Die Wirkung von Kunst auf unser Gehirn

22. Juli 2019
Unser Gehirn ist in der Lage, die Formen eines Gemäldes, seine Linien und auch Schatten sofort zu erkennen. Es versucht, in fast allem, was wir sehen, Gesichter zu erkennen.

Dass Kunst einen tiefgreifenden Einfluss auf uns Menschen hat, ist unbestreitbar. Sie kann uns ganz einfach auf oberflächliche Art und Weise anziehen, hat aber auch eine starke Kraft, die als Anreiz dient, eine Erinnerung aus unserem Gedächtnis in den Fokus unseres Bewusstseins zu holen. Die Reaktionen dazu sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Wir können dadurch in die Vergangenheit oder an sehr entlegene Orte gebracht werden, doch die Fähigkeit der Kunst, auf uns wirken zu können, steht außer Frage. Heute werden wir über die Wirkung von Kunst auf unser Gehirn sprechen.

Unser Gehirn ist in der Lage, die Formen eines Gemäldes, seine Linien und auch Schatten sofort zu erkennen. Es versucht, in fast allem, was wir sehen, Gesichter zu erkennen. Diese Tendenz beruht auf der Tatsache, dass das Gehirn daran gewöhnt ist, sich mit Objekten vertraut zu machen, die auf Mustern oder Formen basieren, auch wenn die Informationen unvollständig sind.

Wenn wir einem künstlerischen Werk gegenüber stehen, arbeitet unser Gehirn daran, den Informationen, die zu uns kommen, eine Form und auch eine Bedeutung zu verleihen. Das heißt, wir haben von Geburt an die Fähigkeit, Formen und Muster auf eine sinnvolle Art und Weise zu organisieren.

Ganz unabhängig von dieser Fähigkeit wissen wir nun auch, dass die Wirkung von Kunst auf unser Gehirn der eines Blicks auf einen Menschen, den wir lieben, ähnelt: Sie erhöht die Durchblutung des Gehirns um bis zu 10%.

Sternennacht von Van Gogh

Die verkörperte Kognition

Eine weitere Tendenz unseres Gehirns ist jene, sich selbst „innerhalb“ des Gemäldes befinden zu wollen. Die Spiegelneuronen verwandeln die Bilder eines Gemäldes in echte Emotionen. Dies ist die verkörperte Kognition.

Je mehr ein Werk analysiert wird, desto stärker befindet sich in unserem Gehirn, was die Botschaft des Gemäldes in menschliche Emotionen „übersetzt“ hat. Aus diesem Grund kann die Visualisierung einer Wüstenlandschaft zum Beispiel das Gefühl hervorrufen, als würden Sonnenstrahlen die Haut berühren oder auch sogar Wärme erzeugen.

Die Chemie des Gehirns

In einer Reihe von bahnbrechenden Experimenten des Gehirn-Mapping untersuchte der Professor Semir Zeki, Neurobiologe am University College in London, die Gehirne von Freiwilligen, während sie sich 28 verschiedene Bilder angesehen haben. 

Es konnte herausgefunden werden, dass der gleiche Teil des Gehirns, der erregt wird, wenn man sich in jemanden verliebt, auch stimuliert wird, wenn man sich ein Bild oder ein Kunstwerk ansieht, das große Schönheit zeigt. Das reine Sehen der Kunst löst in unserem Körper eine plötzliche Zunahme jener Chemikalie aus, die uns dazu verhilft, uns gut zu fühlen: Dopamin. Es wird im orbitofrontalen Cortex des Gehirns gebildet und ruft intensive Gefühle des Vergnügens hervor.

Ebenso ist bekannt, dass Dopamin und der orbitofrontale Cortex an unserem Lust- und Zuneigungsempfinden beteiligt sind, da sie dafür da sind, angenehme Gefühle im Gehirn auszulösen. Diese starke Wirkung wird oft mit der romantischen Liebe und dem exzessiven Konsum von Drogen in Verbindung gebracht.

Vorteile der Erschaffung von Kunst

Wenn der einfache Akt des Beobachtens von Kunst eine solche Art von Reaktion in unserem Gehirn hervorrufen kann, so geht die Interaktion in diesem kreativen Prozess noch viel weiter. Selbst Kunst zu schaffen – in welcher Form auch immer – revitalisiert das Gehirn auf eine Art und Weise die sich stark von der bloßen Beobachtung unterscheidet.

Studien haben gezeigt, dass die Wirkung von Kunst auf unser Gehirn mit einer Zunahme der funktionellen Konnektivität im Gehirn und einer verbesserten Aktivierung des visuellen Cortex in Zusammenhang steht. Die Forscher vergleichen die Schaffung von Kunst mit einer Art Sport für das Gehirn. Sie gehen sogar so weit zu sagen, dass, ähnlich wie die körperliche Betätigung dem Körper hilft, die Schaffung von Kunst dazu beitragen kann, den Geist im Alter scharf und klar zu halten.

Ebenso hilft das künstlerische Schaffen, sich stressigen und schwierigen Situationen zu stellen, die in unserem täglichen Leben auftreten können. Man muss kein anerkannter Künstler sein, um Kunst zu schaffen. Ganz im Gegenteil: der kreative Prozess ohne Erwartungen ist der Weg, diesen in vollen Zügen genießen zu können.

Gehirn, das blau leuchtet

Kunsttherapie und Gruppenkunstkurse

Kunst als Therapie oder Freizeitbeschäftigung hat sich als zunehmender Trend konsolidiert. Gruppenkunstkurse in lokalen Studios und sogar in Bars ermöglichen es dir, Zeit mit Freunden zu verbringen und gleichzeitig ein wunderschönes Kunstwerk zu erschaffen. Es gibt sogar Malbücher für Erwachsene. Diese können dir dabei helfen, dich zu entspannen und den Stress eines anstrengenden Tages abzubauen.

Kunst, die in Form einer Therapie angewendet wird, ist ein sehr effektives Werkzeug zur Projektion. Die Entwicklung von künstlerischen Fähigkeiten verbessert die Aufmerksamkeit und die Wahrnehmungsfähigkeit. Damit kannst du auch die emotionale Kontrolle, die Selbsterkenntnis und das Selbstwertgefühl verbessern.

Darüber hinaus hilft Kunst bei der Lösung von Problemen, die in der Vergangenheit aufgetreten sind und sich bis in die Gegenwart manifestieren. Dieser Effekt, den die Kunst auf unser Gehirn hat, wird oft bei Menschen eingesetzt, die unter posttraumatischem Stress leiden, der durch Krieg, sexuellen Missbrauch oder Naturkatastrophen entstand.

Es hat sich gezeigt, dass dies auch bei Personen, die an körperlichen Erkrankungen, wie Krebs, Demenz oder Alzheimer, leiden, sowie bei zahlreichen psychischen Störungen wie Depressionen und Angstzuständen wirksam sein kann.

Die Reaktion des Gehirns auf die visuellen Reize eines Kunstwerks ist nur der erste Teil eines mehrstufigen Prozesses. Wenn man erst einmal versteht, wie man Kunst richtig betrachtet, kann man auch das Beste aus dieser Erfahrung machen, indem man das Gehirn aktiviert und bewusst involviert. Der nächste Schritt wäre in der Regel dann, selbst einen kreativen Prozess zu starten.