Empathie ist das Nähgarn der Therapie

· 22. Februar 2017

Oft hören wir von dem Wort „Empathie“ und wie wichtig sie in sozialen Beziehungen ist, welchen positiven Effekt sie auf die Kommunikation hat und dass wir sie als festen Bestandteil in unser Leben integrieren sollten. Dennoch hört man nicht so viel darüber, welche Bedeutung sie für die Psychotherapie hat und dass das Boot der Therapie ohne sie einen Schiffbruch erleiden würde. Ganz gleich, wo sich dieses Boot befindet, ohne Mitgefühl wird es sein verfolgtes Ziel nicht erreichen.

Die Empathie des Therapeuten gegenüber seinem Patienten ist so notwendig und wichtig für einen reibungslosen Ablauf der Therapie, wie es die Luft zum Atmen ist. Sie ist ein wertvoller Bestandteil, der einfach nicht fehlen darf.

Sowohl bei der Therapie, als auch im Leben können wir uns verlieren

Natürlich kann sich ein Patient auch verloren fühlen, obwohl er sich bereits in Therapie gegeben hat. Er hat das Gefühl, dass er von seinem Lebensweg abgekommen ist, ganz ohne Wegweiser. Bei seiner Reise zurück zum Lebensweg tappt er im Dunkeln und das kleine Licht, das ihm den Weg dorthin zeigen soll, geht immer wieder aus.

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Der Therapeut kann den Patienten nur auf seinem Weg begleiten. Dieser Weg, auf den er wegen der Lebensumstände und seines Willens gekommen ist, um die Lektionen des Lebens zu lernen, die ihn als Menschen formen. Oftmals wird geglaubt, dass die Arbeit eines Psychologen darin besteht, den Menschen von diesem ungewissen Weg, auf dem er sich befindet, wegzuholen. Doch er kann ihm nur die benötigten Werkzeuge mit auf den Weg geben, damit er sich nicht von schwierigen Situationen unterkriegen lässt und anstatt dessen diese Erfahrung anders erlebt, um persönlich an ihr zu wachsen.

Das Leben ist ab und an ungewiss und das ist eine Tatsache, die wir akzeptieren müssen

Dass wir unseren Lebensweg als ungewiss empfinden, ist vollkommen normal und menschlich. Wir sollten uns nicht davor fürchten. Das Leben ist wie ein Strom, der seine Richtung ändert, aber sich immer vorwärtsbewegt. Dieser Strom wird hin und wieder zu einem kleinen und schwachen Bach, aber andere Male gewinnt er dafür nach einem Sturm wieder an Kraft.

Auch der Weg eines Flusses ist ungewiss. Seine Strömung und sein blindes Vertrauen in die Erde unter ihm sind der Antrieb, der ihn weiter durch dieses ungewisse Flussbett führt. Es ist so unbeständig wie unser Leben.

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„In dieser Welt leben die wenigsten. Die meisten Menschen existieren nur noch.“

Oscar Wilde

Bei einer Psychotherapie passiert etwas Ähnliches: Der Patient fühlt sich oftmals verloren. Aber es ist ein Unterschied, sich begleitet verloren zu fühlen oder sich ohne jegliche Unterstützung so zu fühlen. Die alleinige Anwesenheit eines Psychotherapeuten gibt dem Patienten jedoch nicht das Gefühl, begleitet zu werden. Der Patient fühlt sich nur dann begleitet und unterstützt, wenn er alles, was er dem Therapeuten zuspielt, auch wieder zurückbekommt. Empathisch zu sein und den Rhythmus des Patienten zu respektieren, sind in diesem Prozess unheimlich wichtig.

Eine schöne Metapher für die Empathie

Vor einigen Jahren hörte ich eine wunderschöne Metapher in Bezug auf die Begleitung des Patienten in einer Therapie. Ein Psychologe der Schmerztherapie, den ich wirklich sehr schätze und bewundere, sagte, dass der Patient, oder derjenige, der uns seinen Schmerz vermittelt, uns viele Fäden in die Hand gäbe, die einem Wollknäuel ähneln. Der Patient gibt sie dem Therapeuten in dem von ihm gewählten Maß und Rhythmus. Manchmal dauert es, bis er einen losen Faden findet und diesen übergibt und andere Male passiert das sehr schnell.

