Midlife-Crisis? Überhaupt nicht, es ist ein Erwachen!

· 14. August 2018

Irgendwie glauben wir immer noch, dass jeder die sogenannte „Midlife-Crisis“ durchmachen müsse. Doch für viele, die das 40. oder 50. Lebensjahr vollendet haben, ist das, was sie tatsächlich erleben, ein Erwachen. Es ist eine Chance, alte Überzeugungen, Stereotypen und Vorgehensweisen beiseitezuschieben. Es ist eine Möglichkeit, sich neu zu erfinden und einen neuen und besseren Weg für die Zukunft zu planen.

Wenn es ein Wort gibt, bei dem die Leute dazu neigen, es völlig zu überbeanspruchen, dann ist es das Wort „Krise“. Es gibt soziale Krisen, wirtschaftliche Krisen, kulturelle Krisen, ganz zu schweigen von all unseren persönlichen Krisen. Anstatt etwas zu sein, das aus einem bestimmten Grund oder nur gelegentlich in unserem Leben geschieht, werden wir dazu gedrängt, zu glauben, dass Menschen in einem permanenten Zustand von Veränderungen, Krisen und Höhen und Tiefen erleben müssten.

„Habe keine Angst vor langsamen Veränderungen. Du solltest nur Angst davor haben, stillzustehen und keine Veränderung zu erfahren.“

Chinesisches Sprichwort

Die neue Generation

Wenn wir für einen Moment innehalten und diesen Begriff analysieren, dann werden wir etwas erkennen. Klinisch gesehen ist eine Krise eine vorübergehende Phase der Desorganisation. Es bedeutet, dass Personen sich nicht in der Lage fühlen, bestimmte Herausforderungen mit den Methoden oder Ressourcen, die ihnen zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung stehen, zu bewältigen. Es besteht auch die Gefahr eines Traumas. Dieses Trauma hat oft damit zu tun, dass ihre Erwartungen nicht erfüllt werden.

Wenn wir diese Definition auf die sogenannte Midlife-Crisis anwenden, dann werden wir feststellen, dass viele dieser Punkte nicht vollständig erfüllt sind. Oder zumindest nicht bei den neuen Generationen von Männern und vor allem Frauen, die diesen Meilenstein in ihrem Leben erreicht haben. Diese neuen Generationen stellen die traditionellen Ideen, die mit dieser Zeit ihres Lebens verbunden sind, infrage. Diese Ideen, die Krise und Schwierigkeiten betonen. Stattdessen haben wir jetzt das, was viele als „Erwachen“ bezeichnen. Die Menschen wollen etwas Besseres erreichen. Es gibt eine positive Neuerfindung, in der sie gestärkt werden und persönliches Wachstum erfahren.

Barfuß auf dem Rasen

Gibt es heute noch eine Midlife-Crisis?

In der Psychologie verstehen wir, dass jede Phase der menschlichen Existenz eine Reihe von Herausforderungen und Schwierigkeiten mit sich bringt. Die sogenannten Entwicklungskrisen oder Übergänge treten zu bestimmten Zeiten zwischen Kindheit und Alter auf, wo es oft verschiedene Störungen gibt, die unsere Identität, Erwartungen und unser Kontrollgefühl gefährden. Die Menschen sind verpflichtet, ob sie wollen oder nicht, bestimmte Ideen hinter sich zu lassen und neue Realitäten anzunehmen.

Wir sind immer davon ausgegangen, dass es bestimmte Krisen gebe, die „vorhersehbar“ seien, und ein Beispiel dafür ist die Adoleszenz. Die sogenannte Midlife-Crisis unterliegt jedoch einem Wandel der Gesellschaft, der eine Neudefinition des Begriffes erfordert.

Bis vor nicht allzu langer Zeit bedeutete der Übergang vom „Sommer“ unseres Lebens in den „Herbst“ nur eines: zu akzeptieren, dass unsere Jugend nun hinter uns liegt und Veränderungen auf dem Weg sind. Veränderungen, die das Altern, die Wechseljahre, den Verlust unserer Eltern und der Kinder, die das Nest verlassen, einschließen.

