers vergraben müssen.

Jede existenzielle Leere hat eine Form und wir müssen diese verstehen, um diesen inneren Wolf ausbrechen zu lassen und um uns, wohlwissend, was wir brauchen, sicherer zu bewegen.

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Schritte, um meine persönlichen Leeren zu konfrontieren

Zuallererst ist es viel wert, eine Sache zu berücksichtigen, die wir alle häufig machen: Zu glauben, dass das Leben so sein wird, wie wir es wollen, oder fast so, wie wir es uns durch unsere Vorsätze ausgemalt haben. Und nein, das ist an sich nicht schlecht, aber wir müssen dabei vernünftig sein und akzeptieren, dass es die Möglichkeit gibt, die kleine aber nicht unwahrscheinliche Möglichkeit, dass wir nicht alles bekommen, was wir uns sehnlichst wünschen.

Bedeutet das also, dass wir unvermeidbar dazu verdammt sind, unglücklich zu sein? Keineswegs! Das wahre Glück liegt nicht darin, all unsere Träume zu verwirklichen, sondern darin, zu lernen, auch mit dem Erreichten glücklich zu sein, und auch mit dem, was wir verloren haben.

Überrascht? Sicherlich nicht, aber es ist nützlich diese Dimensionen zu verstehen, diese Schritte, um jede einzelne unserer persönlichen Leeren zu konfrontieren.

  1. Wenn dir klar wird, dass das Leben Dinge gebracht hat, die du nicht erwartet hast, oder dir, diejenigen, die du erwartet hast, nicht gebracht hat, lass dich davon nicht herunterziehen. Akzeptiere deine Gegenwart so wie sie ist, in all ihren Dimensionen, inklusive Leid und Schmerz. Weine, falls du es musst, und ärgere dich, wenn du willst.
  2. Zweiter Schritt: Zwinge die Dinge nicht, so zu sein, wie du das willst, weil du so nur das Problem vergrößerst. Wenn dir dein Partner gesagt hat, dass er dich nicht liebt, nimm es an und plage dich nicht damit. Wenn du diesen bestimmten Job nicht bekommen hast, bedaure dich nicht wegen dieses Versagens, sondern versuche, andere Wege zu gehen.
  3. Akzeptiere das, was passiert ist. Verstehe, was passiert ist, und auch wenn es dir unverständlich vorkommt, versuche an der Erfahrung, die du gemacht hast, zu lernen. Vielleicht hilft dir der Schmerz der Stunden, um in der Zukunft denselben Fehler nicht noch einmal zu begehen. Es könnte sein, dass dich diese existenzielle Leere zu neuen Bereichen in deinem Leben führt, die dich wirklich erfüllen. Wieso es nicht einfach ausprobieren?
  4. Schaue nach vorn, vergib, entfliehe diesen Gewichten, die dich hinunterziehen, und setze das in deinem Leben Gelernte um. Denn es gibt nichts Bereichernderes als diese Leeren mit Wissen und Erfahrung zu füllen.