Die kreative Persönlichkeit nach Mihály Csíkszentmihályi

Kreative Menschen zeichnen sich durch ihre Komplexität und Gegensätzlichkeit aus.
Die kreative Persönlichkeit nach Mihály Csíkszentmihályi
Sergio De Dios González

Geprüft und freigegeben von dem Psychologen Sergio De Dios González.

Geschrieben von Edith Sánchez

Letzte Aktualisierung: 13. Dezember 2022

Mihály Csíkszentmihályi ist insbesondere für seine Studien über das Flow-Erleben bekannt. Unseren heutigen Artikel widmen wir jedoch seinen Forschungen über die kreative Persönlichkeit, die der ungarisch-amerikanische Psychologe mit einem Wort als “komplex” bezeichnet. Kreative Menschen sind in der Regel extrem und gegensätzlich: aggressiv und kooperativ, introvertiert und extrovertiert… Genau dies zeichnet sie aus, denn je nach der Lage und den Umständen reagieren sie auf die eine oder andere Weise.

Mihály Csíkszentmihályi weist in seinen Werken deshalb darauf hin, dass die kreative Persönlichkeit multidimensional ist. Sie besteht nicht nur aus einem Individuum, sondern vereint in sich eine Vielzahl an Persönlichkeiten. Der Glücksforscher beschreibt zehn grundlegende Eigenschaften, die dieses Persönlichkeitsprofil auszeichnen. Wir sehen uns nachfolgend diese Merkmale an.

“Wenn ich in einem Wort ausdrücken müsste, was ihre Persönlichkeiten von anderen unterscheidet, wäre das Wort Komplexität.”

Mihály Csíkszentmihályi

Frau hat kreative Persönlichkeit

Energetisch und ausgeglichen

Csíkszentmihályi beschreibt das Spannungsverhältnis, das bei kreativen Menschen zu beobachten ist: Sie sind während ihrer Schöpfungsphase in der Lage, sich lange zu konzentrieren und mit Begeisterung zu arbeiten. Dies setzt eine gute körperliche Kondition voraus – die Grundlage für die innere Energie, die diese Menschen während des Schöpfungsprozesses nutzen.

Allerdings benötigen kreative Personen auch lange Erholungszeiten und Stille, um ihre Batterien wieder aufzuladen. Diese Ruhephasen nutzen sie zur Reflexion, eine grundlegende Übung für ihre schöpferischen Leistungen. Die kreative Persönlichkeit lässt ihre Energie nicht von außen regulieren, sie folgt ihrem eigenen Rhythmus. 

Logisch und naiv

Der Denkstil kreativer Menschen zeichnet sich ebenfalls durch Gegensätzlichkeit aus: Sie sind gleichzeitig logisch und naiv, konvergent und divergent. Die kreative Persönlichkeit kann scharfsinnig und schlagfertig sein, ein Genie in ihrem Bereich, jedoch unbeholfen im täglichen Leben. Diese Personen können herausragende Erfindungen entwickeln, jedoch nicht wissen, wie man einen Schnürsenkel bindet.

Diszipliniert und verspielt

Csíkszentmihályi entdeckte in der kreativen Persönlichkeit eskapistische Züge, das bedeutet, dass sie sich von der Realität durch Zerstreuung und Vergnügen ablenken lässt. In ihrer schöpferischen Arbeit ist dieses Persönlichkeitsprofil oft sehr diszipliniert, doch es benötigt spielerische Pausen für banale Aktivitäten. Auch ungesunde Gewohnheiten sowie Suchtverhalten sind häufig zu beobachten.

Fantasiereich und realistisch

Die kreative Persönlichkeit verwendet häufig strenge und methodische Herangehensweisen in ihrer schöpferischen Tätigkeit. Gelegentlich kann sie jedoch radikal davon abweichen, denn sie vereint Fantasie und Realität unter demselben Hut. 

