Die Urwunde und die Auswirkungen unserer Kindheitstraumata

· 10. Juli 2018

Die Urwunde ist ein ungelöstes Trauma. Sie hat mit einer Verletzung zu tun, einer Störung der wesentlichen Verbindung zwischen Kind und Eltern. Hier geht es um emotionale Bedürfnisse, die nicht erfüllt wurden. Dieser Schmerz entstand in einem sehr frühen Lebensalter und wurde nicht aufgelöst. Nun als Erwachsene versuchen wir mit eigener Kraft, diesen Schmerz zu betäuben. Trotzdem behindert er uns weiterhin.

Zwei der meistgenannten Begriffe innerhalb der Psychoanalyse sind die Begriffe Wunde und Trauma. Freud erklärte, dass psychologische Wunden von außen nach innen führten. Sie treten in unseren intimsten Beziehungen auf, besonders in unserer Kindheit. Die Wunde überlebt. Sie verschwindet nicht einfach, sondern besteht fort und dringt immer wieder in unser Sein ein. Sie wuchert unerkannt und erreicht schließlich jeden unserer Lebensbereiche.

„Es gibt nichts, was größer wäre als meine Wunde, auch wenn sie niemand sieht.“

Miguel Hernandez

Unsere frühen Erfahrungen

Sigmund Freud und seine Tochter Anna Freud haben erstmals die Transzendenz früher Erfahrungen in der Entwicklung unserer Persönlichkeit untersucht, und in den 1990er Jahren erschien ein wichtiges Buch zu diesem Thema. Es trägt den Titel The Primal Wound  (zu Deutsch: Die Urwunde,  nicht auf Deutsch verfügbar) und wurde von Nancy Verrier verfasst. In diesem Werk wird eine Realität dargestellt, die weit über Freuds Theorien hinausgeht. Es wird über stille, unsichtbare und permanente Traumata berichtet, die adoptierte Kinder erleben.

Die Autorin schreibt über Theorien, die von gebrochenen Bindungen handeln. Kindliche Zuneigung, die nicht von den Eltern erwidert wird, führt zu unbewussten Wunden, die bis in das Erwachsenenalter fortbestehen. Diese Urwunde resultiert aus einer Kindheit, in der grundlegende Bedürfnisse nicht erfüllt wurden.

Ein trauriges Kind

Was verstehen wir unter dem Begriff „Urwunde“?

Menschen haben Bedürfnisse jenseits der bloßen Aufnahme von Sauerstoff und Nahrung. Wenn ein Kind zur Welt kommt, muss es sich zuallererst sicher fühlen. Es muss Liebe und Zuneigung erfahren. Liebe gibt uns einen Platz in dieser Welt und nährt uns. Sie hilft uns dabei, uns zu entwickeln, am besten in einer sicheren und freundlichen Umgebung. Wir kommen in diese Welt mit der Gewissheit, dass wir jemandem wichtig sind.

Daher wird ein Psychologe oder Therapeut immer versuchen, ein Umfeld der fühlbaren Empathie und Nähe zu schaffen, wenn er seinen Patienten empfängt. Menschen brauchen diese Art von Nährstoff. Wenn wir diese Atmosphäre nicht spüren können, dann reagiert unser Gehirn fast unmittelbar mit Verdächtigungen, Anspannung und Angst.

Das Gleiche erlebt ein Kind, das keine gesunde Bindung erschaffen kann. Eine Urwunde entsteht, wenn ihre Eltern für sie weder emotional noch physisch erreichbar sind. Immer wieder wird der betroffene Mensch dann von Angst, Hunger, Einsamkeit, Leere, Verlust und Schutzlosigkeit heimgesucht, erst als Baby und später auch als älteres Kind.

Eine Baby hält sich am Finger eines Erwachsenen fest.

Mutter und Kind

Wenn man so möchte, kann man die Urwunde als evolutionäres Sakrileg verstehen. Der Prozess der Ontogenese, durch den jeder Mensch geht, besteht auch im Austausch echter Nähe und ständiger Zuneigung zwischen Mutter und Kind. Wir dürfen nicht vergessen, dass ein Baby mit einem unreifen Gehirn zur Welt kommt. Es braucht die Berührung der Haut und die besondere Bindung, um zu wachsen und sich entwickeln zu können.

Wenn in diesem Prozess etwas schiefläuft, vor allem in den ersten drei Lebensjahren, dann entsteht eine unsichtbare, aber tiefe Wunde. Es ist eine Verletzung, die niemand sieht und die uns möglicherweise in der Zukunft in verschiedenen Aspekten unseres Lebens beeinträchtigen wird. Einige dieser Aspekte möchten wir nachfolgend beschreiben.

