Mercedes Sosa: Das Leben der "Stimme Lateinamerikas"

30 Juni, 2020
Mercedes Sosa war eine Frau mit einer unglaublichen Stimme. Mit 15 Jahren begann ihre Karriere. Die Sängerin schritt weiter von Erfolg zu Erfolg - ohne einen Blick zurück. Sie setzte sich sehr für Gerechtigkeit und Menschenrechte ein und blieb ihren Überzeugungen stets treu.
 

Mercedes Sosa war bei zweien ihrer Konzerte kaum noch in der Lage, ihre Gefühle zurückzuhalten. Beim ersten Konzert 1973 in Barcelona – ihrem ersten überhaupt in Spanien – war Diktator Francisco Franco noch an der Macht. Jegliche Werbung für Konzerte war unter Francos Regime verboten. Dennoch strömten die Menschen in Massen zu ihrem Konzert, um bei ihren Liedern mitzusingen. “La Negra” – die Schwarze – wie sie liebevoll genannt wurde, vergoss dabei auf der Bühne Tränen.

Das zweite ihrer unvergesslichen Konzerte fand fast zehn Jahre später im Februar 1982 statt. Nach bitteren Jahren im Exil konnte sie angesichts der angeschlagenen argentinischen Militärdiktatur wieder in ihrem Heimatland auftreten. Bei ihren beiden Konzerten in Buenos Aires sangen 60.000 Menschen ihre Lieder mit. Mercedes gab später zu, dass sie keinen Blick in die Menschenmenge wagen konnte, ansonsten wäre sie in Tränen ausgebrochen.

Man sagt, dass Carlos Alberto Lacoste, damals Spitzenmann des Militärregimes in Buenos Aires, die Frage stellte: “Wer hat Mercedes Sosa die Erlaubnis gegeben, sich in meinem Land aufzuhalten?”

Mercedes Sosa, “die Stimme Lateinamerikas”, war eine Frau von bescheidener Herkunft. Sie ging keinerlei Kompromisse ein, was den Missbrauch von Macht anging. Für ihre geradlinige Haltung musste Mercedes einen hohen Preis bezahlen. Sie hatte vor allem eine begnadete Stimme – mit dieser Gesangsstimme konnte sie der ganzen Welt etwas über das Leben in Lateinamerika erzählen.

 
Mercedes Sosa

Mercedes Sosa, eine bescheidene Frau

Offiziell hieß sie Haydée Mercedes Sosa, obwohl sich ihre Eltern darauf geeinigt hatten, dass ihr Name Marta Mercedes lauten sollte. Ihr Vater ging auf das Standesamt und entschloss sich, diese Pläne in der letzten Sekunde über den Haufen zu werfen. Trotzdem nannte ihre Familie sie ihr ganzes Leben lang Marta.

Sie wurde am 9. Juli 1935 in Argentinien in der Stadt San Miguel de Tucumán geboren. Es gibt einige interessante Fakten, die sich um ihr Geburts- und Todesdatum ranken.

Mercedes ist am gleichen Tag geboren, an dem sich das Land Argentinien von Spanien unabhängig erklärte. Zufälligerweise wurde der dazugehörige Vertrag 1816 in ihrer Geburtsstadt unterschrieben. “La Negra” starb 74 Jahre später am 4. Oktober, dem Geburtstag von Violeta Parra, einer Frau, der Mercedes zu Weltruhm verhalf.

Sosa war die Tochter eines einfachen Zuckerrohr-Arbeiters. Ihre Mutter lebte davon, reichen Familien die Wäsche zu waschen. Ihre Eltern waren Peronisten, also loyale Anhänger des Präsidenten Juan Domingo Perón. Am 17. Oktober 1950 reisten beide nach Buenos Aires, um den für Peronisten wichtigen “Tag der Loyalität”, den “Día de la Lealtad” zu feiern. Hunderttausende Arbeiter hatten fünf Jahre zuvor vor dem Präsidentenpalast für die Freilassung des damals inhaftierten Ministers Perón demonstriert. In freien Wahlen wurde er dann im Februar 1946 zum Präsidenten gewählt.

