Mein Leid hat mir gezeigt, wer ich bin

5. Juli 2017 en Emotionen 411 Geteilt

Leid hat mich gelehrt, wer ich bin. Es hat mir geholfen, Teile meiner selbst kennenzulernen, die ich zuvor nicht erkannt hatte oder nicht akzeptieren wollte. Ich hatte immer gehofft, dass mir niemals etwas Schlimmes passieren würde, aber jetzt weiß ich, dass dies der Wunsch nach etwas Unmöglichem ist.

Wir haben alle schon gelitten. Wir haben die verschiedensten Umstände durchlebt und sie haben ihre Spuren auf unserer Haut, in unserer Seele hinterlassen. Das waren manchmal Umstände, die wir lieber nicht erfahren hätten, aber wir wissen, dass wir uns nicht immer aussuchen können, was um und mit uns geschieht. Niemandes Himmel hängt tagtäglich voller Geigen.

Anstatt uns darauf zu konzentrieren, im Leben kein Leid zu erfahren, sollten wir lernen, mit ihm umzugehen. Wir sollten lernen, es für uns zu nutzen, um zu wachsen, um uns wieder neu aufzubauen. Es geht nicht darum, Leid zu vermeiden, sondern es so in die eigene Lebensgeschichte einzubauen, dass es ein weiteres Kapitel auf dem Weg darstellt, der dich zu dir selbst führt.

Dafür kann es hilfreich sein, entsprechende Fähigkeiten im sicheren Hafen der Therapie zu entwickeln.

Therapie als sicherer Rahmen

Die Psychotherapie sollte von jedem, der sie nutzt, als ein sicherer Rahmen betrachtet werden. In der Therapie wird man nicht beurteilt, es gibt keine absoluten Wahrheiten und der Therapeut unterliegt der Schweigepflicht. Das Geheimnis kann nur dann gebrochen werden, wenn der Patient sich oder andere zu verletzen droht oder ein richterlicher Beschluss vorliegt.

Zudem ist die Therapie eine Chance, eine sichere Grundlage zu schaffen, die uns Stabilität verschafft, auch wenn wir einen schwierigen Moment in unserem Leben durchlaufen. Um dies zu erreichen, versuchen Psychologen – gemeinsam mit dem Patienten oder Klienten – eine Allianz aufzubauen, die als starke Verbindung die Basis der Therapie darstellt. Wenn diese einzigartige Verbindung hergestellt werden kann, stärkt sie das Klima des Vertrauens. Und ein angenehmes Klima macht es einfacher, all unsere Ängste und das damit verbundene Leid hervorzubringen, denn bevor wir die Fähigkeiten erlernen, um diesen Problemen entgegenzutreten, um zu bewältigen, was unser Leid verursacht, müssen wir zunächst genug Vertrauen haben, um ohne Angst darüber zu sprechen.

Oft geht es nicht darum, uns unseren Ängsten auszusetzen, sondern sich trotz ihrer sicher bewegen zu können.

Dem Leid einen Namen geben

Dem Leid einen Namen zu geben hat nichts damit zu tun, diagnostische Kriterien zu erfüllen. Häufig nutzen uns diese Kriterien nicht einmal etwas, weil unsere spezifische Erfahrung keinen Namen hat, den man im Handbuch der psychischen Erkrankungen nachschlagen könnte. Manchmal ist der Grund für unser Leid so einzigartig oder so alltäglich, dass er überhaupt keinen Namen hat und wir ihm selbst einen geben müssen.

Dieser Name mag nur für die Person Sinn machen, die ihn vergibt, und das reicht auch. Es mag deine dunkle Seite sein, dein Schatten oder was auch immer du möchtest. Es ist ein Name, der im Rahmen der Therapie verwendet werden wird, um etwas zu bezeichnen, was für dich einzigartig ist. Dem Leid einen Namen zu geben hilft uns, die Ursache unserer Qual zu definieren, und gibt uns so die Möglichkeit, etwas an ihr zu verändern oder sie zu integrieren.

Wenn dein Leid erst einmal einen Namen trägt, wird es eine neue Bedeutung annehmen. Es wird zu etwas Konkretem, zu etwas, das Form angenommen hat und deshalb sowohl vom Therapeuten als auch vom Patienten erklärt und verstanden werden kann. So ist es nun etwas, mit dem gearbeitet werden kann.

Die Erfahrung in ein neues Ich integrieren

Wenn der Grund für dein Leid etwas ist, das in der Vergangenheit geschehen ist und nicht mehr geändert werden kann, ist der beste Weg der Verarbeitung, es in deine Lebensgeschichte aufzunehmen. Das ist nicht leicht, aber auch nicht unmöglich.

Um es zu integrieren, müssen wir es zunächst einmal akzeptieren. Wir müssen akzeptieren, dass es nichts bringt, sich jetzt schuldig zu fühlen, was auch immer vorgefallen ist. Es hilft ebenso wenig, anderen die Schuld zu geben, denn was geschehen ist, ist geschehen und kann nicht mehr geändert werden. Die Arbeit, welche diese Integration verlangt, das Hinnehmen des Leids, ist schwer. Aber wir müssen auch das Schlechte zulassen und als natürlich akzeptieren, um uns neu zu erschaffen.

Sich selbst wieder aufzubauen ist ein langwieriger Prozess, der auch dazu führt, dass man seine eigene dunkle Seite zu akzeptieren lernt. Du wirst nicht länger eine von Schmerz erfüllte Leere verspüren oder das Verlangen verspüren, deine inneren Dämonen zu bekämpfen. Du wirst dich wieder aufgebaut und gelernt haben, dass, was immer geschehen ist, dich zu dem gemacht hat, was du heute bist.

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