Kognitive Verzerrungen: systematische Wahrnehmungs- oder Denkfehler

Manchmal interpretieren wir die Realität falsch und das wirkt sich auf unsere Stimmung, unser Verhalten und unsere Beziehungen aus. Erfahre heute Spannendes über diese kognitiven Verzerrungen.
Kognitive Verzerrungen: systematische Wahrnehmungs- oder Denkfehler

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 22. Mai 2022

Kognitive Verzerrungen sind systematische Wahrnehmungs- oder Denkfehler, das heißt eine Fehlinterpretation, die verschiedenste negative Folgen haben kann. Depressive Menschen haben beispielsweise häufig eine verzerrte Vorstellung von der Realität.

Wir können jedoch alle Wahrnehmungs- oder Denkfehler begehen. Deshalb ist es interessant zu wissen, wie man kognitive Verzerrungen erkennt und einen realistischen Blick auf die Umwelt bewahren kann. Wir sprechen heute über die häufigsten kognitiven Verzerrungen.

Kognitive Verzerrungen: systematische Wahrnehmungs- oder Denkfehler

Personalisierung

Wenn du dich selbst für eine bestimmte Situation verantwortlich fühlst, obwohl auch andere daran beteiligt waren, sprechen wir von einer Personalisierung.

Ein Beispiel: Annas Sohn hat eine wichtige Prüfung nicht bestanden. Anna denkt, dass sie in der Erziehung ihres Sohnes versagt hat, dass sie dafür verantwortlich ist, denn wenn sie es besser gemacht hätte, hätte ihr Sohn die Prüfung gemeistert.

Selektive Abstraktion oder “mental filtering”

In diesem Fall richtest du deine Aufmerksamkeit nur auf negative Aspekte und ignorierst die restlichen Informationen komplett oder berücksichtigst sie kaum.

Ein Beispiel: Maria hat zu ihrem Geburtstag einen Käsekuchen gebacken und neun Freunde eingeladen. Fast alle mögen Marias Kuchen, bis auf Laura, die sagt, dass ihr die Marmelade nicht besonders schmeckt. Maria fühlt sich schlecht und denkt, dass der Kuchen eine Katastrophe ist. (Sie denkt nur an die negative Kritik und beachtet die positiven Aspekte nicht).

kognitive Verzerrungen und Denkfehler

Übergeneralisierung, ein häufiger Denkfehler

Wenn du glaubst, dass etwas oft passieren wird, nur weil es einmal passiert ist, begehst du den Denkfehler der Übergeneralisierung.

Ein Beispiel: Peter wurde von Sonja nach zweieinhalb Jahren Beziehung verlassen. Peter denkt: “Keine andere wird mich lieben. Ich werde nie eine Frau finden, die mit mir zusammen sein will.”

Maximierung und Minimierung

Du neigst dazu, die eigenen Fehler und die Erfolge anderer zu vergrößern? Und gleichzeitig geringschätzt du deine eigenen Erfolge und die Fehler der anderen? Auch das ist ein häufiger Denkfehler. 

Ein Beispiel: “Es ist mir egal, welche Erfolge ich in der Vergangenheit erzielt habe, sie sind nicht mehr wichtig. Nur mein großer Fehler zählt jetzt.”

Polarisiertes Denken, ein häufiger Denkfehler

In diesem Fall geht es darum, Ereignisse auf eine extreme Weise zu bewerten, das heißt, du siehst nur Schwarz oder Weiß. Du vergisst völlig, dass es auch Schattierungen gibt.

Beispiele: “Wenn ich diesen Job nicht perfekt mache, ist das eine Katastrophe” oder die Gedanken einer arbeitslosen Person: “Ich bin inkompetent und nutzlos”. Es handelt sich um eine der häufigsten kognitiven Verzerrungen, die an Worten wie “immer”, “nie”, “alles” oder “nichts” zu erkennen ist.

ein häufiger Denkfehler: immer oder nie

Emotionales Denken

Wenn du glaubst, dass deine Gefühle die Realität widerspiegeln und zwangsläufig wahr sind, begehst du ebenfalls einen Denkfehler.

Beispiele: “Ich fühle mich inkompetent, also bin ich inkompetent” oder “Ich fühle mich so, also muss es wahr sein”.

Soll/Muss-Denken

“Ich sollte” und “Ich muss” sind starre, unflexible Überzeugungen, mit denen du dich selbst oder andere definierst. Damit förderst du unnötige Selbstkritik oder Ärger und Wut gegen andere.

