Meine Mitmenschen definieren mich als gefühlsintensiven Menschen - ist das ein Problem?

Ein gefühlsintensiver Mensch zeichnet sich durch hohe Sensibilität und andere Merkmale aus, die ein eigenes Persönlichkeitsprofil bilden. Erfahre mehr darüber.
Meine Mitmenschen definieren mich als gefühlsintensiven Menschen - ist das ein Problem?
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 21. Dezember 2022

Meine Mitmenschen betrachten mich als einen sehr gefühlsintensiven Menschen, der sich alles zu Herzen nimmt und Ereignisse oft überschätzt. Kennst du dieses Gefühl? Die Wahrheit ist, dass wir in unserem inneren Universum alle sensibel sind und dass unsere emotionalen Reaktionen oft rasch und intensiv erfolgen. Der Unterschied besteht darin, dass es Menschen gibt, die in ihrer Wesensart und im Umgang mit ihren Gefühlen besondere Eigenschaften aufweisen.

Manche Menschen unterdrücken ihre Gefühle nicht, sondern bringen sie offen und ungefiltert zum Ausdruck. Sie erleben die gesamte Bandbreite an Emotionen, die den Menschen ausmachen, auf eine tiefere Art und Weise und dabei entsteht manchmal Ambivalenz. Diese Personen können eine gewisse Ausgeglichenheit bei Traurigkeit und sogar Angst in glücklichen Momenten spüren.

Ist etwas falsch daran, sich mit diesem psycho-emotionalen Profil zu identifizieren? Die Antwort ist nein, doch wir leben in einer Welt, die sich darauf konzentriert, zu definieren, was “normal” ist. Intensive Persönlichkeitstypen werden als unberechenbar und schwer zu kontrollieren oder zu verstehen wahrgenommen, was oft zu Vorurteilen führt.

Emotionale Intensität ist eine Eigenschaft, die oft bei sehr empathischen Menschen mit einem hochsensiblen Persönlichkeitsprofil auftritt.

Andere betrachten mich als einen sehr gefühlsintensiven Menschen

Meine Mitmenschen definieren mich als einen sehr gefühlsintensiven Menschen: Was kann ich tun?

Wenn mich andere als einen sehr gefühlsintensiven Menschen klassifizieren, werde ich wütend und fühle mich erwartungsgemäß nicht besonders gut. Denn es kommt regelmäßig vor, dass ich Personen treffe, die es lieben, andere zu etikettieren. Unsere Gesellschaft akzeptiert oder versteht diejenigen nicht, die ihre Emotionen offen ausdrücken oder mit größerer Sensibilität reagieren.

Es handelt sich um “seltene Vögel”, die nicht nur schwer zu verstehen, sondern auch im Umgang kompliziert sind. Sie sind unberechenbar, übermäßig leidenschaftlich und zeigen eine Vitalität, die in einer Welt, die an Zurückhaltung gewöhnt ist, nicht willkommen ist. Intensive Personen sind außerdem daran gewöhnt, ihre Gefühle zu verbergen. Persönlichkeiten, die auf einer anderen Wellenlänge schwimmen, können daher manchmal als Bedrohung empfunden werden.

Doch wie kannst du in dieser Situation reagieren?

Lerne dich selbst kennen, du hast kein Problem!

Ein gefühlsintensiver Mensch zeichnet sich durch hohe Sensibilität und andere Merkmale aus, die ein eigenes Persönlichkeitsprofil bilden. Die Vanderbilt University in Tennessee und das Massachusetts Hospital haben vor Jahren eine Studie zu diesem Thema veröffentlicht, die zur Definition von intensiven Menschen eine Skala nutzt.

Mit anderen Worten: Wir haben es mit einer bestimmten Persönlichkeitstypologie zu tun, deren Merkmale messbar und identifizierbar sind. Schauen wir uns nun die Dimensionen an, die sie definieren:

