Neurosexismus: angebliche Unterschiede im Gehirn

· 15. Mai 2019

In der neurowissenschaftlichen Forschung wird seit Jahren versucht, die Unterschiede zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen zu definieren und zu interpretieren. Das ist es, worum es beim Neurosexismus geht: darum, dass es je nach Geschlecht, mit dem die Person geboren wird, Unterschiede hinsichtlich Funktion, Größe und/oder Forme bestimmter Regionen des Gehirns gibt, die eine ungleiche Behandlung rechtfertigen würden.

In der neurowissenschaftlichen Forschung wurden sogenannte „Neuromythen“ verbreitet. Diese dienten zu vielen Gelegenheiten als Grundlage für die Bestätigung der Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Das ist eine bemerkenswerte Situation, zu der die neurowissenschaftliche Gemeinschaft selbst beigetragen hat. Tatsächlich haben es nur wenige Menschen – und von denen meist Frauen – gewagt, diese Mythen infrage zu stellen.

Professorin Sonia Reverter-Bañón von der Universität Jaume I in Castellón (Spanien) veröffentlichte deshalb eine kritische Reflexion über den Neurosexismus.

Kritisches Denken vs. Neurosexismus

Reverter-Bañón berichtet in ihrer Arbeit von einer kuriosen Anekdote. 1915 äußerte sich ein Neurologe namens Charles Dana in der New York Times  über das Wahlrecht von Frauen. Dies hat der Arzt gesagt: „Wenn Frauen das feministische Ideal erreichen und wie Männer leben, gehen sie das Risiko einer Demenz mit einer um 25% höheren Wahrscheinlichkeit ein als bisher.“

Aber auf welcher Grundlage hat er diese Idee zum Ausdruck gebracht? Nun, anscheinend hat er es getan, weil er glaubte, dass bestimmte Merkmale des zentralen Nervensystems von Frauen implizieren, dass sie emotional instabil wären. Dies hätte sich nach Ansicht des Arztes auf die Effektivität von Frauen bei der Bewertung von politischen Initiativen oder Justizbehörden ausgewirkt. Daher wäre laut diesem Wissenschaftler die Beteiligung von Frauen an der Politik nicht nur gesellschafts- sondern vor allem gesundheitsgefährdend für die Frauen selbst.

Diese Worte, so Professor Reverter-Bañón, könnten als „pseudowissenschaftliche Äußerung“ katalogisiert werden. Dieses Label bezieht sich auf diejenigen Überzeugungen, die auf schädliche und unwissenschaftliche Weise von der wissenschaftlichen Gemeinschaft selbst verteilt und gepflegt werden.

Danas Ausführungen sind nur ein Beispiel dafür, was sich in der wissenschaftlichen Gemeinschaft seit Jahren als eine Art Offensichtlichkeit etabliert hat – und jeglicher Grundlage entbehrt.

Gehirn aus Draht

Neuromythen und Neurosexismus

Ein Neuromythos, wie er 2002 von der OECD definiert wurde, ist ein Missverständnis, eine Fehlinterpretation oder sogar eine absichtliche Verzerrung wissenschaftlicher Fakten zu einem bestimmten Zweck.

Der Begriff Neurosexismus seinerseits ist ein Neologismus. Er soll das Label bezeichnen, das all jene Positionen und Theorien umfasst, mit denen die neurowissenschaftliche Forschung bereits etablierte Vorstellungen über die inhärenten Unterschiede zwischen den Geschlechtern verstärkt. Der Begriff wurde 2008 von Cordelia Fine erstverwendet. Populär wurde er mit ihrem 2010 erschienenen Buch Die Geschlechterlüge: Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann.

Gegen diesen Neurosexismus tritt der Neurofeminismus auf den Plan, der die populistisch anmutenden Erkenntnisse des Neurosexismus infrage stellt und öffentlich anklagt: Falsche Ergebnisse, kombiniert mit einer schlechten Qualität der zugehörigen Studien, ungeeignete Methoden, unbewiesene Annahmen und voreilige Schlussfolgerungen seien demnach die Basis des Neurosexismus. Darüber hinaus mangele es neurosexistischen Untersuchungen an Tiefe und Kenntnissen zum Umfang kultureller Muster, Überzeugungen und Erwartungen in unserem Kopf.