Heutzutage sehen wir das jedoch ganz anders. Die Winde haben gewechselt und neue Ideen kommen auf.

Reife ist nicht gleichbedeutend mit Verlusten, sondern mit Gewinnen

Inzwischen gibt es viele Stimmen, die fordern, den Begriff der Midlife-Crisis mit der „Suche nach Identität in der Mitte unseres Lebens“ zu besetzen. Es gibt einen Übergang und daran besteht kein Zweifel. Doch nicht „etwas“ geht verloren, sondern es findet eine Neuorientierung statt. Es gibt den Wunsch, einen Teil unseres Lebens hinter uns zu lassen, um eine neue Bühne zu betreten. Eine Bühne mit besseren Ressourcen, mehr Freiheit und einer klareren Identität.

Es ist eine Zeit unseres Lebens, in der wir Folgendes erkennen:

  • Es gibt keinen Wunsch, zurückzugehen und die Kraft und Energie, die wir vor zwanzig Jahren hatten, wiederzugewinnen.
  • Wir haben die Überzeugung, dass die Vergangenheit gut gelebt wurde. Sie war nützlich, aber jetzt sollten wir unsere Zeit nutzen, um uns in Richtung persönlicher Erfüllung voranzubringen.
  • Viele Menschen, vor allem Frauen, wissen, dass sie ihren Platz in der Welt finden wollen. Das kann wirklich ein Impuls zu großen Veränderungen in ihrem Leben sein.
Älteres Ehepaar, ganz ohne Midlife-Crisis

Eine Zeit der Expansion

Soziale Netzwerke sind ein Spiegelbild unserer modernen Realität. Um das Wesen dieser Veränderung in der sogenannten Midlife-Crisis zu verstehen, müssen wir nur nach dem Hashtag #FaB („fifty and beyond“) suchen. Dort finden wir eine Generation voller Lebensfreude. Das liegt daran, dass das reife Alter nicht alt ist. Es ist kein Verlust, es ist Gewinn und vor allem Wachstum.

Menschen in den Fünfzigern sind heute sehr aktiv, sowohl intellektuell als auch beruflich. Sie sind die Humanressourcen, die den Unternehmen Exzellenz und jeder Organisation und Projekt Qualität bieten. Weil sie einen größeren kritischen Sinn haben, wissen sie auch, wie man Probleme besser löst. Sie haben eine lange Erfahrung und wissen doch, wie man lernt und auf dem Laufenden bleibt, oft mit Querdenken.

Ebenso können wir den unaufhaltsamen und sehr ermutigenden sozialen Wandel, den Frauen erleben, nicht ignorieren. Wir sehen, wie sie Machtpositionen erreichen und ihre eigenen Führungsprojekte umsetzen. Es ist auch offensichtlich, dass sie, sobald sie das mittlere Alter erreicht haben, eher in der Lage sind, radikale Veränderungen in ihrem Leben vorzunehmen, um die Träume ihrer Jugend zu erfüllen.

Reife, lächelnde Frau

Abschließend sei gesagt, dass die so genannte Midlife-Crisis nicht mehr so kritisch ist wie früher. Im mittleren Alter geht nichts verloren, aber vieles wird gewonnen. Alte Werte gelten nicht mehr, und das Glück hat nicht nur mit der Jugend zu tun. Wohlbefinden, Erfüllung und Hoffnung sind nicht mehr an das Alter gebunden.

Wir beginnen erst, richtig zu altern, wenn wir aufhören, Pläne für die Zukunft zu machen. Die Ziele des Tages sind verschwommen, und die Schatten der Angst und der Begrenzung sind groß. Hören wir auf, es eine Krise zu nennen! Benennen wir es als das, was eigentlich ist: als Erwachen.