Medard Boss und die Daseinsphilosophie

17. Dezember 2019
Medard Boss war einer der bedeutendsten psychoanalytischen Psychiater des 20. Jahrhunderts. Stark von Heideggers philosophischem Denken beeinflusst, war Boss davon überzeugt, dass es ein existenzielles "Etwas" gibt.

Medard Boss war ein Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker, der eine Form der Psychotherapie entwickelt hat, die als Daseinsanalyse bekannt ist. Diese Analyse beschäftigt sich mit der psychoanalytischen Seite und der phänomenologischen und existenziellen Philosophie Heideggers.

Dasein ist ein in der Philosophie häufig verwendeter Begriff. Oft wird er auch als Synonym für Existenz genutzt. Obwohl viele deutschsprachige Autoren diesen Begriff verwenden, wird er dennoch üblicherweise mit Heidegger in Verbindung gebracht.

Die Idee, Psychologie und Philosophie miteinander zu kombinieren, scheint zunächst im Widerspruch dazu zu stehen, dass Psychologie eine Wissenschaft ist. Dennoch sollten wir uns an die historische Bedeutung der Philosophie bei der Entwicklung der Wissenschaften erinnern. In gewisser Weise ist die Psychologie eine Geisteswissenschaft, die mit der Erkenntnistheorie begann. Außerdem ist in psychologischen Studien die Beziehung zwischen Geist und Ideen sehr wichtig.

In unserem heutigen Artikel wirst du erfahren, welchen Einfluss die Daseinsanalyse auf die Psychologie und Studien von Medard Boss hatte.

Medard Boss - Foto mit C.G.Jung

Medard Boss: seine Jugend

Medard Boss wurde am 4. Oktober 1903 in St. Gallen (Schweiz) geboren. Anschließend zog er nach Zürich, wo er auch aufwuchs. Zürich war in jener Zeit das Zentrum psychologischer Studien.

Im Jahr 1928 promovierte Medard Boss in Medizin und setzte sein Studium anschließend in Paris und Wien fort. Außerdem unterzog er sich bei Sigmund Freud selbst einer psychoanalytischen Analyse. Diese Sitzungen setzte er später mit dem Schweizer Psychoanalytiker Hans Behn Eschenburg fort.

Nach seiner Rückkehr nach Zürich setzte Medard Boss sein Studium an der Burghölzli-Klinik unter der Anleitung des Psychiaters Eugen Bleuler fort. Anschließend begann er ein psychoanalytisches Studium am Berliner Psychoanalytischen Institut (BPI), welches von Karen Horney geleitet wurde. Unter seinen Kommilitonen befanden sich unter anderem Hanns Sachs, Otto Fenichel, Wilhelm Reich und Kurt Goldstein.

Berufliche Laufbahn

Später zog er nach London und arbeitete dort für sechs Monate sehr eng mit Ernest Jones im National Hospital for Nervous Diseases (nationales Krankenhaus für Nervenkrankheiten).

Anschließend kehrte er wieder nach Zürich zurück. Im Jahr 1938 wurde Medard Boss von Carl Jung dazu eingeladen, gemeinsam mit anderen Ärzten an einem Workshop für analytische Psychologie teilzunehmen. Die Zusammenarbeit mit Jung dauerte beinahe zehn Jahre und trug sicherlich dazu bei, dass Boss erkannte, dass die Psychoanalyse nicht nur auf die freudschen Interpretationen beschränkt werden sollte.

In den 1930er Jahren lernte Medard Boss Ludwig Binswanger kennen. Durch ihn erfuhr er von Martin Heideggers Arbeiten. Diese spielten eine sehr entscheidende Rolle in seiner beruflichen Entwicklung.

Von Heideggers Arbeitenfasziniert und inspiriert studierte Boss daraufhin existenzielle Psychologie. Der Einfluss, den Boss auf die existenzielle Therapie nahm, war so groß, dass er zusammen mit Ludwig Binswanger als Mitbegründer dieser Therapie angesehen wird.

