Wenn die Depression unsere Gefühle abtötet

· 15. August 2018

Viele von uns haben die Depression am eigenen Leib erfahren. Manche empfinden eine Mischung aus Traurigkeit und Zorn, die mit Niedergeschlagenheit einhergeht. Andererseits gibt es diejenigen, die eine einfache Leere und die totale Abwesenheit von Emotionen verspüren. Eine Depression lässt uns nichts fühlen, vermittelt den Eindruck, als wäre unser Körper aus Blei und unser Hirn voller Nebel. Während einer depressiven Phase nehmen wir die Wirklichkeit nur verschwommen wahr und meinen, über einem absoluten Nichts zu hängen.

Der bekannte US-amerikanische Dichter und Schriftsteller Phillip Lopate beschrieb diese Erfindung einmal in einem überwältigenden Gedicht mit dem Titel Numbness – Taubheit. In diesem Gedicht versucht er, diese Empfindung – die Erfahrung vollständiger emotionaler Leere – bildlich darzustellen. In seinem Gedicht bezeichnet Lopate die Depression als einen Spaziergang durch eine Eiswüste. Sie mache uns völlig gleichgültig und beschere ein eiskaltes Herz. Lopate hinterlässt uns das Bild einer anorektischen Illusion, in der wir vom Rest der Welt ausgestoßen sind. 

Ein depressiver Mann sitzt auf einem Sofa.

Das Erste, was wir über die Depression verstehen sollten, ist, dass es sich dabei um eine besonders komplexe und vielschichtige Erkrankung handelt. Manche Menschen mit dieser Erkrankung zeigen offensichtliche Symptome, während andere kaum erkennbar Symptome über Monate oder sogar Jahre hinweg mit sich tragen. Eine Depression beeinflusst den Schlaf, die Konzentration, das Gedächtnis, die Kommunikation und die Bewegung.

Leider sprechen wir nicht sehr oft über klinische Depressionen. Wir erwähnen nur selten, dass ein Patient absolut nichts fühlen kann. Anstatt Gefühlen spürt der Patient nur eine Wand, die ihn völlig vom Rest der Welt und sogar von sich selbst abtrennt.

 

Was können wir tun, wenn wir während einer Depression nichts fühlen?

Ein möglicher Grund, warum wir während einer Depression nichts fühlen, ist, dass wir in der Vergangenheit mit einer Situation konfrontiert waren, die uns emotional überwältigt hat. Damals wussten wir nicht, wie wir damit umgehen sollten. In der Literatur wird das als „emotionaler Kater“ bezeichnet. Ein emotionaler Kater ist das Ergebnis einer Erfahrung, die unsere Gefühle vollständig vereinnahmt hat. Nach einer Depression kann es außerdem sein, dass wir unter anderen psychischen Problemen leiden, wie Panikattacken oder der Last ungelöster Traumata.

Im Zusammenhang mit Depression sollten wir auch eine der vielen vorurteilsbehafteten Vorstellungen erwähnen, die in unserer Gesellschaft Bestand haben. Diese Erkrankung wird nach wie vor meistens mit Traurigkeit verbunden. Jedoch kämpfen viele Patienten mit vielschichtigen Emotionen. Depressionen bedeuten nicht nur, traurig zu sein. Zu ihnen gehören auch Pessimismus, Wut und Niedergeschlagenheit. Während einer Depression fühlen wir uns instabil und emotional abgeschottet. Das kann zu körperlichen Symptomen führen, wie Migräne, Muskelschmerzen oder Verdauungsproblemen. 

Patienten, die in dieses Schema passen, leiden manchmal auch unter einem sehr starken Schlafbedürfnis, sodass sie zwischen 10 und 15 Stunden am Tag schlafen können. Sie sagen zuweilen, dass sie das Gefühl haben, weder lächeln noch weinen zu können. Ihnen sei, als ob ihr Körper und Geist nicht nur vergessen hätten, wie diese Handlungen eingeleitet würden, sondern auch, was diese Gesten eigentlich bedeuten. Im nächsten Abschnitt gehen wir näher auf diese bestürzenden Symptome und ihre Erklärung ein.

Zwei Hände bedecken ein Gesicht.

Unterdrückte Gefühle

Viele von uns haben von Kindheit an gelernt, dass wir es verstecken oder überspielen sollten, wenn uns etwas kränkt, stört oder sorgt. Das ist vielleicht ein Grund, warum wir während der Depression nichts spüren. Das trifft sehr häufig zu, wenn wir es mit einer komplexen Familiensituation oder einem stressigen Arbeitsumfeld zu tun haben. 

Solche Situationen führen zu ständiger, extrem hoher Anspannung, die chronisch werden kann. Und irgendwann gleiten wir dann in die Depression ab. Es kann sein, dass wir uns über die Monate oder Jahre so an dieses Gefühl gewöhnt haben, dass wir es gar nicht bemerken. Wir vergessen, wie wir unsere Sorgen, Ängste oder Bedauern auslagern können, und unser Hirn beginnt, taub zu werden. Ein ähnliches Phänomen ist für den klassischen geistigen Nebel verantwortlich, durch den wir nur langsam auf unsere Umwelt reagieren und der unsere Aufmerksamkeit, unsere Konzentration und unser Gedächtnis beeinträchtigt.

Vergangene Traumata

Wenn wir Philip Lopates Gedicht lesen und darauf achten, wie er die Gefühllosigkeit beschreibt, stoßen wir auf ein interessantes Detail. Am Anfang des Gedichts spricht Lopate davon, wie sein Vater ihn einen „kalten Fisch“ nannte, als er neun Jahre alt war. Lopate begann, sich selbst durch die Augen seines Vaters zu sehen. Lopates Vater machte sich aufgrund seiner Schüchternheit und seines Aussehens über ihn lustig und der Junge begann, an das negative Bild von sich selbst zu glauben.

Bei depressiven Patienten sehen wir oft, dass eine komplizierte Vergangenheit oder ein ungelöstes Trauma diese emotional intensive Erkrankung auslösen kann.

Welche therapeutischen Strategien sind in solchen Fällen hilfreich?

Unser Gehirn ist ein erstaunliches Organ. Abgesehen davon, dass es hoch entwickelt ist, ist es so komplex, was es für unseren evolutionären Erfolg verantwortlich macht. Diese Komplexität ist aber auch der Grund, warum es so schwierig ist, psychische Erkrankungen wie eine Depression zu behandeln.

Als erstes müssen wir verstehen, dass unser Gehirn nicht wie ein Computer funktioniert  – egal, wie oft andere das wiederholen, es stimmt nicht. Wir sind keine Maschinen. Tatsächlich wird unser Gehirn von Gefühlen beherrscht. Nur, wenn wir verstehen, wie Gefühle funktionieren, wie wir mit ihnen umgehen und sie in unserem Sinne beeinflussen können, finden wir den Weg aus dem Gefängnis der Depression.

Eine Frau spricht mit einem Therapeuten.

Psychologen empfehlen, Sätze mit der Phrase „Ich habe das Gefühl …“  zu beginnen, wenn wir während einer Depression nichts fühlen. Es ist notwendig, die vielen Schichten unserer Gefühle aufzudecken, damit wir zu der Wurzel unseres Problems vordringen können. Wir müssen herausfinden, welches vergangene Trauma uns noch immer verfolgt, damit wir gesund werden und unser Leben fortführen können. Kognitive Verhaltenstherapien können dabei gut helfen.

In dem Moment, in dem wir beginnen, unseren Zorn, unsere Ängste und unsere Sorgen loszulassen, beschreiten wir auch den Weg zur Genesung.