Die Effekte der Urwunde

Es gibt ein sehr interessantes Buch, das als Referenz für Studien rund um Bindung und Verbundenheit gilt. Sein Titel ist Handbook of Attachment  (zu Deutsch: Handbuch der Bindung,  nicht auf Deutsch verfügbar) und wurde von den Psychologen Jude Cassidy und Phillip R. Shaver geschrieben. In diesem Buch stellen die Autoren die These auf, dass der eigentliche Zweck menschlichen Lebens die Selbstverwirklichung sei. Unser Ziel sei es, über uns hinauszuwachsen, sicher voranzukommen und unser persönliches und emotionales Wachstum zu fördern. Auf diese Weise können wir ein erfülltes Leben mit uns selbst und mit anderen genießen.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür ist eine sichere, reife, enge und intuitive Verbindung, die in unseren ersten Jahren unsere Bedürfnisse erfüllt. Wenn diese jedoch nicht gegeben ist, kann sich eine Urwunde entwickeln. Daraus können folgende Konsequenzen erwachsen:

  • Unsicherheit und geringes Selbstwertgefühl
  • Impulsivität und emotionales Fehlverhalten
  • Schwierigkeiten beim Eingehen und Erhalten von festen Beziehungen
  • Eine „Überlebenspersönlichkeit“, die versucht, Autonomie und Sicherheit auszustrahlen, obwohl dahinter Leere besteht. Es ist möglich, dass Betroffene zeitweise Isolation und Einsamkeit brauchen. An anderen Tagen suchen sie wieder nach Nähe, auch wenn diese Nähe vielleicht nicht echt ist oder sogar schädlich sein kann.
  • Erhöhtes Risiko für verschiedene, psychische Störungen
Mann schaut aus dem Fenster

Wie sich eine Urwunde heilen lässt

In diesen Fällen ist es am besten, sich in professionelle Hilfe zu begeben. In den letzten Jahren gewannen die EMDR (Desensibilisierung und Aufarbeitung durch Augenbewegungen) dazu immer mehr an Bedeutung. Durch diese Technik werden verschiedene Arten der Stimulation und Informationsverarbeitung miteinander kombiniert. So kann der Patient traumatische Erfahrungen und kindliche Wunden ans Licht bringen, um dann über sie zu reden und zu lernen, besser mit ihnen umzugehen.

Grundsätzlich ist es auch wertvoll, die grundlegenden Strategien zu kennen, mit denen sich eine Urwunde verstehen und heilen lässt. Folgende Tipps können helfen:

  • Erkenne deine versteckten Emotionen und gib ihnen einen Namen.
  • Benenne laut deine unerfüllten Bedürfnisse, also z. B. Zuneigung, Unterstützung, Schutz und verständnisvolle Nähe. Diese Gefühle haben ihre Daseinsberechtigung und wir sollten sie nicht unterdrücken.
  • Erinnere dich an die Einsamkeit in deiner Kindheit. Versuche, dabei keine Wut, Scham oder Angst zu empfinden. Die meisten Menschen vermeiden es konsequent, über die Leere nachzudenken, die sie als Kind in sich trugen, um das unangenehme Gefühl nicht noch einmal durchleben zu müssen. Wir müssen dem verwundeten Kind von damals wieder Aufmerksamkeit schenken. Der kindliche Teil in uns ist meist noch sehr verärgert, weil er damals nicht genug Zuneigung und Schutz erfahren hat.
  • Mache dir klar, dass es nicht deine Schuld war. Ein Opfer trägt keine Schuld.
  • Erlaube dir, die Traurigkeit und deine inneren Gefühle loszulassen.
  • Sei offen für den Wandel. Befähige dich darin, dich selbst zu verändern. Übernimm die Verantwortung für eine Veränderung, die dir inneres Wohlbefinden schenken wird.
Eine traurige Frau

Vergebung

Zu guter Letzt raten uns Experten dazu, uns mit der Urwunde auseinanderzusetzen. Wir sollen lernen, mit ihr und den Traumata umzugehen, die mit ihr zusammenhängen. Ein Weg, der dazu empfohlen wird, ist die Vergebung.

Unseren Eltern zu vergeben, befreit sie nicht von ihrer Schuld, aber es befreit uns von ihrem Einfluss. Es ist nicht anderen als ein stilles Akzeptieren dessen, was passiert ist. Wir akzeptieren alles, was geschehen ist, und geben ihm eine Daseinsberechtigung. Gleichzeitig stillen wir durch unsere Vergebung unseren Schmerz, was wiederum unser Herz entlastet. Wir befreien uns damit von unserer Wut und von den Erinnerungen an das, was war. Gib dir deshalb die Chance, Vergebung ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

Die Urwunde ist ein Thema, das immer mehr Menschen interessiert. Es lohnt sich, sich die Zeit für dieses Thema zu nehmen, um seine komplexe psychologische Realität zu verstehen.