Shutter Island und posttraumatischer Stress

· 1. Juni 2018

Shutter Island  ist ein Film von Martin Scorsese aus dem Jahr 2010, in dem Leonardo DiCaprio die Hauptrolle spielt. An seiner Seite spielen der bemerkenswerte Ben Kingsley und Mark Ruffalo. Dieser Film lässt den Film Noir der 40er und 50er Jahre wiederaufleben, ist bis zum Schluss voller Spannung und versetzt uns in eine verstörende Situation. Eine Insel, eine Nervenheilanstalt und ein unerklärliches Verschwinden sind die wesentlichen Komponenten dieses Psychothrillers, der viele Zuschauer in Staunen versetzte. Shutter Island  lässt uns in das Jahr 1954 reisen, eine Zeit, in der es viele psychiatrische Anstalten gab, in denen zweifelhafte Praktiken wie die transorbitale Lobotomie noch immer Anwendung gefunden haben.

Die US-Marshals Teddy Daniels und Chuk Aule werden zum Ashecliffe Hospital geschickt, um das seltsame Verschwinden einer Patientin zu untersuchen. Kann jemand einfach so aus einer streng überwachten Nervenheilanstalt verschwinden, auf einer Insel, ohne Schule und bei Regen? Die Handlung dieses Kinostreifens gestaltet sich unerwartet und hält für uns ein überraschendes und verstörendes Ende bereit.

Die Geschichte des Wahnsinns

Im Laufe der Geschichte fiel die Behandlung von psychischen Erkrankungen sehr unterschiedlich aus. Michel Foucault behandelte dieses Thema in seinem Werk Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft.  Er untersuchte darin die Ideen Nietzsches und wendet sie auf den Begriff „Wahnsinn“ an. Was zu einem bestimmten Zeitpunkt als „richtig” angesehen wird, kann zu einem anderen Zeitpunkt nicht mehr als „richtig” gelten, oder kann anders verlaufen und sich in Nuancen ändern – Ähnliches passiert mit dem Wahnsinn. Es ist nicht so, dass Foucault den Wahnsinn verteidigt hätte, er versuchte aber, die Veränderung zu erklären, die im Laufe der Zeit stattfindet.

Im Mittelalter wurde die „Verrückten” ausgeschlossen, aber nicht weggesperrt, weil sie Zugang zu einer anderen Art von Wissen gewährten. Erst mit der Renaissance, mit dem Aufkommen des Rationalismus, wurden geistig kranke Menschen weggesperrt und isoliert. Als die Vernunft an Bedeutung gewann, gingen Unvernunft und Wahnsinn unter.

In der Moderne weckte der „Wahnsinn“ bei Forschern ein gewisses Interesse und auch Faszination. Nun begann man, nach Heilungsmöglichkeiten zu suchen, auch wenn es uns beim Gedanken an die ersten damit in Zusammenhang stehenden Praktiken heute eiskalt über den Rücken läuft. Wir müssen gar nicht so weit gehen und nur daran denken, dass wir jeden Tag von Störungen oder mentalen Erkrankungen lesen, von denen wir zuvor niemals gehört hatten, und auf die gleiche Weise werden auch Glaubenssätze entmythisiert. Wir sollten nicht vergessen, dass es noch nicht allzu lange her ist, dass Homosexualität als Krankheit galt.

Nervenheilanstalt auf Shutter Island

Auf Shutter Island besuchen wir Ashecliffe, eine höchst unheimliche Nervenheilanstalt. Eine Nervenheilanstalt auf einer Insel, von der niemand fliehen kann, völlig abgegrenzt und isoliert, kurz gesagt, kein Ort, der einladend wäre. Auch die Filmmusik lässt den Zuschauer erahnen, dass er nichts Angenehmes zu sehen bekommt, sondern sorgt im Gegenteil für eine düstere, geheimnisvolle und spannungsgeladene Atmosphäre.

Der Film gibt uns darüber hinaus einen Einblick in den psychiatrischen Krieg, der damals tobte, denn es war eine Zeit der Veränderung, des Übergangs, in der neue Strömungen auf alte prallten. Das alte Modell der Psychiatrie stand für die Isolation der Erkrankten und Praktiken wie Elektroschocks oder die Lobotomie. Doch eine neue Strömung wurde stärker, die das Leben von Patienten zu humanisieren und zu normalisieren versuchte, ohne sie wegzusperren und auf Medikamente zurückzugreifen. Das Problem aber ist, dass viele der Medikamente noch nicht vollständig entwickelt waren und sich in einer experimentellen Phase befanden.

Dr. John Cawley ist der Direktor der Einrichtung. Er wird als ein Mann gezeigt, der versucht, beide Strömungen miteinander zu vereinen, weil er keinesfalls will, dass seine Patienten wie Straftäter behandelt werden. Er befürwortet aber den Einsatz von Medikamenten und gibt vor, dass die Patienten mit ihnen ein normales Leben führen könnten. Dies steht jedoch im Gegensatz zu der Tatsache, eine Institution zu leiten, die völlig abgeschottet vom Rest der Welt ist, in der Patienten eingesperrt sind und Lobotomien in extremen Fällen noch immer angewendet werden.

