Klassifikationssystem der Psychiatrie: Die faszinierende Geschichte des DSM

Für viele ist die Geschichte des DSM die Geschichte eines Scheiterns. Trotzdem wird dieses Handbuch in vielen Teilen der Welt immer noch als Hauptwerkzeug zur Diagnose von psychischen Störungen verwendet.
Klassifikationssystem der Psychiatrie: Die faszinierende Geschichte des DSM

Letzte Aktualisierung: 05. September 2021

Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen) oder kurz DSM ist ein Instrument und Klassifikationssystem der Psychiatrie. Es wurde von Experten erstellt, um Beeinträchtigungen des menschlichen Geistes zu definieren und für diagnostische und statistische Zwecke zugänglich zu machen. Auch wenn dieser Diagnoseleitfaden in vielen Ländern als eines der wichtigsten Werkzeuge betrachtet wird, hat es im Laufe seiner Geschichte zu Kontroversen geführt.

Zu den ersten Kritikpunkten dieser “Bibel der Psychiatrie” zählt, dass der Leitfaden trotz seiner Bezeichnung keine Statistiken enthält. Auch die Geschichte und die Methode, mit der die Klassifikation psychischer Störungen erfolgt, sind zum Teil polemisch.

Oft haben die in diesem Handbuch beschriebenen Störungen die Stigmatisierung betroffener Menschen zur Folge. Die Behandlungsempfehlungen sind fast ausschließlich pharmakologischer Art, was ebenfalls auf Kritik stößt. Wir schauen uns heute die Geschichte des DSM etwas genauer an. Lies weiter, wenn du daran interessiert bist.

“Die meisten Menschen sterben eher am Heilmittel als an der Krankheit selbst.”Molière

Klassifikationssystem der Psychiatrie: Die faszinierende Geschichte des DSM

Die Geschichte des DSM: die Ursprünge

1917 wurde in den Vereinigten Staaten zum ersten Mal ein Handbuch über psychische Störungen erstellt. Es wurde von der American Medical-Psychological Association entworfen, einer Organisation, die später zur American Psychiatric Association (APA) wurde. Allerdings erschien die erste Version des DSM erst 1952.

Dieser Leitfaden entstand also nach dem Zweiten Weltkrieg in einer Zeit, in der das Interesse an einer friedlichen Gesellschaft enorm war. Außerdem waren viele Militärpsychologen an der Ausarbeitung des Handbuchs beteiligt. Die gewählte Art und Weise, psychische Störungen zu kategorisieren, war von Beginn an fraglich.

Kritik war insbesondere vonseiten der Psychologie und Psychoanalyse zu hören, die beide eine ganzheitliche Sichtweise bevorzugen. Zunächst wurden nur wenige Krankheiten klassifiziert. Die aufgeworfenen Fragen führten schließlich zu einer zweiten Version, die 36 Pathologien umfasste.

Der Paradigmenwechsel

Es gab einen Wendepunkt in der Geschichte des DSM als David Rosenhan das berühmte Rosenhan-Experiment durchführte. Er bewies damit, dass die diagnostischen Kriterien äußerst ungenau und riskant waren. Die Psychiatrie wurde damit infrage gestellt. Angesichts dessen startete der Psychiater Robert Spitzer eine Offensive, das Ergebnis war das weithin anerkannte DSM III.

Die Idee war, ein absolut objektives Handbuch zu erstellen. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die möglichen Ursachen der Störungen und einige Hinweise zur Behandlung aufgenommen, aber die dritte Version verzichtete darauf. Sie umfasste nur noch eine Liste von Störungen mit den jeweiligen Symptomen.

Eine Gruppe amerikanischer Psychiater sollte diese Arbeit übernehmen. Es wurde eine “demokratische” Methode gewählt, um die Merkmale zu definieren: Die Mehrheit bestimmte, ob eine Störung in das Handbuch aufgenommen werden sollte oder nicht. In dieser Gruppe befanden sich auch Psychiater der Schule des Organizismus.

Das Handbuch sollte universell verwendbar, kulturübergreifend und für alle Personen einfach zu nutzen sein. Am Ende hatten sie eine Liste von 265 klinischen Störungen. Lediglich das „atypische Kindersyndrom“ erhielt keinen Eintrag, denn die Definition lautete: “Kind mit undefinierbaren, atypischen Symptomen”.

Psychologe verwendet DSM für Diagnose

Das DSM heute

1994 begannen Experten mit dem Entwurf der vierten Version des Handbuchs. Ziel war es, wie immer, den Konzepten mehr Präzision und Spezifität zu verleihen. Sie verwendeten eine technische und weniger zweideutige Sprache und nahmen 404 klinische Krankheiten in die Liste auf.

Die fünfte Version, die 2013 veröffentlicht wurde, war die umstrittenste in der Geschichte des DSM. Sie erhielt auf allen Ebenen viel Kritik. Die 10 Jahre lange Arbeit hatte sehr viel gekostet, war jedoch enttäuschend, was die Autoren selbst zugaben.

Diese Version enthält sehr fragwürdige klinische Krankheitsbilder wie das „Psychose-Risiko-Syndrom“, so etwas wie bestimmte Anzeichen dafür, dass jemand in Zukunft psychotisch werden könnte. Experten schätzen, dass dies zu Fehlalarmen von bis zu 75 % führen kann.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt nicht das DSM, sondern die ICD-10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten), die jedoch ebenfalls umstritten ist. Das National Institute of Mental Health (NIH) der Vereinigten Staaten hat beschlossen, diese Klassifizierung aufzugeben. Das letzte Kapitel in der DSM-Geschichte könnte damit begonnen haben.

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