 

An jenem Tag fehlte in ihrer Schule die Musiklehrerin und Mercedes wurde ausgewählt, die argentinische Nationalhymne anzustimmen. Das war ihr erster öffentlicher Auftritt.

Der Beginn einer erfolgreichen Karriere

Einige ihrer Klassenkameraden meldeten die 15-jährige Mercedes Sosa bei einem Talentwettbewerb des örtlichen Radiosenders von San Miguel de Tucumán an. Mercedes sagte zu und nachdem sie ihren Auftritt beendet hatte, erklärte der Betreiber des Senders, dass der Wettbewerb vorbei sei, denn die Gewinnerin stünde bereits fest. Von diesem Zeitpunkt an sang Mercedes regelmäßig im Radio.

Der wahre Durchbruch gelang ihr gemeinsam mit dem Komponisten und Sänger Manuel Oscar Matus, der 1957 ihr Ehemann wurde. Zusammen mit dem gemeinsamen Sohn Fabián Matus lebten sie in der Provinz Mendoza, die Mercedes sehr mochte. Dort gründete sie mit ihrem Mann und dem Dichter Armando Tejada Gómez die folkloristische Genre-Bewegung des “Nueva Canción”, einer Form des politischen lateinamerikanischen Lieds.

Die Ehe dauerte nur acht Jahre lang, dann wurde Mercedes von ihrem Mann wegen einer anderen Frau verlassen. Sie zog nach Buenos Aires, wo im gleichen Jahr ein fast magisches Ereignis stattfand. Während des wichtigsten argentinischen Folklorefestivals in Cosquín bat der Musiker Jorge Cafrune Mercedes darum, auf der Bühne zu singen. Von offizieller Stelle war sie nicht eingeladen worden. Sie nahm die Einladung an und das Publikum war sofort von ihrer Stimme fasziniert.

 
Mercedes Sosa

Die Stimme Lateinamerikas

Ab diesem Augenblick verblasste der Stern von Mercedes Sosa nicht mehr. Zuerst eroberte sie ihr Heimatland, dann ganz Lateinamerika und schließlich die gesamte Welt.

Sie fand einen neuen Lebenspartner, Francisco “Pocho” Mazzitelli, der sie auch als Manager vertrat und sie nie verließ. Es waren glückliche Zeiten für Mercedes. Ohne Zögern bezeichnete sie “Pocho” als die “große Liebe” ihres Lebens.

1976 stürzte das Militär in Argentinien die Regierung Perón und Mercedes erlebte schwierige Zeiten. Zuerst wurden ihre Platten verboten, dann stand sie auf der schwarzen Liste der Feinde der Diktatur.

1978 wurde Mercedes während einem ihrer Konzerte in La Plata auf der Bühne von Militärs unterbrochen. Einige Offiziere ohrfeigten sie in der Öffentlichkeit und nahmen sie und den Rest des Publikums gefangen. Dieses Ereignis führte sie ins Exil – zuerst nach Paris und später nach Madrid.

Das Exil war eine bittere Erfahrung für sie, besonders auch deshalb, weil es mit dem Tod ihres Partners “Pocho” zusammenfiel. Sie sagte später, sie habe neun Jahre gebraucht, um mit diesem Verlust zurechtzukommen. Trotzdem brachte ihr die Verehrung des Publikums und ihr Gesang die Lust am Leben zurück.

 

Sie gab wieder Konzerte und wagte sich sogar an musikalische Experimente mit Rock-Musikern. Sie starb am 4. Oktober 2009 im Alter von 74 Jahren in einem Krankenhaus in Buenos Aires. Ihr Vermächtnis ist eine außergewöhnliche Karriere und eine absolut unsterbliche Stimme.

Braceli, R. E. (2003). Mercedes Sosa: la negra. Sudamericana.