Homosexuelle Zwangsstörung: der Zweifel an der eigenen Identität

Du hast irrationale Angst davor, homosexuell zu sein? Wenn du aus diesem Grund wiederkehrende und einschränkende Zwangsgedanken entwickelst, könnte es sich um eine psychische Störung handeln.
Homosexuelle Zwangsstörung: der Zweifel an der eigenen Identität
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 21. August 2022

Die homosexuelle Zwangsstörung führt zu ständigem Zweifeln an der eigenen sexuellen Identität. Betroffene fühlen sich unsicher und stellen sich immerzu die Frage, ob sie homosexuell sind. Diese Unsicherheit und die Zwangsgedanken haben nichts mit der Sexualität der betroffenen Person zu tun, es handelt sich um eine psychische Störung, die auch unter der englischen Bezeichnung HOCD (Homosexual Obsessive Compulsive Disorder) bekannt ist.

Die homosexuelle Zwangsstörung beginnt in der Regel zwischen dem 18. und 20. Lebensjahr und verändert das Leben der Betroffenen radikal. Betroffene vermeiden bestimmte Situationen und spüren gleichgeschlechtlichen Personen gegenüber Unbehagen. Diese irrationale Angst vor der Homosexualität, die Männer und Frauen entwickeln, ist kein homophobes Verhalten, sondern wie bereits erwähnt eine psychische Störung, die nichts mit sozialen Vorurteilen zu tun hat. 

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Mann hat homosexuelle Zwangsstörung

Homosexuelle Zwangsstörung: Symptome, Ursachen und Behandlung

Die homosexuelle Zwangsstörung entsteht durch die übermäßige und irrationale Angst, homosexuell zu sein oder zu werden. Betroffene sehen unerwünschte mentale Bilder von homosexuellen Verhaltensweisen. Diese Störung ist viel komplexer, als sie auf den ersten Blick scheint, denn sie geht unter anderem mit verschiedenen Veränderungen in der Konnektivität des Gehirns einher.

Eine Studie des Bellvitge Biomedical Research Institute (Barcelona) deutet darauf hin, dass die plötzliche Besessenheit auf eine Störung in der Synchronisation der Aktivität verschiedener neuronaler Gruppen zurückzuführen sein kann.

Die homosexuelle Zwangsstörung kann sehr einschränkend sein. Eine Forschungsarbeit des Department of Psychiatry in Delhi, Indien, sowie andere Studien weisen darauf hin, dass 65 % der Betroffenen stark beeinträchtigt sind.

Welche Symptome oder Erscheinungsformen gibt es?

Das Schlüsselelement, das diese Art von psychologischer Erkrankung definiert, ist die irrationale Angst vor einer unerwünschten sexuellen Orientierung. Das bedeutet zum Beispiel, dass diese Art von Zwangsstörung auch bei einer homosexuellen Person auftreten kann, welche plötzlich befürchtet, heterosexuell zu sein.

Menschen mit homosexuellen Zwangsgedanken stellen sich die Frage: “Habe ich immer geglaubt, heterosexuell zu sein, obwohl ich in Wirklichkeit homosexuell bin?”

Die wichtigsten Merkmale dieser Störung sind:

  • Die meisten Betroffenen führ(t)en eine zufriedenstellende Beziehung, doch plötzlich kommt der Gedanke auf, der alles in Zweifel zieht und zur Besessenheit wird.
  • Der Verstand erzeugt immer wieder als unangenehm empfundene Bilder und Gedanken, welche die sexuelle Orientierung infrage stellen.
  • Es folgen zwanghafte Verhaltensweisen, die versuchen, die Angst zu reduzieren. Beispiele dafür sind: mit vielen Personen des anderen Geschlechts ausgehen, zwanghafte Beziehungen, die Gesellschaft von gleichgeschlechtlichen Personen meiden usw.
  • Auch Zwangsverhalten wie ständige Hygienemaßnahmen, übermäßige Ordnung oder ein übertriebenes Organisationsbedürfnis können die Folge sein. Diese Verhaltensweisen bezwecken, unerwünschte Gedanken zu deaktivieren.
  • Viele schränken ihr soziales Leben komplett ein, auch ihre sexuellen Beziehungen.
  • Betroffene schauen sich heterosexuelle Pornos an, um sich von ihrer sexuellen Orientierung zu überzeugen.
  • Ihre Gedanken konzentrieren sich auf ihre sexuelle Identität. In Anwesenheit von gleichgeschlechtlichen Personen sind Betroffene darauf bedacht, keine sexuelle Anziehung zu spüren. Sie versuchen, ihre “homosexuellen Gedanken” mit “heterosexuellen Gedanken” zu entschärfen.
  • Die Betroffenen verhalten sich übertrieben, um zu beweisen, dass sie heterosexuell sind. Menschen mit homosexuellen Zwangsgedanken machen sich Sorgen, “angesteckt” zu werden.

