Neurobiologie der Zwangsstörung (OCD)

Rund zwei bis drei Prozent der Bevölkerung leiden an einer Zwangsstörung, die meistens in der Kindheit oder im frühen Erwachsenenalter beginnt.
Neurobiologie der Zwangsstörung (OCD)
Gorka Jiménez Pajares

Geschrieben und geprüft von dem Psychologen Gorka Jiménez Pajares.

Letzte Aktualisierung: 20. Februar 2023

Die Zwangsstörung (OCD) ist eine ernste psychische Krankheit, die im Kindes- oder Erwachsenenalter auftreten kann und die Lebensführung der betroffenen Personen erheblich einschränkt. Sie führen immer wieder zwanghafte Rituale durch und sind in irrationalen Ängsten und Gedanken gefangen. Betroffene fühlen sich verrückt, obwohl sie bei Verstand sind, sie beschäftigen sich mit unsinnigen Handlungen, die sie nicht kontrollieren können. Erfahre heute mehr über diese schwerwiegende Störung.

“Zwangsstörungen sind wie das Lied, das immer wieder in deinem Kopf spielt, nur dass du es nicht loswirst.”

Kimberly Matthews-Cifra

Frau mit Zwangsstörung (OCD)
Zwangsstörungen äußern sich durch Gedanken und Handlungen, die nicht kontrolliert werden können.

Was ist eine Zwangsstörung (OCD)?

Die Zwangsstörung zählt zu den häufigsten psychischen Erkrankungen Erwachsener. In manchen Fällen dominieren bedrohliche oder quälende Zwangsgedanken, in anderen sind Zwangshandlungen das Hauptsymptom.

Zwangsgedanken sind sehr aufdringlich und wiederholen sich immer wieder. Manche haben extreme Angst vor Infektionen, andere haben die zwanghafte Vorstellung, sie könnten einer Person Schaden zufügen. “Was passiert, wenn ich meinen Nachbar umbringe” ist ein beispielsweise einer dieser quälenden Gedanken, die sich ständig wiederholen und nicht kontrollierbar sind.

Zwangshandlungen sind ebenfalls sehr unangenehm. Es handelt sich oft um Abwehrmechanismen, um sich vor einer (irrationalen) Bedrohung zu schützen. Manche Menschen waschen sich ständig die Hände, da sie Angst vor einer Infektion haben, andere putzen ihre Wohnung bis ins Extrem. Auch der Sammelzwang (Betroffene können nichts wegwerfen) oder der Zählzwang (Betroffene scheinen sich durch das Zählen zu beruhigen) sind charakteristische Zwangshandlungen.

“Eine Zwangsstörung ist, als ob man von einem Puppenspieler kontrolliert wird.”

Toni Neville

Eine Annäherung an die Neurobiologie der Zwangsstörung

Es gibt verschiedene biologische Hypothesen, die versuchen, Licht in die Ursachen von Zwangsstörungen zu bringen. Allerdings fehlen uns noch immer Biomarker oder Labortests, die ihre Existenz eindeutig bestätigen. Wir skizzieren nachfolgend die bisherigen Kenntnisse, auf die sich Behandlungen stützen.

Genetik

Wer eine Person mit Zwangsstörung in der Familie hat, hat ein bis zu doppelt so hohes Risiko, selbst daran zu erkranken. Belloch (2022) erklärt, dass Kinder von Menschen mit Zwangsstörungen häufiger Zwangsverhalten entwickeln als die Normalbevölerkung. 

Laut Carrobles (2014) scheint die Zwangsstörung in hohem Maße vererbbar zu sein, auch wenn noch mehr Forschung nötig ist. Bei eineiigen Zwillingen leiden in bis zu 90 % der Fälle beide an Zwangsstörungen.

“In 87 % der Fälle wird die Zwangsstörung chronisch.”

Claudia Urbistondo

Neurobiologie

Die am meisten untersuchten Hirnregionen sind der Frontallappen (der die höheren geistigen Funktionen unterstützt), die Basalganglien (die mit dem motorischen Verhalten zusammenhängen) und der Thalamus (der Leiter aller sensorischen und motorischen Informationen). Ferner haben Störungen, die unter das OCD-Spektrum fallen, ähnliche neuronale Netzwerke. Vor allem die frontostriatale Region ist überaktiviert.

  • Die Basalganglien sind bei Menschen mit Zwangsstörung unteraktiviert. Dies könnte der Grund für einen Teil der motorischen Zwänge sein. Außerdem korreliert das Volumen dieser Struktur mit der stärke der Symptome.
  • Der frontale Kortex ist überaktiv. Das könnte erklären, warum sich die Patienten so sehr in ihren Zwangsvorstellungen verfangen.

Bei Zwangsvorstellungen, die mit Angst vor Schmutz einhergehen (“Ich habe einen Stift angefasst und werde krank”) und zu einem extremen Reinigungszwang führen (“Wenn ich mich 54 Mal wasche, werde ich sauber sein”) konnte eine erhöhte Aktivierung spezifischer Regionen festgestellt werden, insbesondere im ventromedialen Bereich des Präfrontallappens und im Nucleus caudatus.

Während bei Kontrollzwängen (“Ich glaube, ich habe mein Auto nicht abgeschlossen, ich werde nachsehen”) das Putamen, der Globus pallidus und thalamische Regionen stärker aktiviert werden.

“Ein körperliches Gefühl kriecht meinen Arm hinauf, wenn ich die Zwänge vermeide. Aber wenn ich sie erledige, ruht die Welt für einen Moment, als ob alles in Ordnung wäre. Aber nur für einen Moment.”

Mardy M. Berlinger

Zwangsstörung und Aktivierung von Gehirnbereichen
Bei der Zwangsstörung ist der frontale Kortex hochaktiv, während die Basalganglien unteraktiviert sind.

Neurotransmission

Es gibt im Wesentlichen zwei Hypothesen. Verschiedene Experten gehen davon aus, dass der Serotoninspiegel sehr niedrig ist. Andererseits wird auch angenommen, dass die Dopaminwerte zu hoch sind. Das könnte erklären, warum Zwangskranke ein übermäßiges motorisches Verhalten zeigen.

Weitere Forschungen sind nötig, um die Neurobiologie der Zwangsstörung besser zu verstehen. So wären beispielsweise Diagnosetests, die auf Biomarker basieren, ein wichtiger Fortschritt, um die Diagnose zu verbessern. Wir sehen neuen Erkenntnissen gespannt entgegen, die Betroffenen helfen können, ihre Lebensqualität zu verbessern.

“Eine Zwangsstörung zu haben, ist, als hätte man zwei Gehirne, ein rationales und ein irrationales. Und sie streiten sich ständig.”

Emilie Ford

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  • Carrobles, J. A. S. (2014). Manual de psicopatología y trastornos psicológicos (2a). Ediciones Pirámide.
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