Missverständnisse zum Thema Traumata

· 13. Oktober 2018

Obwohl wir eine Menge über Traumata wissen, gibt es immer noch viele Missverständnisse zu diesem Thema. Wir Menschen sind verletzlich, aber manchmal vergessen wir, wie hartnäckig wir sein können. Wie Viktor Frankl einmal sagte, ist eine abnormale Reaktion auf eine abnormale Situation völlig normal. Diese natürliche Reaktion bringt schließlich die stärksten und widerstandsfähigsten Seiten in uns hervor.

Viele Psychologen und Psychiater erinnern uns gern daran, dass wir alle irgendwann im Leben ein traumatisches Ereignis erleben, auf das wir nicht vorbereitet sind. Es kann der Verlust eines geliebten Menschen, ein Unfall, ein schockierender Anblick, ein Angriff, eine Naturkatastrophe oder ein medizinischer Notfall sein.

„Die Kunst, Traumata zu überwinden und trotz allem gut zu werden, hat nichts mit Unverwundbarkeit oder sozialem Erfolg zu tun.“

Boris Cyrulnik

Es gibt Situationen, die einen starken Eindruck auf uns hinterlassen. Diese Situationen stimulieren Bereiche im Gehirn, die mit Gefahr und Alarm verbunden sind. Bald beginnt sich alles vor uns aufzulösen. Der präfrontale Kortex, die Struktur, die uns hilft, klar zu denken und zu schlussfolgern, verliert an Kraft. Unser mentaler Fokus wird unflexibel und stürzt uns in einen Zustand der Angst.

Es ist möglich, dass viele unserer Leser mit dieser Erfahrung vertraut sind. Ihnen sei gesagt, dass unser Gehirn nicht innerhalb von Monaten heilt, wenn wir ein traumatisches Ereignis erlebt haben. Die Heilung eines verletzten Gehirns, das von posttraumatischen Stress geprägt ist, erfordert Zeit, Anstrengung und die richtigen Bewältigungsstrategien.

Die Annahme, dass morgen alles besser sein müsse, ist nur eines vieler Missverständnisse zum Thema Traumata.

Darstellung vom Gehirn

1. Ein traumatisches Ereignis kann dein Leben zerstören

Wenn ein Therapeut mit einem Missbrauchsopfer, jemandem, der unter schweren Aggressionen gelitten hat, oder jemandem, der einen geliebten Menschen verloren hat, zu arbeiten beginnt, hört er oft den folgenden Satz: „Ich werde nie wieder glücklich sein.“

Am Anfang ist es sehr schwierig für Betroffene, ein traumatisches Ereignis zu verstehen. In Wirklichkeit hat das Trauma aber eine doppelte Wirkung: Auf der einen Seite ist es unbestreitbar destruktiv. Es verändert den Menschen aber auch und kann ihn stärker und fähiger machen, Schwierigkeiten zu begegnen.

Not zu leiden verheißt uns nicht zwangsweise ein schmerzvolles Leben. Wenn wir nach entsprechenden Ressourcen und Unterstützung suchen und uns die Erholung erarbeiten, können wir unser Gehirn neu programmieren. Die Wunde wird vielleicht niemals vollständig heilen, aber sie wird weniger schmerzen und wir können beginnen, ein gesundes Leben zu führen.

2. Traumata treten nach einem bedrohlichen Ereignis auf

Schauen wir uns die Definition des Traumas im Diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen  an. Das Handbuch besagt, dass ein Trauma das ist, „was auf den Todes eines geliebten Menschen folgt, auf eine Bedrohung, eine schwere Verletzung, auf Überfall, Katastrophe, Missbrauch oder Krankheit, die das Leben bedrohen“.

Nun, tatsächlich können sehr viele Probleme auf diese Weise beschrieben werden. Ein Trauma erscheint dabei nicht als „Reaktion“ auf ein traumatisches Ereignis, sondern als Folge der „emotionalen und psychologischen Wirkung“, die dieses auf uns hat. Wenn etwas Schockierendes geschieht, setzt die traumatische Reaktion deshalb auch nicht unmittelbar ein. Sie folgt später, wenn die Person beginnt, ihr Leben und ihre Realität infrage zu stellen. Darüber hinaus kann das gleiche Ereignis bei einigen Menschen zu einem Trauma führen, bei anderen jedoch nicht.

Denken wir zum Beispiel an eine Person, der gerade eine Krebsdiagnose gestellt wurde. Vielleicht reicht diese Nachricht am Anfang aus, um sich niedergeschlagen und traumatisiert zu fühlen. Für viele Menschen ist das Schlimmste allerdings nicht die Krankheit selbst, sondern die fehlende Unterstützung von Freunden oder der Familie.

Blumen am Frauenkörper

3. Das Trauma ist eine psychische Erkrankung

Ein anderes Missverständnis besteht in der Annahme, dass Traumata eine psychische Krankheit wären. Derzeit legen viele Experten auf diesem Gebiet, wie beispielsweise der Psychologe Richard Tedeschi von der University of North Carolina (North Carolina, USA), den Schwerpunkt auf die posttraumatische Belastungsstörung, verstehen das Trauma eher als etwas, das eine Wunde hinterlässt.

Wenn Traumata eine „Wunde“ setzen, betrachten wir etwas, das in seiner Integrität gestört ist. Erleiden wir beispielsweise einen Sturz oder einen Schlag, kann infolge dessen ein Knochen brechen. Wenn wir ein psychologisches Trauma erleiden, ist das ebenfalls als Bruch zu werten. Die resultierende psychische Verletzung macht es uns unmöglich, wieder zu dem zu werden, der wir einmal waren. Der Betroffene ist „psychisch verletzt“ und diese Verletzungen können moralischer oder emotionaler Natur sein.

4. Wenn du stark bist, kannst du allein mit einem Trauma umgehen

Wir leben in einer Gesellschaft, die glaubt, dass nur die Schwachen um Hilfe bitten. Wer medizinische Hilfe benötigt, wäre wohl verrückt, und starke Menschen können mit allem fertig werden, ohne jemals zusammenzubrechen. Traumata brechen uns im Inneren. Niemand, egal wie „stark“ er ist, kann das eigene Leben mit einer gebrochenen Seele, einem zerstreuten Verstand oder einem erodierten Herzen wie gehabt leben.

Dies ist zweifellos nur ein weiteres der Missverständnisse zum Thema Traumata: zu glauben, dass die Zeit alles heilt. Es wäre besser, zu vergessen, als sich zu stellen. Eine positive Einstellung müsste alle Schmerzen verschwinden lassen. Dem sollten wir keinen Glauben schenken, denn es führt uns in eine verzweifelte Sackgasse.

Frau mit Wattebällen

Abschließend sei gesagt: Wir dürfen nicht zulassen, dass Traumata unsere Leben übernehmen. Wir haben die Fähigkeit, uns von dem Trauma zu befreien, und wir verdienen eine würdevollere und freiere Existenz. Wir sollten das Leben ohne das Gewicht von gestern, das schwer auf unseren Schultern lastet, leben. Unsere Gegenwart und Zukunft sollte kristallklar anstatt verschwommen und verwirrt sein.

Wenn du mit einem Trauma zu tun hast, suche Hilfe und arbeite aktiv an dem Zustand, dass deine innere Realität verletzt ist. Du hast die Möglichkeit, dich selbst zu verändern und zu heilen, um ein erfülltes Leben zu führen.