Menschen, die Angst vor Konflikten haben: Wenn uns die Angst davon abhält, uns selbst zu verteidigen

· 1. August 2018

Menschen, die Angst vor Konflikten haben, entscheiden sich oft dafür, zu schweigen und die Konflike an sich vorbeiziehen zu lassen, um Konfrontationen zu vermeiden und, wie sie selbst sagen, in Frieden leben zu können. Diese auf Widerstand und keiner Reaktion basierenden Dynamiken verankern sie jedoch in einem Zustand, in dem sich das Unbehagen, die Frustration und vor allem der Verlust der Würde anhäuft.

Ängste erfüllen an sich eine evolutionäre Funktion: Sie helfen uns, zu überleben, auf Gefahren zu reagieren. Das eigentliche Problem unserer Modernität besteht nun darin, dass es keine Räuber mehr gibt, die unser Überleben gefährden; die Bedrohungen sind nun nicht mehr physisch und unsere Ängste haben sich zum großen Teil in pathologische Ängste verwandelt. Diese begrenzen, ob wir wollen oder nicht, unser Wachstum sowie unsere soziale und emotionale Solvenz.

Menschen, die Angst vor Konflikten haben, füllen die Praxen der Psychologen. Dieser Umstand mag viele überraschen, doch er beschreibt die Realität. Betroffene charakterisieren sich durch mentale Diskurse, die fast ausschließlich auf Aussagen wie „Ich sage besser nichts, damit sich keiner aufregt“, „Ich wage es nicht, etwas zu sagen, weil ich damit jemanden verletzen könnte“  oder „Ich weiß nicht, wie ich dieser Person sagen kann, dass mir das, was sie getan hat, nicht richtig erscheint“  basieren.

Das Leben an der Grenze zur permanenten Unsicherheit ist kein Leben. In diesem Zufluchtsort der Unbeweglichkeit vor Ungerechtigkeiten zu leben ist auch nicht gesund. In der Lage zu sein, darauf zu regaieren, was uns nicht gefällt und unsere Rechte zu verteidigen, ist einer der Grundsätze unseres Wohlbefindens und unserer Gesundheit. Konflikten gegenüberzutreten und diese effektiv zu managen, hilft uns, zu wachsen.

Eine Person, die Angst vor Konflikten hat, ist jene, die den Ballon ihrer Wut und Frustration nach und nach und in Stille befüllt. Sie macht es, in dem sie alles hinunterschluckt, das ihr wehtut; sie macht es, indem sie nachgibt und das Problem vorbeiziehen lässt, genauso wie das nächste und das nächste. Bis es am Ende zu spät ist: Dieser Ballon wird in ihren eigenen Händen zerplatzen.

Mann, der in einer Flasche sitzt

Menschen, die Angst vor Konflikten haben: Was steckt hinter dieser Angst?

Man könnte sagen, dass sich durch einen Rückzug zum richtigen Zeitpunkt viele Konflikte vermeiden lassen. Das wissen wir alle und wir haben es auch alle schon einmal in die Praxis umgesetzt, da wir gesehen haben, dass diese Strategie im Allgemeinen gute Ergebnisse bringt. Nun gut, diese Rückzugsstrategie permanent anzuwenden ist jedoch keine geeignete Antwort auf alle Umstände. Sie ist es eben nicht, wenn Ungerechtigkeiten auftreten und wir uns verteidigen, Grenzen setzen und anderweitig reagieren sollten. Die ständige Nutzung dieser Vermeidungsstrategie wird uns Schritt für Schritt dazu bringen, uns in einem Kreis des Leidens zu installieren, hinter einer hohen Barriere, was nicht gesund ist. 

Fast ohne es zu bemerken, werden wir am Ende Situationen hinnehmen, die wir nicht akzeptieren dürfen. Wir geben anderen die Macht über uns und lassen zu, dass sich unsere persönlichen Grenzen wie Zucker in einer Kaffeetasse auflösen. Menschen, die Angst vor Konflikten haben, füllen auch Hausarztpraxen aufgrund einer mehr als offensichtlichen Tatsache: Aus ihrer Frustration werden körperliche Probleme wie Muskelschmerzen, Verdauungsprobleme, und Fieberbläschen.

Wenn wir uns jetzt fragen, was hinter dieser Angst vor Konflikten steckt, so kann man sagen, dass es nicht immer einfach ist, diesbezüglich ein Profil zu erstellen, dass jedem Einzelnen von Nutzen wäre. Lasst nun uns jedoch einige Merkmale sehen, die recht häufig auftreten.

  • Es sind Menschen, denen es an authentischer emotionaler Intelligenz fehlt. Sie erkennen ihre eigenen Emotionen nicht, sie entscheiden sich dafür, diese zu verstecken, sie haben kein Durchsetzungsvermögen, wenig entwickelte soziale Fähigkeiten.
  • Sie fürchten sich davor, die Verbindung oder Beziehung mit anderen Menschen zu gefährden, wenn sie ihre Gedanken und Emotionen auf authentische Weise ausdrücken. Ebenso verbinden sie Ehrlichkeit mit einer Gefahr, mit der Möglichkeit, jemanden zu verlieren.
  • Sie sorgen sich extrem um das soziale Bild, das sie von sich selbst zeigen: Sie wollen keine Fehler machen, keine Meinungsverschiedenheiten schaffen.
  • Wenn es einen Konflikt gibt, vermeiden sie diesen nicht immer. In vielen Gelegenheiten entscheiden sie sich für den harmlosesten Ausgang: aufgeben oder die Schuld übernehmen, um die Harmonie wiederherzustellen.
  • Sie verhalten sich nach einem Vorbild, das sich darauf konzentriert, gut mit jedem auszukommen.
Frau, die Angst hat

Es ist notwendig, unsere Einstellung, die wir gegenüber Konflikten haben, zu ändern

Es ist ausreichend, das Wort „Konflikt“ laut auszusprechen, damit wir uns in kürzester Zeit ein Schlachtfeld vorstellen, ein Szenario, in dem Worte als Waffen dienen, wo die Meinungsverschiedenheiten zu Beleidigungen werden, wo die Unterschiede eine unüberwindbare Distanz schaffen, über die wir am Ende alles verlieren. Es ist notwendig, eine Wende einzuleiten, den Chip zu wechseln, eine neue Sicht auf diese Idee zu erlangen. 

Menschen, die Angst vor Konflikten haben, müssen verschiedene Dinge verstehen. Erstens, dass diese Situationen uns sehr positive Dimensionen bringen können. Die Beseitigung von Diskrepanzen wirkt sich auf unsere Identität und auf unser Selbstwertgefühl aus, und überdies reinigen wir auf diese Weise unsere Beziehungen und die sozialen Kontexte, in denen wir uns täglich bewegen. Bedenken wir, dass Konflikte fast überall auftreten können: In der Schlange im Supermarkt, mit unserem Partner, mit den Kindern, mit einem Arbeitskollegen …

Sich in die Passivität oder Flucht zurückzuziehen, entfernt uns noch weiter von unserer sozialen Rolle. Daher müssen wir wissen, wie wir miteinander reden und uns einigen können, Probleme lösen, verhandeln und auch unsere eigenen Bedürfnisse befriedigen und unsere Identität stärken können. Dies zu tun ist nichts Schlechtes; es erfordert jedoch Arbeit, Ausdauer und ein angemessenes Training unserer sozialen Fähigkeiten, unseres emotionalen Managements und der Selbsterkenntnis.

Lasst uns damit aufhören, vor uns selbst wegzurennen, und lasst uns uns dem Leben stellen, damit wir Wohlbefinden erreichen können.