Ich mag soziale Netzwerke, aber kein gefaktes virtuelles Leben

26. April 2017 en Kuriositäten 232 Geteilt

Soziale Netzwerke sind nichts weiter als alternative Kommunikationskanäle. Man nutzt sie, um Informationen zu verbreiten. Oder man interagiert mit Menschen, die entweder weit weg oder ein Teil unseres täglichen Lebens sind. So ein Netzwerk ist ein nützliches und dynamisches Werkzeug, durch das wir binnen kürzester Zeit Informationen erhalten. Soziale Netzwerke stellen auch Aspekte zur Schau, die sonst zu kompliziert zum Teilen wären.

Manchmal füttern uns die sozialen Netzwerke, bis wir satt sind und manchmal sind sie ein spaßiger Zeitvertreib. Dann wieder keimt in uns der Wunsch auf, eine Weile aus ihnen zu verschwinden, ohne dass es irgendjemand bemerkt. Und dann in gleicher Weise wieder aufzutauchen. Was die Wahrheit angeht, ist dort nicht immer alles Gold, was glänzt. Aber das ist ja bei jedem Kommunikationsmedium oder gesellschaftlichen Miteinander der Fall.

“Facebook ist entstanden, um Menschen die Macht zum Teilen zu geben und die Welt zu einem offeneren, besser verbundeneren Ort zu machen.”

Mark Zuckerberg

Soziale Netzwerke können Spaß machen. Sie sind nützlich und gefühlsmäßig positiv besetzt, wenn man sie zu benutzen weiß. Genauso wie bei jedem anderen technischen Werkzeug. Es gibt jedoch eine starke affektive Komponente bezüglich allem, was mit gesellschaftlicher Akzeptanz und der Bestätigung durch die für uns wichtigen Menschen zu tun hat. Das kann ein soziales Netzwerk in einen Schaukasten von Lügen verwandeln. Ein virtuelles Leben, das keinen Zusammenhang mit dem wirklichen Leben des Individuums hinter dem Computerbildschirm hat.

Aus Spaß wird Sklaverei und das alles nur für ein virtuelles Image

Nur wenige von uns kennen den feinen Unterschied zwischen einem gefälligen Image in den sozialen Medien und einer Fälschung unserer selbst. Natürlich versteht man den Wunsch, Leuten zu gefallen. Das ist etwas Logisches und Verständliches. Aber nicht zu wissen, wie man im Umgang mit einem virtuellen Medium Grenzen setzt, kann emotionale Schwierigkeiten, Identitätsprobleme und Ruhelosigkeit zum Vorschein bringen.

 Diese Punkte können hier als Warnsignale dienen:

  • Keinen geeigneten Sichtschutzfilter für Freunde, Bekannte und Fremde aufbauen. Wenn wir jedem die gleiche Menge an Informationen anbieten, werden wir wahrscheinlich zu viel von uns preisgeben. Noch dazu in einem Medium mit unbegrenzten Verbindungen zwischen den Nutzern, mit all den Risiken, die das mit sich bringt.
  • Unsere Aufrichtigkeit für eine Handvoll Likes opfern. Viele Leute posten gewisse Dinge und sind dann bekümmert oder fühlen sich abgewertet, wenn sie nicht eine bestimmte Menge an Likes bekommen. Da sie mit diesen Gefühlen nicht umgehen können, bieten viele einer unbekannten Anzahl an Fremden die Freundschaft an. Oder sie löschen niemals Nutzer, zu denen sie keine Beziehung haben. Viele entscheiden sich vielleicht sogar dafür, persönliche Konflikte zu teilen. Ganz in der Hoffnung, dass eines ihrer Fotos das, was sie als „beliebt“ oder „erfolgreich“ einstufen, erreichen wird, sei es ein nett dekoriertes Essen oder ein entspannender Spaziergang in den Bergen. Wenn sie Likes bekommen und das sogar von Unbekannten, gibt es ihrem Selbstbewusstsein einen kräftigen Schub.

