Zwangsstörungen und Zählzwang: Was ist Arithmomanie?

Zwangsstörungen haben unterschiedliche Erscheinungsformen, aber alle sind sehr einschränkend. Heute sprechen wir über den Zählzwang.
Zwangsstörungen und Zählzwang: Was ist Arithmomanie?
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 16. September 2022

Zwangsstörungen führen zu wiederkehrenden, störenden und aufdringlichen Gedanken, Impulsen oder Bildern, die ein Gefühl von Unbehagen hervorrufen. Um die damit verbundenen Ängste und Sorgen zu verringern, können Patienten Zwänge oder Rituale entwickeln. Dies ist auch bei Arithmomanie (Zählzwang) der Fall. Erfahre mehr darüber!

Das DSM-5 definiert Zwänge wie folgt:

  • Sich wiederholende Verhaltensweisen oder mentale Handlungen, zu denen sich die Person als Reaktion auf eine Besessenheit gezwungen fühlt.
  • Die Verhaltensweisen oder mentalen Handlungen sollen die Angst reduzieren oder eine gefürchtete Situation verhindern. Es besteht in Wahrheit jedoch keine Beziehung zur Realität.

Die Ursachen von Zwangsstörungen sind nicht ausreichend erforscht, Experten gehen jedoch davon aus, dass diese Störungen großteils multifaktoriell bedingt sind. Untersuchungen haben gezeigt, dass bei Kindern rund 45 bis 65 % und bei Erwachsenen etwa 27 bis 45 % genetisch veranlagt sind.

Es wurde auch beobachtet, dass die Unfähigkeit, mit Ungewissheit umzugehen, ein erhöhtes Verantwortungsbewusstsein und magisches Denken für zwanghaftes Verhalten zu prädisponieren scheinen.

Nach diesem kurzen Überblick über Zwangsstörungen konzentrieren wir uns auf eine der interessantesten Varianten: die Arithmomanie.

Frau mit Arithmomanie.
Eine der häufigsten Erscheinungsformen der Arithmomanie ist das Zählen von Zahlen, Wörtern oder Gegenständen.

Was ist Arithmomanie?

Diese Zwangsstörung äußert sich durch die Beschäftigung mit Zähl- und Rechenaufgaben. Betroffene sehen sich gezwungen, Zahlen, Wörter oder Gegenstände zu zählen oder mathematische Aufgaben zu lösen. Wenn ein unangenehmer Gedanke auftritt, versuchen sie diesen durch den Zwangsmechanismus zu neutralisieren. Diese Reaktion hilft ihnen kurzfristig, erzeugt jedoch auf lange Sicht nur noch mehr Leid.

Die häufigsten Erscheinungsformen der Arithmomanie

  • Das Zählen von Wörtern in einem Gespräch oder in einem Text.
  • Zählen von Gegenständen, unter anderem die Anzahl von Stufen, Nummernschildern, Dekorationsobjekten im Raum oder der Elemente auf einem Bild.
  • Mathematische Berechnungen: Addition, Subtraktion, Multiplikation …
  • Eine Zahlenfolge aufzählen, bevor eine Aktivität beginnt, beispielsweise vor dem Verlassen des Hauses bis 50 zählen.
  • Wiederholungen: dreimal in den Spiegel schauen, die Kaffeetasse vor dem Trinken fünfmal umdrehen, die Hände dreimal einseifen, den Lichtschalter zweimal betätigen …
  • Die Vermeidung bestimmter Zahlen: Dies hat nichts mit Aberglauben zu tun, doch Betroffene erleben Angst, wenn sie sich nicht an ihre Rituale halten, beispielsweise sich dreimal die Hände waschen, weil einmal Angst auslöst.

Arithmomanie beeinträchtigt die Lebensqualität

Wie alle Zwangsstörungen kann auch die Arithmomanie das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Die Störung kann das Wachstum und die soziale Entwicklung einer Person behindern.

Eine Studie stellte deutliche Beeinträchtigungen in allen spezifischen Lebensbereichen fest: im Beruf, in der Familie, im Haushalt, in Beziehungen, in der Freizeit … Diese Zwangsstörung ist sehr einschränkend, da sich Betroffene ständig sehr intensiv auf die Umgebung konzentrieren. Häufige Konsequenzen sind deshalb:

  • Geringe Leistung am Arbeitsplatz und Entlassung: Durch das ständige Zählen sind Betroffene nicht in der Lage, ihren beruflichen Aufgaben nachzukommen.
  • Soziale Isolation: Da der Verstand normalerweise mit dem Zählen beschäftigt ist, können sich Betroffene nicht auf soziale Interaktionen konzentrieren.
  • Angst: Wie bereits erwähnt kann das Zwangsverhalten kurzfristig die Angst lindern, aber auf lange Sicht werden Betroffene immer ängstlicher.
  • Depression: Gefühle der Traurigkeit sind bei dieser Art von Störung oft wiederkehrend.
junger Mann mit Arithmomanie
Exposition mit Reaktionsvermeidung ist die wirksamste Therapie für Zwangsstörungen.

Behandlungsmöglichkeiten

Die frühzeitige Erkennung und sofortige Intervention bei Zwangsstörungen sind wichtig. Außerdem ist eine Intervention am effektivsten, wenn die Störung frühzeitig diagnostiziert wird. Oftmals erfahren Betroffene bei angemessener und rechtzeitiger therapeutischer Arbeit eine deutliche Verbesserung ihrer Symptome. Manche erreichen sogar eine Remission (Fenske und Schwenk, 2009).

  • Expositionstherapie mit Reaktionsvermeidung. Dies ist eine Form der kognitiven Therapie, die zur Behandlung von Zwangsstörungen eingesetzt wird. Sie soll dem Patienten helfen, den Kreislauf von Zwängen und Obsessionen zu durchbrechen, um seine Lebensqualität insgesamt zu verbessern. Diese Art der Therapie ermutigt die Person, sich ihren Ängsten zu stellen, ohne zwanghafte Verhaltensweisen an den Tag zu legen.
  • Kognitive Verhaltenstherapie. Diese Art der Therapie konzentriert sich unter anderem auf die kognitiven Verzerrungen, irrationalen Gedanken, Emotionen und Problemverhaltensweisen, die Teil der Zwangsstörung sind.
  • Motivationsgespräche. Einige Studien haben gezeigt, dass der Einsatz von Motivationsgesprächen die Teilnahme an der Therapie erhöht und die Ergebnisse für Menschen mit Zwangsstörungen verbessert.
  • Psychopharmaka. Es gibt mehrere Arten von Medikamenten, die zur Behandlung von Zwangsstörungen verschrieben werden können. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sind die bevorzugte Pharmakotherapie für diese Störung. SSRIs wirken, indem sie die Wiederaufnahme des Neurotransmitters Serotonin blockieren, sodass dieser nicht wieder in das präsynaptische Neuron aufgenommen wird, das diese Substanz freigesetzt hat.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Arithmomanie eine sehr einschränkende Zwangsstörung ist, welche die Lebensqualität der betroffenen Personen beeinträchtigt. Der Umgang mit Zwangsstörungen kann sowohl für die Patienten als auch für die Familienangehörigen eine Herausforderung sein, daher ist psychologische Unterstützung erforderlich.

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