Was sind die Ursachen für eine homosexuelle Zwangsstörung?

Die Ursache für eine homosexuelle Zwangsstörung ist nicht auf eine unterdrückte sexuelle Identität zurückzuführen. Es handelt sich um eine Angststörung. Die betroffene Person fixiert sich auf eine Idee und ist nicht in der Lage, damit umzugehen. Es gibt verschiedene Arten von Zwangsstörungen, viele haben keinen bestimmten Auslöser und keine spezifische Ursache.

Bei homosexuellen Zwangsgedanken gibt es jedoch meist einen gemeinsamen Nenner: Betroffene neigen dazu, Homosexualität mit etwas Negativem zu assoziieren. Die häufigsten Ursachen dafür sind:

  • Irrationale Ideen über Homosexualität. Betroffene denken vielleicht, dass es falsch ist, homosexuell zu sein, und entwickeln irrationale Vorstellungen darüber. Einige Vorurteile, zu denen sie neigen, sind: dass Homosexuelle promiskuitiv sind, dass sie riskante Sexualpraktiken ausüben, dass Homosexualität eine Krankheit ist usw. Betroffene Personen neigen auch dazu zu glauben, dass ein Heterosexueller eine Person des gleichen Geschlechts nicht attraktiv finden kann.
  • Eine Erziehung, die die Ablehnung von Homosexualität fördert. Irrationale Vorstellungen können verstärkt werden, wenn die betroffene Person in einer Familie oder Kultur aufgewachsen ist, welche Homosexualität ausdrücklich ablehnt.
  • Angst vor Ablehnung durch nahestehende Menschen, wenn man sich als homosexuell entpuppt. Wenn die Person in einem Umfeld aufgewachsen ist, in dem Homosexualität verpönt ist, kann sie eine starke Angst entwickeln, von ihren Angehörigen nicht akzeptiert zu werden.
  • Biologische und genetische Faktoren. Der Mechanismus, durch den sich eine Idee im Kopf festsetzt und welcher das Verhalten sowie den kognitiven und emotionalen Fokus verändert, kann auch einen neurologischen Ursprung haben.
Frau hat homosexuelle Zwangsstörung

Wie wird diese Art von Zwangsstörung behandelt?

Die Behandlung der homosexuellen Zwangsstörung hängt immer von den besonderen Bedürfnissen des einzelnen Patienten ab. In den schwersten Fällen wird es notwendig sein, einen pharmakologischen Ansatz (Fluoxetin) mit einer Psychotherapie zu kombinieren. Die gängigste und effektivste Vorgehensweise in diesen Fällen ist daher die folgende:

  • Expositions- und Reaktionspräventionstechnik. Diese Strategie basiert auf der kognitiven Verhaltenstherapie. Sie besteht darin, die Person absichtlich den Ideen auszusetzen, die sie selbst nährt und die ihre Angst verstärken. Das Ziel ist, Ideen, Bilder und Empfindungen zu rationalisieren, indem die emotionale und kognitive Komponente reduziert wird. Diese Strategie eignet sich am besten für die Impulskontrolle, bei Zwängen, Süchten usw.

Fachärztliche oder psychologische Hilfe ist grundsätzlich, um betroffenen Personen helfen zu können. Ansonsten können sich die Symptome verstärken und zu psychologischen Komorbiditäten führen.

Angst vor Homosexualität in der Adoleszenz

In der Adoleszenz treten häufig Verhaltensweisen auf, die Zwangsvorstellungen ähneln, sich jedoch nicht zu einer Störung entwickeln. Eine davon ist die Angst, homosexuell zu sein. Wenn dieses Gefühl ignoriert wird, kann es sich verschlimmern. Deshalb sollten Erwachsene, die mit Jugendlichen zusammenarbeiten (Lehrkräfte, Betreuer usw.) in der Lage sein, die Anzeichen dieser Angst zu erkennen, auch wenn Jugendliche meist versuchen, diese Gefühle zu verbergen.

Wenn Jugendliche versuchen, Anzeichen von Homosexualität zu vermeiden, oder aus Angst vor Homosexualität bestimmte Verhaltensweisen entwickeln, ist eine Psychotherapie sehr hilfreich, um frühzeitig eine Zwangsstörung zu verhindern.

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