Neuroästhetik: Verbindung von Neurologie und Kunst

27. Oktober 2019
Die Neuroästhetik verbindet zwei faszinierende Wissensbereiche miteinander: die Neurologie und die Kunst. In diesem Artikel wollen wir uns beispielsweise mit der Frage beschäftigen, warum wir uns von bestimmten Objekten oder Gesichtern besonders angezogen fühlen.

Seit Jahrhunderten stellen wir uns Fragen über Kunst und Schönheit: „Was ist Kunst?“, „Wie nehmen wir Schönheit wahr?“ und „Wodurch wird Schönheit definiert?“ Diese Fragen lösten stets zahlreiche Diskussionen aus. Ungefähr vor zehn Jahren ist eine neue Wissenschaftsdisziplin entstanden, die sich mit dieser Thematik beschäftigt, die Neuroästhetik. Ihr Ziel ist es, Antworten auf diese Fragen zu finden.

In dieser neuen Disziplin, die auch NeuroArt genannt wird, werden Erkenntnisse und Techniken aus der Neurologie und der Kunst miteinander kombiniert.

Dabei mag die Quantifizierung und Messung von Kunst auf viele Menschen beinahe absurd wirken. Dennoch hat es sich diese neue Wissenschafstdisziplin zum Ziel gesetzt, Gemeinsamkeiten in allen künstlerischen Arbeiten und Werken zu identifizieren. Zu diesem Zweck erforschen Wissenschaftler, was genau in unserem Gehirn vor sich geht, wenn wir ein ästhetisches Objekt oder ein Kunstwerk betrachten. Außerdem untersuchen sie die Vorgänge im Gehirn eines Künstlers, während er ein Kunstwerk erschafft.

Neuroästhetik - Frau

Auf welchen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht die Neuroästhetik?

Aus biologischer Sicht könnte unsere Reaktion auf Ästhetik auf einer speziellen Art von Anziehung beruhen. Diese besondere Anziehung betrifft bestimmte Objekte, Menschen, Farben, Ideen usw.

Anziehung und auch Ablehnung waren im Laufe unserer Evolution von entscheidender Bedeutung. Die Vorteile, die sich aus diesen Reaktionen für uns ergeben, sind dabei sehr offensichtlich. Wir fühlen uns beispielsweise von Lebensmitteln angezogen, die eine gesunde Farbe haben und die für uns auch tatsächlich gesund sind. Gleichzeitig stoßen uns Lebensmittel ab, die unappetitlich aussehen, wie beispielsweise verdorbene Früchte.

Außerdem fühlen wir uns auch zu bestimmten Gesichtern mehr hingezogen als zu anderen. Wir lernen, die kleinen Gesten und die Mimik des anderen Geschlechts zu deuten, um dadurch unsere Fortpflanzung zu sichern.

Im Gegensatz dazu spricht Kunst unsere Sinne an und diese hängen mit unserem Gehirn zusammen. Daher gibt es zweifelsohne neurologische Reaktionen im Gehirn, die Aufschluss darüber geben können, ob uns etwas gefällt oder nicht.

Welche Methoden nutzt die Neuroästhetik?

Die wichtigsten Erkenntnisse auf dem Gebiet der Neuroästhetik wurden durch verschiedene Forschungsansätze gewonnen. Wie in vielen Gebieten, haben die Forscher auch in diesem Bereich erste Ergebnisse durch das Studium kognitiver Prozesse und Menschen mit Hirnverletzungen erhalten.

Darüber hinaus wurden verschiedene Neuroimaging-Studien durchgeführt, bei denen eine Person eine positive oder negative Beurteilung von Kunstwerken vornahm. Außerdem wurden diese Studien auch bei der Betrachtung anderer Kunstformen wie Tanz, Musik und Malerei durchgeführt.

Bei diesen Studien wird hauptsächlich die funktionelle Magnetresonanztomographie eingesetzt. Dadurch wird es möglich, Informationen über die Areale im Gehirn zu erhalten, die während der jeweiligen Aufgabenstellung aktiviert werden. Außerdem werden Aussagen über die Intensität der Aktivierung möglich. In einigen Studien kommen auch physiologische Techniken, wie beispielsweise das Elektroenzephalogramm, zur Anwendung.

Die Verbindung von Neurologie und Kunst

Eine Studie, die ein Team von Neurologen im Jahr 2007 durchgeführt hat, sollte die Frage beantworten, ob unsere Wahrnehmung von Schönheit völlig subjektiv ist oder nicht. Zu diesem Zweck zeigten die Wissenschaftler einer Gruppe von Freiwilligen verschiedene Bilder von Skulpturen aus der Klassik und der Renaissance.

Während des Experiments befanden sich die Probanden in einem Magnetresonanzgerät. Zuerst wurde ihnen jeweils das Originalbild gezeigt. Anschließend sahen sie die gleichen Skulpturen, allerdings waren nun die Proportionen verändert.

Nachdem die Teilnehmer die Bilder betrachtet hatten, sollten sie sagen, ob diese ihnen gefallen hatten oder nicht. Außerdem sollten sie sich über die Proportionen der Skulpturen äußern. Dabei fanden die Forscher heraus, dass die Insula aktiviert wurde, wenn die Probanden die ursprünglichen Skulpturen betrachteten. Dieses Hirnareal steht in Zusammenhang mit dem abstrakten Denken, der Entscheidungsfindung und der Wahrnehmung.

Wenn die Freiwilligen äußerten, dass sie die Skulpturen schön fanden, dann zeigte der rechte Teil der Amygdala eine Reaktion. Dieser Bereich des Gehirns ist entscheidend an der Verarbeitung von Emotionen, besonders von Zufriedenheit und Angst, beteiligt.

Eine andere Studie ergab, dass die Wahrnehmung von Schönheit und Hässlichkeit in der selben Hirnregion (dem orbitofrontalen Kortex) erfolgt und sich lediglich in der Intensität der Aktivierung dieses Areals unterscheidet.

Neuroästhetik - Amygdala

Unsere Wahrnehmung von Schönheit wird nicht ausschließlich vom Gehirn bestimmt

Trotz all dieser Erkenntnisse hat nicht alles mit unserem Gehirn zu tun. Bei unserer Wahrnehmung von Schönheit und unserer Begeisterung für bestimmte Kunstwerke spielen auch kulturelle Einflüsse eine sehr entscheidende Rolle. Daher ist es sehr wichtig, dass bei der Auswertung der Ergebnisse stets auch der soziale und kulturelle Kontext mit einbezogen wird. Unsere Kultur hat einen maßgeblichen Einfluss darauf, was wir als schön empfinden und was nicht.

Dies wurde auch in einer neuroästhetischen Studie deutlich, bei der die Teilnehmer all die Kunstwerke, die eindeutig dem MoMA (Museum of Modern Art) zugeordnet wurden, für schöner befunden haben, als andere Kunstwerke (deren Ausstellungsort nicht eindeutig beschrieben war).

In der Neurologie und der Kunst kann es zahlreiche kulturelle Determinanten geben. Der wirklich interessante Aspekt ist der, dass zwei unterschiedliche Kunstwerke den gleichen Effekt auf die Gehirne verschiedener Menschen haben.

  • Andreu Sánchez, C. (2009). Neuroestética: cómo el cerebro humano construye la belleza. Universidad Autónoma de Barcelona.
  • Zaidel, D.W. (2015). Neuroesthetics is not just about art. Frontiers in Human Neuroscience, 9(80), 1-2.