Beispiele: “Ich hätte besser auf meinen Mann aufpassen sollen, damit er mich nicht verlässt”, “Ich darf keine Fehler machen”, “Andere müssen nett zu mir sein” oder “Alle müssen mich mögen”.

Willkürliche Schlussfolgerungen sind häufige Denkfehler

Auch willkürliche Schlussfolgerungen sind kognitive Verzerrungen: Du akzeptierst bestimmte Annahmen, obwohl es keine Beweise dafür gibt. In diesem Fall gibt es zwei mögliche Denkfehler:

  • Du glaubst, die Gedanken anderer zu kennen und ihr Verhalten voraussagen zu können: “Sie will mir nur auf die Nerven gehen”, “Sie wird mich auslachen”, “Er hat Mitleid mit mir” oder “Er will nur mein Geld”.
  • Du gehst davon aus, dass alles schiefgeht, ohne neutrale oder positive Ergebnisse zuzulassen: “Ich werde scheitern.”
Denkfehler in Beziehungen

Etikettieren

Du etikettierst dich selbst, indem du dir bestimmte Eigenschaften zuschreibst, anstatt Fakten zu erwägen: “Ich bin nutzlos” statt “Ich habe einen Fehler gemacht, aber das ist nicht immer so“.

Andere häufige kognitive Verzerrungen und Denkfehler

  • Rechthaberei: Du denkst, immer im Recht sein zu müssen, um deinen Wert nicht zu verlieren. Deshalb betrachtest du alle als Feinde oder Bedrohung, die anders denken als du selbst.
  • Trugschluss der Kontrolle: Du glaubst, die volle Verantwortung für alle Ereignisse zu haben, oder genau das Gegenteil: “Ich kann nichts tun, um meine Situation zu ändern” oder “Alles, was mir passiert ist, ist meine Schuld”.
  • Abhängigkeit: Du denkst, dass dein Wohlergehen ausschließlich von anderen abhängt und selbst nichts tun kannst, um die Situation zu ändern: “Wenn mein Partner romantischer wäre, wäre ich glücklicher.
  • Verzerrte Gerechtigkeit: Du glaubst, dass alles, was nicht deinen Erwartungen entspricht, ungerecht ist. Du erwartest Gegenseitigkeit von anderen und vom Leben und bist frustriert, wenn das nicht der Fall ist. Zum Beispiel: “Jeder sollte sich so anstrengen wie ich, es ist unfair, dass sie es nicht tun.
  • Katastrophendenken: In jeder Situation erwartest du das schlimmste Ergebnis, auch wenn es dafür keine Gründe gibt und es höchst unwahrscheinlich ist, dass es so weit kommt. Zum Beispiel: “Er hätte schon vor 15 Minuten hier sein sollen, er muss einen Unfall gehabt haben.”
  • Schuldzuweisungen: Der Glaube, dass du selbst schuld an dem bist, was anderen passiert; oder umgekehrt, dass andere für dein Unglück verantwortlich sind.
  • Trugschluss der göttlichen Belohnung: Die irrationale Vorstellung, dass du aufgrund deiner heutigen Leiden oder Opfer in der Zukunft eine Belohnung erhalten wirst.

Wahrnehmungs- und Denkfehler verhindern

Kognitive Verzerrungen führen dazu, dass du die Realität auf eine schädliche und nicht funktionierende Weise interpretierst. Sie können sich auf deine Beziehungen und deine psychische Gesundheit auswirken. Außerdem triffst du durch Denkfehler falsche Entscheidungen.

Es ist kaum möglich, kognitive Verzerrungen zur Gänze zu vermeiden, doch zumindest kannst du ihren Einfluss auf dein Leben reduzieren. Professionelle Hilfe ist sehr zu empfehlen, um dies zu erreichen. Du musst zuerst analysieren, welche kognitiven Verzerrungen deine Wahrnehmung beeinflussen und in welchen Situationen sie auftreten.

Wenn du dich selbst bei einem möglichen Wahrnehmungs- oder Denkfehler ertappst, frage dich, ob es Beweise dafür gibt. Du wirst vermutlich schnell feststellen, dass deine Überzeugung nicht der Wahrheit entspricht. Suche nach realistischeren und positiveren Interpretationsmöglichkeiten.

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