Extrovertiert und introvertiert

Kreative Menschen sind am Ende ihrer schöpferischen Periode, wenn sie ihre Projekte vorstellen, oft redselig und offen. In der Planungs- und Entstehungsphase überwiegt jedoch in vielen Fällen ihre introvertierte Persönlichkeit: Sie ziehen sich aus der Welt zurück und sind wortkarg, da sie ihre gesamte Energie auf den kreativen Prozess konzentrieren.

Stolz und demütig

Die kreative Persönlichkeit zeigt oft Züge extremer Bescheidenheit und Demut, solange sie sich in der kreativen Phase befindet. Sie zweifelt an den Ergebnissen und behandelt sich selbst mit Strenge. Am Ziel angelangt, verfällt sie jedoch häufig in das andere Extrem: Sie erliegt ihrem Stolz und glaubt, dass niemand besser sein kann.

Feminin und maskulin

Ein weiteres Merkmal kreativer Persönlichkeiten ist, dass sie sich von Stereotypen wie feminin und maskulin distanzieren. Sie halten nichts von gesellschaftlichen Zwängen und entscheiden sich deshalb oft für androgynes Verhalten.

Konservativ und rebellisch

Meistens beginnen kreative Menschen mit ihrem Schaffen innerhalb der etablierten Parameter eines Kunst- oder Wissensbereichs. Sobald sie diese beherrschen, werden sie unabhängig und brechen mit der Tradition.

Leidenschaftlich und distanziert

Die kreative Persönlichkeit verfällt in vielen Bereichen in Extreme. Sie gibt ihr Bestes und widmet sich leidenschaftlich einem Projekt. Nach dem Abschluss verliert sie jedoch oft das Interesse daran. Das kann so weit führen, dass sie ihre Schöpfung zerstört, wenn sie nicht daran gehindert wird.

Der Maler weist eine kreative Persönlichkeit auf

Mutig und ängstlich

Das Spannungsverhältnis der künstlerischen Persönlichkeit zeigt sich auch in ihrem Mut und ihrer Angst. Sie ist äußerst sensibel, setzt sich jedoch oft freiwillig ihrem Schmerz und ihrer Angst aus und wird in dieser Phase schöpferisch. Gleichzeitig ist sie ein Genussmensch, der sich Exzessen hingibt und kaum einen Mittelweg findet.

“Menschen, die ihr Leben sinnvoll finden, haben normalerweise ein Ziel, das herausfordernd genug ist, um all ihre Energie in Anspruch zu nehmen, ein Ziel, dass ihrem Leben Bedeutung verleiht.”

Mihály Csíkszentmihályi

Mihály Csíkszentmihályi geht davon aus, dass jeder Mensch die Fähigkeit zur Kreativität besitzt. Bildung führt jedoch oft dazu, dass sich nur einer der beiden Pole in uns entwickelt und die charakteristische Gegensätzlichkeit verloren geht. Tief im Inneren bleiben jedoch alle Dimensionen erhalten und warten nur auf die Gelegenheit, sich auszudrücken.

Literaturempfehlung:

Flow. Das Geheimnis des Glücks, Mihály Csíkszentmihályi, Klett-Cotta, 2017

FLOW und Kreativität: Wie Sie Ihre Grenzen überwinden und das Unmögliche schaffen, Mihály Csíkszentmihályi, Klett-Cotta, 2014



  • Abuhamdeh, S., & Csikszentmihalyi, M. (2014). The artistic personality: A systems perspective. In The systems model of creativity (pp. 227-237). Springer, Dordrecht.
  • Conde, L. (2012). La personalidad creativa: un sistema complejo. Eduardo Chillida y Mihaly Csikszentmihalyi.
  • Martínez, O. L., & Lozano, J. N. (2010). Rasgos de personalidad y desarrollo de la creatividad. Anales de Psicología/Annals of Psychology26(1), 151-158.

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