  • Emotionale Tiefe und Leidenschaft. Sie erleben sowohl positive als auch negative Emotionen sehr intensiv. Zudem handelt es sich um sehr engagierte Menschen, die mit Leidenschaft bei der Sache sind.
  • Hohes Einfühlungsvermögen und Sensibilität. In diesem Persönlichkeitsprofil ist die Eigenschaft der Hochsensibilität vorhanden, sowohl emotional als auch physiologisch. Das heißt, dass sie sich von Geräuschen, Gerüchen und intensivem Licht belästigt fühlen können.
  • Ausgezeichnete Wahrnehmungs- und Beobachtungsgabe. Diese Menschen sind überdurchschnittlich intuitiv.
  • Im Durchschnitt korreliert dieses Persönlichkeitsmuster mit der Extraversion.
  • Sie sind sehr fantasievoll, kreativ und dynamisch. Es handelt sich um sehr aktive Männer und Frauen, die das Bedürfnis haben, sich mit ihrer Umwelt zu verbinden.
  • Ein weiteres besonderes Merkmal sind ihre existenziellen Krisen. Im Allgemeinen diesen intensiven Menschen dazu, viele Aspekte der sie umgebenden Realität zu hinterfragen: Gesellschaft, Beziehungen, den Sinn des Lebens usw.
  • Es ist auch wichtig, auf die bereits erwähnte emotionale Ambivalenz hinzuweisen. Das heißt, das Gefühl, Gedanken und/oder Emotionen mit positiver und negativer Wertigkeit gleichzeitig zu experimentieren.

Ein Merkmal sehr intensiver Menschen ist die Ekstase: ein überschwängliches Gefühl, das sie zeigen, wenn sie Kunst, ihre Arbeit, Freundschaft oder Liebe genießen. Eine solch überschwängliche Art, das Leben zu genießen, kann für andere beunruhigend oder einschüchternd sein.

Meine Mitmenschen definieren mich als einen sehr gefühlsintensiven Menschen: Warum kann das problematisch sein?

Wenn andere dich als einen gefühlsintensiven Menschen bezeichnen, hast du vermutlich das Gefühl, dass das problematisch ist. Du solltest dir über Folgendes bewusst sein: Emotionale Intensität ist keine Pathologie.

Es handelt sich um ein Vorurteil, das entsteht, wenn jemand über das “Normale” hinausgeht. Andere bekommen zu hören, dass sie “zu schüchtern”, “zu dramatisch” oder “zu impulsiv” sind. Es ist oft schwierig, einen Mittelweg zu finden, nicht aufzufallen oder nicht als “anders” eingestuft zu werden. Für gefühlsintensive Menschen stehen Höhen und Tiefen in sozialen Beziehungen auf der Tagesordnung. 

Sie sind sehr dynamisch und benötigen große intellektuelle Anregung. Das bedeutet, dass nicht jeder mit ihnen mithalten kann, da sie als “zu hyperaktiv, leidenschaftlich oder wechselhaft” angesehen werden… Außerdem haben diese gefühlsintensiven Menschen aufgrund ihrer großen Empathie und emotionalen Tiefe oft Probleme in ihren emotionalen Beziehungen. Sie fühlen sich nicht immer so geliebt, wie sie es bräuchten, sind sehr empfindlich gegenüber Kritik und leiden häufig unter Enttäuschungen.

Die Freude, die Leidenschaft und die Vitalität, die gefühlsintensive Menschen erleben, stehen in direktem Verhältnis zu dem Leid, das sie manchmal erfahren. Sie erleben alles überschwänglich.

Meine Mitmenschen definieren mich als einen sehr gefühlsintensiven Menschen: Was kann ich tun?

Worauf sollten gefühlsintensive Menschen achten?

Wenn andere dich als einen gefühlsintensiven Menschen betrachten, solltest du dies nicht als Problem auffassen. Was andere denken, ist nicht wichtig. Was ist das Leben, wenn du es nicht authentisch, intensiv und leidenschaftlich erlebst? Im Grunde nichts, ein vom Wind verwehtes Blatt.

Aber es gibt noch einen weiteren entscheidenden Aspekt. Die Sensibilität der gefühlsintensiven Menschen macht es für sie manchmal schwierig, sich anzupassen, zufriedenstellende soziale Beziehungen zu pflegen und gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt immun zu sein. Es ist schwierig, Emotionen zu regulieren, besonders wenn man in Traurigkeit, Enttäuschung, Widerspruch oder Angst abdriftet.

Die Herausforderung für diese Personen besteht darin, das Beste aus ihren Gaben zu machen. Dazu gehört die Entwicklung von Fähigkeiten zur Bewältigung von Emotionen sowie die Anpassung realistischerer Erwartungen an andere Menschen und das eigene Leben. Man kann mit Flügeln auf dem Rücken geboren werden, aber wenn man zu hoch fliegt, verliert man manchmal den Blick für die Dinge….

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