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„Woran wir selbst arbeiten sollten, ist nicht, sicher zu sein, sondern dazu in der Lage zu sein, die Unsicherheit zu tolerieren.“

Erich Fromm

Der Therapeut nimmt diese Fäden, die ihm der Patient in die Hand gibt, legt sie aber nicht einfach ab, sondern verknüpft mit jedem dieser Fäden ein Erlebnis. Nach und nach werden diese Fäden miteinander versponnen und ergeben ein Tuch. Dieses Tuch soll dem Patienten als Stütze für zukünftige Situationen dienen. Das von beiden gemeinsam gesponnene Stück ist eine Metapher für die Beziehung zwischen Therapeut und Patient.

Therapeut und Patient sitzen in einem Boot

Die Beziehung zwischen Therapeut und Patient hat ohne Empathie keinen Sinn. Das Mitgefühl bildet die Stütze dieses wundervollen Tuchs, mit Hilfe dessen der Therapieprozess voranschreitet. Jede Geste, jedes Gefühl, jeder Gedanke, jedes Bedürfnis wird gehört, verstanden und auf eine verständlichere, klarere und an den Patienten angepasste Weise zurückgegeben.

Der Therapeut sitzt mit dem Patient zusammen in einem Boot, nicht in einem anderen, und sie fahren gemeinsam in eine Richtung. Er begleitet ihn auf dieser ungewissen Reise, die voller Leben steckt.

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Wenn der Therapeut nicht jeden einzelnen Faden, den er vom Patient erhält, ins Tuch einbindet, kann keine vertrauensvolle und sichere Beziehung zum Therapeuten entstehen. Beide wären nicht im Einklang miteinander und der Patient würde den Therapeuten nicht als einen Vertrauten ansehen, sondern als eine weitere Figur auf dem Schachbrett seines Lebens, der er nicht vertrauen kann und, was sogar noch schlimmer ist, er könnte sich nicht frei fühlen, er selbst zu sein.

Der Therapeut muss auch den ungesagten Worten zuhören

Doch um dem Patienten etwas zurückgeben zu können, muss der Therapeut zuhören. Er muss jedes einzelne Wort hören und die Körpersprache des Patienten verstehen. Wir Menschen sprechen in den unterschiedlichsten Sprachen. Wir sprechen mit jedem Teil unseres Körpers, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Daher muss jeglicher Körpersprache Beachtung geschenkt werden.

„Was bedeutet helfen? Die Hilfe ist eine Kunst. Wie bei jeder Kunst bedarf es hierfür einer Gabe, die man erlernen und ausführen kann. Es bedarf auch Empathie gegenüber einem Menschen, der auf der Suche nach Hilfe ist. Das heißt, dass das verstanden werden muss, was zu ihm gehört, was er vermittelt und worauf er sich in einem umfassenderen Kontext bezieht.“

Bert Hellinger

Diese Weisheit gilt es zu beherrschen, die uns oftmals weder auf unserem Weg beigebracht wurde, noch in Schulbüchern zu finden ist. Es handelt sich dabei um eine wesentlich subtilere und intuitivere Sprache. Wir müssen verstehen, dass der Strom des Lebens auch durch diese Flussbetten fließt und deshalb sollte der Therapeut seinen Patienten auf dem Weg ins Tal hinab, zum Meer zu begleiten. Nur so wird er dazu in der Lage sein, ihm zuzuhören und ihn zu verstehen.

Auf empathische Art und Weise zu verstehen, ist in einer Therapie unabdingbar

Es ist dieses empathische Verständnis, auf dem die Beziehung zwischen Therapeut und Patient aufgebaut wird. Der spanische Psychologe Mariano Yela sagte einst im Vorwort eines Buches von Carl Rogers und Marian Kinget:

„Ein Psychotherapeut bestraft nicht, zensiert nicht, verurteilt den Patienten nicht und arbeitet nie gegen ihn; er zeigt ihm nicht einfach Wege auf und verwehrt ihm den Zugang zu anderen; er durchlebt mit ihm dessen Konflikte und Probleme und bemüht sich, den persönlichen Wert, die diese für den Patienten haben, zu verstehen. Der Patient wird nicht von sich selbst abgebracht und nicht dazu bewegt, eine Maske aufzusetzen.“

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Der Prozess der Therapie ist deshalb einzigartig und etwas ganz Persönliches. Es gibt keine Standard-Antworten oder allgemeinen Techniken. Jeder Mensch ist einzigartig und der Therapeut muss sich jedem Patienten anpassen. Er muss ihn auf seinem Lebensweg begleiten. Ein Weg, auf dem wir verstehen müssen, dass es gewisse und ungewisse Momente gibt, denn schließlich ist es das, was das Leben ausmacht.