Nachdem er vier Jahre an der Burghölzli-Klinik studiert hatte, setzte er seine Studien in Berlin und London fort. Dabei wurde er von Lehrern wie Karen Horney und Kurt Goldstein unterrichtet, die Freud sehr nahe standen.

Medard Boss - Foto in Zürich

Die Daseinsanalyse

Für Boss ist der existenzielle Punkt der Welt nicht etwas, das wir interpretieren. Vielmehr ist es etwas, das über jede Erklärung hinausgeht. Daher besagt diese Theorie, dass dieses Etwas durch das Licht des Daseins offenbart wird.

Außerdem glaubte Boss, dass das Dasein ein Mittel ist, um den Geist zu öffnen und Licht auf eine Situation zu werfen. Die Symbolik des Lichts spielte in Boss Arbeiten eine wichtige Rolle. Daher verwendete er auch Ausdrücke wie „aus der Dunkelheit herauskommen“, „eine Idee beleuchten“ oder „Erleuchtung“.

Darüber hinaus erklärte Boss, dass die Stimmung eine entscheidende Rolle dabei spielt, auf welche Art und Weise Menschen mit ihrem Umfeld interagieren. Ein wütender Mensch würde sich beispielsweise auf die Elemente und Aspekte der Wut konzentrieren.

Auch seine Reisen nach Indien, die er in den Jahren 1956, 1958 und 1966 unternahm, beeinflussten seine Philosophie und seine medizinische Tätigkeit. Dort lernte er den indischen Gelehrten Swami Gobind Kaul kennen.

Medard Boss: seine Studien und Träume

Boss studierte Träume intensiver als jeder andere Existenzialist, da er sie als wichtiges Element der Therapie erachtete. Allerdings hat er Träume nicht wie Freud oder Jung interpretiert; für Medard Boss sind Träume eigenständig und offenbaren ihre Bedeutung selber.

Daher erklärte Boss, dass Träume ihre eigenen Botschaften entwickelten und nicht etwa Symbole tieferer Gefühle zeigten. Nach Auffassung von Boss können deine Träume dir zeigen, wie du dein Leben erleuchten kannst. Wenn du dich beispielsweise gefangen fühlst, dann werden deine Füße in deinen Träumen zusammengebunden sein. Wenn du dich aber frei fühlst, dann wirst du fliegen.

Im Jahr 1971 wurde Boss mit dem Great Therapist Award (Auszeichnung für herausragende Therapeuten) von der American Psychiatric Association (amerikanische psychiatrische Gesellschaft) ausgezeichnet. Außerdem war er für beinahe zwei Jahrzehnte der Präsident der Internationalen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin (International Society of Psychosomatic Medicine).

Medard Boss - Träume

Darüber hinaus war er ein angesehener Autor. Er verfasste unter anderem folgende Werke: Grundriss der Medizin. Ansätze zu einer phänomenologischen Physiologie, Psychologie, Pathologie, Therapie und zu einer daseinsgemäßen Präventiv-Medizin in der modernen Industrie-Gesellschaft (1971), Daseinsanalyse und Psychoanalyse (1957) und Der Traum und seine Auslegung (1953).

Medard Boss verstarb am 21. Dezember 1990. Sein Leben war reich an akademischen Erfolgen und er hinterließ der Psychologie ein interessantes Vermächtnis.

  • Jenner, F. A. (2006). Medard Boss’ Phenomenologically Based Psychopathology. In Phenomenology and Psychological Science (pp. 147-168). Springer, New York, NY.
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  • Boothby, R. (1993). Heideggerian Psychiatry? The Freudian Unconscious in Medard Boss and Jacques Lacan. Journal of Phenomenological Psychology, 24(2), 144-160.
  • Jonckheere, P. (2004). El cuerpo rehen de si mismo. Aspectos fenomenológicos de la anorexia mental. Revista Latinoamericana de Psicopatologia Fundamental, 7(2), 11-28.