Außerdem komme es zu einer Kontamination der Neurowissenschaften durch die Vorurteile, die die Forschung auf diesem speziellen Gebiet leiten. Wenn es darum geht, sexuelle Unterschiede im Gehirn zu beschreiben, haben die folgenden Punkte einen besonderen Einfluss:

1. Verwechslung der Konzepte „Geschlecht“ und „Gender“

Laut Reverter-Bañón gelte Gender als wichtigstes, aber oft übersehenes Element in der Besetzung von Geschlechterrollen. Diese können patriarchalisch sein oder nicht, in der Bildung, der Kultur und in den verschiedenen Sozialisationsprozessen des Einzelnen auftauchen und verfestigt werden.

Im Allgemeinen gehen wir von einer Dualität hinsichtlich Geschlecht und Gender aus. Wenn wir diese Schlussfolgerung ziehen, berücksichtigen wir jedoch Konzepte wie Transgender oder Intragender nicht. Eine Differenz zwischen Gender, dem sozialen Geschlecht, und dem biologischen Geschlecht setzt aber eine differenzierte Geschlechterkonstruktion voraus.

Daher, so Reverter-Bañón, sei eine Analyse der Sexualforschung notwendig. Hat es wirklich eine wissenschaftliche Grundlage, die Geschlechter (vorsozial) in durch unterschiedliche Erziehung in differenzierte Rollen (sozial) zu trennen?

Mann und Frau schauen sich an

2. Unzulänglichkeit von Beweisen und Vorurteilen, die die Schlussfolgerungen leiten

Wie einige Autoren angedeutet und Metastudien bestätigt haben, führen uns die vermeintlich wissenschaftlichen Beweise nicht in wissenschaftlich akzeptabler Weise zu dem Schluss, dass sexuelle Unterschiede im Gehirn verankert wären. In diesem Sinne sollen drei Ideen deutlich gemacht werden:

  • Die Unterschiede in den Gehirnen von Männern und Frauen sind statistisch nicht signifikant. Korrekt erarbeitete Resultate haben deutlich gemacht, dass bei  die Geschlechterunterschiede in der Regel verschwinden, wenn die Stichprobe ausreichend groß gewählt wird. Dies ist auf die interindividuelle Variabilität in der Gehirnfunktion zurückzuführen, die bei kleinen Gruppen beeindruckend sein kann.
  • Neurosexistische Ergebnisse wurden in der Regel in einer simulierten Realität im Labor gewonnen.
  • Wenn es sich um fMRI-Daten handelt, liefert die Visualisierung dieser nur ein Standbild des Zustands des Gehirns einer Person. Dieses kann uns keine direkten Hinweise auf die biologischen Faktoren oder soziokulturellen Prozesse geben, die diese Kondition hervorgerufen haben.

Daher erscheint es absolut notwendig, wissenschaftliche Beiträge zu diesen vermeintlichen Unterschieden in den Gehirnen von Männern und Frauen zu aktualisieren oder zurückzuziehen. Der Neurosexismus ist ein Schatten, über den wir die Möglichkeit haben, Licht zu werfen, sowohl mittels des Neurofeminismus als auch einer Neurowissenschaft, die gegenüber den Gedanken kritisch ist, die ein guter Teil der Gesellschaft übernommen hat, ohne sie zu hinterfragen.

  1. Reverter Bañón, S. (2016). Reflexión crítica frente al neurosexismo.
  2. Bem, S. L. (1983). Gender schema theory and its implications for child development: Raising gender-aschematic children in a gender-schematic society. Signs: Journal of women in culture and society, 8(4), 598-616.
  3. Pallarés Domínguez, D. V. (2016). Neuroeducación en diálogo: neuromitos en el proceso de enseñanza-aprendizaje y en la educación moral.
  4. Bañón, S. R. (2010). La deriva teórica del feminismo. Daimon Revista Internacional de Filosofia, 153-162.
  5. Vidal, C. (2012). The sexed brain: Between science and ideology. Neuroethics, 5(3), 295-303.
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  8. Hyde, J. S. (2006). Gender similarities still rule.
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