Die Patienten auf Shutter Island sind keine gewöhnlichen Patienten. Es handelt sich um Menschen, die grausame Taten begangen haben. Viele von ihnen haben andere Menschen getötet. Und anstatt in ein Gefängnis eingesperrt zu werden, wurden sie in diese Nervenheilanstalt eingewiesen, je nach Gefährlichkeit der Patienten in verschiedene Trakte.

Frau hält sich ihren Finger vor den Mund, um etwas zu verheimlichen

Psychische Störungen auf Shutter Island

Ich kann unmöglich über Shutter Island, ohne zu spoilern, weil es ein Film mit vielen Handlungswechseln ist, die auf das Ende dies Films schließen lassen. Wenn du den Film also noch nicht gesehen hast, empfehle ich dir, nicht weiter zu lesen.

Obwohl zunächst alles auf einen Detektivfilm hinweist, offenbart uns Scorsese einige Hinweise, die darauf hindeuten, dass auf Shutter Island nicht alles so ist, wie es den Anschein hat. Kleine Details, wie die Tatsache, dass Chuck die Waffe nicht so schnell zücken kann, wie ein Polizist das können sollte, oder dass Teddy zu halluzinieren beginnt, dass er von seiner verstorbenen Frau träumt, die Medikamente, die Cawley Teddy für seine Migräne verabreicht … Diese kleinen Details verleiten uns zu der Annahme, dass etwas Seltsames mit dem Protagonisten geschieht.

Im weiteren Verlauf des Films sehen wir, dass Teddy unter Migräne und Erinnerungen an seine Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg leidet. Er hat wirklich traumatische Erfahrungen gemacht, die eine tiefe Wunde in seiner Seele hinterlassen haben. Die Bilder des KZ Dachau sind nur sehr schwer zu verarbeiten und quälen ihn in der Gegenwart. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg teilte Teddy sein Leben mit seiner Frau Dolores und ihren drei Kindern. Aber er war ein Mann, der seiner Arbeit sehr ergeben war und kaum Zeit mit seiner Familie verbrachte. Außerdem war seine Art, den Geistern der Vergangenheit die Stirn zu bieten, nur wenig erfolgreich, weil er ein ernsthaftes Alkoholproblem hatte.

Leonardo DiCaprio in Shutter Island

Teddy erlebt vergangene Erfahrungen durch Träume und Halluzinationen noch einmal. Jetzt verstehen wir, dass er aufgrund der harten Erfahrungen, die er durchmachen musste, wahrscheinlich an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Wir werden Zeugen dessen, dass nicht nur der Zweite Weltkrieg dem Protagonisten geschadet hat, sondern auch die Geschichte seiner Familie.

Seine Frau sagte ihm, dass etwas in ihrem Kopf mit ihr sprach, eine Art Wurm, der in ihr war. Teddy aber konzentrierte sich so sehr auf seine Arbeit und seine eigenen Traumata, dass er die Geisteskrankheit seiner Frau nicht erkannte. Infolgedessen verschlechterte sich der Gesundheitszustand seiner Frau, woraufhin sie schließlich ihre eigenen Kinder ermordete. Als Teddy diese Gräueltat entdeckte, tötete er seine Frau unter Tränen.

All das erhöht sein Stresslevel und Teddy erschafft sich eine Realität, in der er alles leugnet und sich seine Persönlichkeit spaltet, weshalb er Charaktere durch Anagramme, wie Andrew Laeddis (Teddy selbst) und Rachel Solando (seine Frau) aufleben lässt. Er erfindet eine Fantasiewelt, in der seine Frau bei einem tragischen Brand, angeblich durch Laeddis gelegt, verstarb. In seiner Fantasie ist er immer noch ein US-Marshal und wurde nach Shutter Island geschickt, um ein mysteriöses Verschwinden zu untersuchen.

Erklärung der Charaktere anhand einer Tafel

Der Protagonist erschafft eine neue Realität und vergisst auf diese Weise, was vorher passiert ist. Er verleugnet die Wirklichkeit und zieht es vor, in einer Scheinwelt zu leben und sich angebliche Verschwörungen und Experimente auf der Insel auszudenken und zu untersuchen.

Dr. Cawley und sein Team erlauben ihm, seine Fantasie in der Hoffnung auszuleben, dass er sich seiner Vergangenheit bewusst wird, sie akzeptiert und Heilung erfährt, nachdem er entdeckt, dass es keine Verschwörung gibt.

Shutter Island  ist zweifellos ein interessanter Film, der sich mit Themen aus der Geschichte der Psychiatrie und Psychologie beschäftigt, meisterhaft mit unseren Gedanken spielt und unsere Sinne täuscht. Auf Shutter Island ist nichts, wie es scheint.

„Was ist besser? Wie ein Monster zu leben oder wie ein guter Mensch zu sterben?“

Shutter Island