6 Mythen über den Schmerz

· 3. November 2015

Wenn wir jemanden verlieren, wissen wir dann, was wir tun sollen? Nein, oder? Wieso bekommen wir von klein auf beigebracht, wie man sich in bestimmten Situationen verhält, wie man Dinge umsetzt, wie man spricht – aber niemand hat uns jemals gezeigt, was wir machen sollen, wenn uns jemand verlässt und wir im Schmerz versinken?

Heute geht es um 6 Irrglauben, wie man dieses bedrückende Gefühl überwinden kann, die uns sowohl von der Gesellschaft als auch zu Hause eingeschärft wurden. Kommen sie dir bekannt vor?

1. Ein Verlust wird durch einen Gewinn wieder wettgemacht

Man hat uns beigebracht, um über etwas Verlorenes hinwegzukommen, müssen wir es einfach ersetzen. Wenn zum Beispiel unser Haustier stirbt, kaufen wir eben ein Neues. Aber was wurde uns da eigentlich beigebracht?

Etwas zu ersetzen bietet uns die Linderung, die wir uns in unserem Schmerz sehnlichst erhoffen. Kennst den Spruch „Es gibt noch viele andere Fische im weiten Meer.“ ? Wahrscheinlich hast du das so oder so ähnlich schon einmal zu jemand anderem gesagt, oder jemand anderes zu dir, wahrscheinlich in einer Situation, in der es einen Bruch gegeben hat. Hat das deine Trauer gelindert oder dir Kraft gegeben?

Gewürznelke

Wir sollten niemals versuchen, etwas zu ersetzen, das uns viel bedeutet hat! Auch wenn es andere mögliche Partner oder Freunde gibt, es wird niemals dasselbe sein. Warum unserem Schmerz entfliehen? Sind wir so schwach, dass wir ihn nicht ertragen können?

2. Wenn du leidest, leide allein

Wenn jemand weint, weicht er von der gesellschaftlichen Norm ab; wenn wir leiden, wollen wir allein sein. So wurden wir erzogen. Niemals soll man in der Öffentlichkeit weinen, unterdrücke deine Gefühle!

Wenn wir weinen wollen, machen wir das im Privaten. Unsere Gefühle öffentlich zu zeigen, ist uns peinlich. Im Gegensatz zur Freude zeigen wir Trauer nicht in Anwesenheit anderer. Das zeigt uns, dass Trauer nicht gut ist, ein unerwünschtes Gefühl. Allerdings gilt das nur für die anderen, weil sie sich unwohl fühlen, wenn sie jemanden in Trauer sehen. Für uns ist Trauer ein Gefühl wie jedes andere, das sich unmöglich unterdrücken lässt.

3. Die Zeit heilt alle Wunden

Ein weiterer Irrglaube, den man uns eingetrichtert hat, ist, dass der Schmerz mit der Zeit vorübergeht. Da müssen wir genauer hinschauen: Es hängt von der Person ab, die uns verlassen hat, und wie viel sie uns bedeutete.

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Die Vorstellung, dass die Zeit alle Wunden heilt, ist entstanden, weil wir nach einer gewissen Zeit nicht mehr ganz so traurig sind wie kurz nach unserem Verlust. Das bedeutet jedoch nicht, dass unser Schmerz geheilt ist. Der Schmerz einer Mutter, deren Kind gestorben ist, wird wahrscheinlich niemals heilen. Jahre können vergehen, ohne dass sich der Schmerz legt. Allerdings lernt man mit der Zeit, mit dem Schmerz zu leben.

4. In einer Woche hast du es überstanden

Führt der Schmerz etwa Buch? Nein, er ist etwas sehr Individuelles! Bei manchen bleibt er eine Woche, bei anderen Monate oder Jahre. Ihm Wichtigkeit abzusprechen, indem man ihm eine begrenzte Zeit einräumt, ist zynisch.

Wir werden nicht einfach vergessen, dass wir jemanden verloren haben. Die Dauer des Schmerzes hängt von uns persönlich und von der Bedeutung der verlorenen Person ab. Wir überwinden die Trauer nicht einfach, wenn wir wollen, sondern erst, wenn wir wirklich dazu bereit sind.

5. Du musst dich ablenken

Ablenkung beruhigt uns und lindert den Schmerz. Falsch! Beschäftigung lenkt uns nicht ab, geschweige denn, dass sie unseren Schmerz heilt. Wir können unsere Gefühle nicht austricksen. Wir können den Schmerz so vielleicht verdrängen, aber nicht mit ihm fertig werden. Früher oder später wird er wiederkommen, und dann noch viel stärker.

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Akzeptiere den Schmerz, lasse ihn zu! Versuche nicht, dich von deinen Gefühlen abzulenken. Akzeptiere sie, nimm sie an und fühle sie! Du kannst etwas Natürliches nicht abwehren, etwas Unvermeidbares muss passieren. Auch wenn du nicht willst, auch wenn du dich gegen ihn sträubst, auch wenn du dich ihm verweigerst, der Schmerz wird bleiben.

6. Sei stark!

Durchhalten und stark sein sind zwei vermeintliche Prinzipien, um nach einem Verlust nicht zusammenzubrechen. Doch im Gegenteil, derjenige, der diesen Prinzipien folgt, bricht zuerst zusammen. Warum? Weil man den Schmerz so in sich einschließt. Man zieht sich eine Maske der Ausdauer und Kraft auf, während man in Wirklichkeit innerlich in Schmerz versinkt.

Wir wollen nicht, dass andere uns unsere Schwäche ansehen. Diese Schwäche allerdings kennt jeder. Warum können wir sie dann nicht zeigen? Warum Stärke vortäuschen, die wir nicht besitzen? Wir sind keine Maschinen! Wir fühlen, wir trauern und wir leiden. Lassen wir diese falschen Prinzipien beiseite!

Diese 6 Mythen und Irrglauben über den Schmerz hat man uns allen beigebracht und sie bestimmen unser Leben. Konntest du dich in ihnen wiederfinden? Ganz sicher! Ständig unterdrücken wir unsere Gefühle, lenken wir uns von unserem Schmerz ab, versuchen wir stark zu sein, obwohl wir in Wirklichkeit schwach sind. Lassen wir unseren Schmerz zu und vergessen wir diese Irrglauben, die uns verwundbar machen. Schmerz schwächt nicht, er führt uns einzig vor Augen, wie sehr wir die Person, die uns verlassen hat, liebten.