  • Um jeden Preis beweisen, dass du viele Freunde hast: Du bearbeitest deine Fotos mit Filtern, zeigst darauf lächelnde Gesichter und verherrlichst die Freundschaft. Wir haben alle schon einmal ein solches Foto gepostet. Selbst wenn wir die Person im Bild neben uns nicht einmal leiden können. Oder wenn wir in Wirklichkeit einen miesen Tag hatten. Das ist die Light-Version, von der wir meinen, dass sie es wert ist, gepostet zu werden. Aber vielleicht fängst du auch damit an, Treffen oder Partys zu organisieren, die dir persönlich gar nicht zusagen. Nur damit es so aussieht, als ob du ein gesellschaftlich aktiver Mensch bist. Du hast womöglich Schulden, und planst trotzdem einen Ausflug, nur damit du mit deinem „aktiven Lebensstil“ prahlen kannst.
  • Das Risiko des Eindeutigen. Es steht jedem frei, der Welt seine gefühlsseligen Beziehungen zu zeigen. Aber wenn du jede einzelne deiner idealen Begegnungen öffentlich machst, könnten Menschen das befremdlich finden. Diese Etiketten, auf denen „ideal“ steht, mutieren dann im wirklichen Leben zu Szenen aus Kramer gegen KramerWenn du in einem sozialen Netzwerk Lügen über deine Freunde und Familie verbreitest, fangen die Leute an, dir nicht mehr zu trauen. Sie nehmen dich dann vielleicht nicht ernst oder halten dich ohne Umschweife für jemanden, dem es an Selbstwert und Charakter fehlt.
  • Liebeserklärungen und Beschwörungen ewiger Freundschaft haben keine Entsprechung in deinem wahren Leben fernab des Computers. Wenn sich zwei Freunde mögen, ist jedes Medium zum Herzeigen gut genug. Aber gewisse Leute fühlen sich vielleicht erdrückt, wenn sie Dutzende von öffentlichen Freundschaftsbeteuerungen in den sozialen Medien bekommen. Und das Ganze vor einem riesigen Publikum. Und dennoch können sie mitunter nicht mit der Person rechnen, wenn sie sie wirklich brauchen…
  • Seinen Ex-Partner eifersüchtig machen – selbst wenn du jemanden Neues hast, den du nicht magst oder der dir egal ist. Manche Leute müssen nach einer Trennung verzweifelt beweisen, dass sie die ersten sind, die wieder fest im Sattel sitzen. Sie verändern einfach den Rahmen der Freundschaften, die sie mit anderen Menschen haben. Sie schießen ständig Fotos, um ihrem Ex-Partner zu zeigen, dass sie die Gewinner sind.
  • Vorgeben, dass alles eitel Sonnenschein ist, wenn du dich in Wahrheit geschlagen fühlst. Wir zeigen, dass wir über unsere Jobs, Reisen, Kinder, Freunde und Partner hocherfreut sind. Das führt zu einem solchen Ausmaß an Scheinheiligkeit, dass wir keine wichtigen Entscheidungen mehr treffen. Ganz wichtig ist dabei, die Fassade aufrechtzuerhalten.

Wir glauben, dass bestimmte Menschen eifersüchtig werden, wenn wir ein perfektes virtuelles Leben leben. Aber die Wahrheit ist, dass dein Profil für sie völlig unwichtig ist. Wir halten die Posse aufrecht, egal, was wir in unserem Leben wirklich verändern wollen.

Die emotionalen Auswirkungen eines vorgetäuschten virtuellen Lebens

Je unaufrichtiger du bei deinen virtuellen Interaktionen bist, desto mehr wirst du ihr Gefangener. Du kannst posten, kommentieren, interagieren und dabei immer versuchen, dass dein Online-Verhalten dein wahres Ich widerspiegelt.

Du bekommst vielleicht nicht jedes Mal 200 Likes, aber du findest es sicher gut, freundliche Kommentare von Menschen zu erhalten, die du auch wirklich schätzt. Leute, mit denen du eng verbunden bist oder die für dich an einem gewissen Punkt in deinem Leben besonders waren und es bis zum heutigen Tag immer noch sind. Selbst, wenn die Zeit und viele Kilometer zwischen euch liegen.

Und darum möchte ich, dass meine sozialen Netzwerke das widerspiegeln, was ich wirklich gern mag. Und damit meine ich mögen, wirklich gern mögen, ohne dass ich auf ein „Gefällt mir“ klicken muss. Ich möchte gewisse Dinge für mich behalten. Und auch nicht freundschaftlich mit Leuten plaudern, denen ich im wirklichen Leben nicht einmal zuwinke.

Ich mag soziale Netzwerke, aber ich mag keine virtuelle Falschheit. Ich bin nicht daran interessiert, ein Vorreiter zu sein. Stattdessen möchte ich mir meinen Frieden und meine Persönlichkeit angesichts der Tyrannei der Likes erhalten. Ich fand sie vor einiger Zeit ganz unterhaltsam, heute aber mag ich sie einfach nicht mehr. Likes sind bloß etwas, was man zählen kann, keine Geste der Zuneigung oder der großen Freude.

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