Neuroethik: Merkmale und Entwicklung

Die Neuroethik ist eine relativ junge Disziplin, die sich zwischen den Neurowissenschaften und der Philosophie bewegt.
Neuroethik: Merkmale und Entwicklung
Bernardo Peña Herrera

Geschrieben und geprüft von dem Psychologen Bernardo Peña Herrera.

Letzte Aktualisierung: 15. Dezember 2022

Die Neuroethik bewegt sich zwischen den Neurowissenschaften und der Philosophie. Sie hat sich in den vergangenen Jahren aufgrund der zahlreichen Studien und Forschungen über das Gehirn entwickelt. Im Jahr 2002 popularisierte sich der Begriff Neuroethik nach einer Konferenz in San Francisco, auf der verschiedene Experten das Ziel formulierten, die ethischen und sozialen Auswirkungen der Hirnforschung zu untersuchen. Die Konferenzbeiträge wurden in dem Buch “Neuroethics: Mapping the Field” veröffentlicht.

Im Jahr 2006 wurde schließlich die Neuroethics Society gegründet, die sich zum Ziel setzte, sich mit den sozialen, rechtlichen, politischen und ethischen Auswirkungen der Fortschritte in den Neurowissenschaften auseinanderzusetzen. Diese Disziplin ist relativ jung, doch äußerst interessant. Erfahre anschließend mehr darüber.

Die Neuroethik bewegt sich zwischen den Neurowissenschaften und der Philosophie.

Entstehung der Neuroethik

Um die Entstehung der Neuroethik als Wissenschaft zu verstehen, müssen wir den interdisziplinären Charakter der Neurowissenschaften berücksichtigen, der auf die große Anzahl verschiedener Disziplinen, die das Nervensystem erforschen, zurückzuführen ist.

Im Laufe der Zeit wurde das Bedürfnis nach Verständigung zwischen diesen Disziplinen immer größer und auch ethische Fragen wurden immer wichtiger. Dazu kommt, dass die Bioethik in sehr kurzer Zeit wichtige Fortschritte erzielte. Dieser Wissenschaftszweig befasst sich vorwiegend mit den ethischen Aspekten der Biowissenschaften, wie der Biologie oder der Medizin – ein motivierender Impuls für Neurowissenschaftler, sich ebenfalls mit der Ethik zu beschäftigen.

Andererseits führte die parallele Entwicklung der Neurowissenschaft dazu, dass sich die wissenschaftlichen Forschungslinien auf Themen verlagerten, die mehr mit dem inneren Aspekt des Menschen zu tun hatten  – beispielsweise ihre Krankheiten oder ihre kognitiven und emotionalen Funktionen. Daher entstand schrittweise der Bedarf an einer Disziplin, die sich mit der Festlegung geeigneter Regeln für die Koordinierung der Forschung in diesen Bereichen befasst. So entstand die Neuroethik.

Das Treffen in San Francisco 2002

Die Universitäten von Stanford und Kalifornien organisierten 2002 ein Treffen in San Francisco (Kalifornien), das die Geburtsstunde der Neuroethik als wissenschaftliche Disziplin markierte. Auf einem Kongress, an dem rund 150 Neurowissenschaftler teilnahmen, wurden die Grundlagen der Disziplin gelegt.

Auf diesem Treffen mussten sich die Fachleute auf die Definition und den Bereich der Forschung einigen. Das Ergebnis war die folgende Definition:

“Die Untersuchung der ethischen, rechtlichen und sozialen Fragen, die sich ergeben, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse über das Gehirn in die medizinische Praxis, die rechtliche Auslegung und die Gesundheits- oder Sozialpolitik einfließen. Diese Erkenntnisse kommen in Bereichen wie der Genetik oder der Bildgebung des Gehirns bis hin zur Diagnose und Vorhersage von Krankheiten zum Tragen. Die Neuroethik sollte untersuchen, wie Ärzte, Richter und Anwälte, Führungskräfte von Versicherungsunternehmen und Politiker sowie die Gesellschaft insgesamt mit all diesen Erkenntnissen umgehen.”

Doch obwohl die Neuroethik damit ihre ersten Schritte machte, gab es noch viele Aspekte zu definieren; so zum Beispiel die Tatsache, dass sich praktisch der gesamte Fokus der Disziplin fast ausschließlich auf Krankheiten des Nervensystems bezog.

Ein weiteres Problem war die geringe Aufmerksamkeit, die der Prävention und dem funktionellen Aspekt des Nervensystems geschenkt wurde, was eindeutig zulasten von Wissenschaften wie der Psychologie ging. Wie wir sehen, ist es noch ein weiter Weg bis zu einer umfassenderen Vision dieser Disziplin.

Neuroethik und Neurowissenschaften

Merkmale und Entwicklung der Neuroethik

Die Entwicklung der Neuroethik spiegelt vier große Arbeitsbereiche wider:

  • Neurowissenschaft und das Selbst: Dieser Bereich behandelt Themen wie das Verhältnis der Neurowissenschaft zur menschlichen Freiheit und Verantwortung. Er untersucht auch die biologischen Grundlagen von Persönlichkeit, Verhalten und Emotionen.
  • Neurowissenschaft und soziale Praxis: In diesem Fall konzentriert sich die Forschung auf soziale Pathologien, die sich auch mit Lern- und Gedächtnisprozessen sowie mit Fragen der persönlichen und strafrechtlichen Verantwortung befassen. Auch einige Aspekte der forensischen Neuropsychiatrie spielen hier eine Rolle.
  • Ethik und Praxis in den Neurowissenschaften: Dieser Bereich befasst sich mit der Ethik in der klinischen Praxis und deckt dabei Aspekte wie Neurochirurgie, Psychopharmaka, Gentherapie, Neuroprothesen usw. ab. Außerdem versucht er, sowohl die Forschung als auch den therapeutischen Ansatz bei Erkrankungen des Nervensystems zu unterstützen.
  • Neurowissenschaft und öffentlicher Diskurs: Dieser Bereich bezieht sich auf die Beziehung zwischen Neurowissenschaft und der akademischen Ausbildung von Forschern sowie auf Aspekte der Verbreitung, ohne dabei die Beziehung zu den sozialen Medien zu vergessen.

Die Neuroethik wird als eine junge, multidisziplinäre Wissenschaft mit einer großen Projektion und langfristigen Arbeitszielen definiert. Sie ist ein fruchtbares Feld für die Forschung.

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