Martha Nussbaum und die 10 Grundfähigkeiten des Menschen

Der theoretische Vorschlag von Martha Nussbaum ist revolutionär. Ihre Vorstellung von der Verantwortung des Staates gegenüber den Bürgern und der Bürger gegenüber den Institutionen ist eine der einfachsten, aber auch eine der fortschrittlichsten unserer Zeit.
Martha Nussbaum und die 10 Grundfähigkeiten des Menschen

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 15. Oktober 2022

Martha Nussbaum ist eine Philosophin mit Abschluss an der Harvard University, die der aristotelischen Tradition folgend davon überzeugt ist, dass sich die politische Theorie an dem orientieren sollte, was für die Menschen am wichtigsten ist: an einem guten Leben. Unter diesem Gesichtspunkt sind politische Maßnahmen und Institutionen nur dann erfolgreich, wenn sie gute Lebensbedingungen für alle garantieren können.

Auf dieser Grundlage hat Martha Nussbaum eine berühmte Liste der 10 Grundfähigkeiten des Menschen erstellt. Es handelt sich um 10 Eigenschaften, die für unser Wohlergehen von grundlegender Bedeutung sind. Sie bilden die Grundlage für 10 Prinzipien, die als Säulen der globalen Ordnung dienen sollten. Möchtest du mehr über diese Grundfähigkeiten erfahren?

Ich glaube, dass die wichtigste Zutat für die Gesundheit der Demokratie die staatsbürgerliche Bildung ist, eine Bildung mit einem starken humanistischen Inhalt. Wir müssen jungen Menschen das kritische Denken von Sokrates beibringen und sie lehren, wie man einen rationalen Diskurs führt, wie man debattiert und seine Ideen verteidigt.”

Martha Nussbaum

Martha Nussbaum über die Grundfähigkeiten

Die Forscherin ist davon überzeugt, dass Entwicklung und Fortschritt nicht auf der Grundlage des Bruttoinlandsprodukts (BIP) oder ähnlicher Indikatoren gemessen werden sollten. Für sie ist der grundlegende Indikator das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Chancen für ein sinnvolles Leben. 

Diese Möglichkeit wiederum basiert auf den Grundfähigkeiten, die laut Martha Nussbaum die zentralen Komponenten des Wohlbefindens darstellen. Oder besser gesagt, die Bedingungen, die für den Zugang zum Genuss der Existenz notwendig sind. Die Philosophin spricht von folgenden Kapazitäten:

  • Leben: ein würdiges Leben von normaler Dauer führen können.
  • Körperliche Gesundheit: die Fähigkeit oder Möglichkeit, sich einer guten körperlichen Gesundheit zu erfreuen.
  • Körperliche Unversehrtheit: Bewegungsfreiheit und die damit verbundenen Sicherheitsgarantien.
  • Sinneswahrnehmung, Vorstellungskraft und Denken: eine Bildung, die die Entfaltung dieser Dimensionen ermöglicht, und zwar in der Freiheit, Geschmack und Überzeugungen auszudrücken.
  • Emotionen: die Fähigkeit, Bindungen zu spüren, zu lieben, die Abwesenheit von geliebten Menschen zu betrauern, Dankbarkeit, Sehnsucht und Mitgefühl zu empfinden.
  • Praktische Vernunft: die Fähigkeit, kritisch über richtig und falsch nachzudenken und einen Lebensplan zu formulieren.
  • Verbundenheit mit anderen Menschen: die Möglichkeit, mit anderen eine Gemeinschaft zu bilden, soziale Bindungen einzugehen, respektiert und nicht diskriminiert zu werden.
  • Verbundenheit mit anderen Lebewesen: die Fähigkeit, in Harmonie mit dem Rest der Natur zu leben.
  • Spiel: die Möglichkeit, zu spielen, zu lachen und Freizeitaktivitäten nachzukommen.
  • Kontrolle der Umgebung: die Fähigkeit, die Kontrolle über das eigene Leben auszuüben, sich an der Politik zu beteiligen, zu arbeiten und Eigentum zu besitzen.

Die 10 Prinzipien

Aus den 10 Grundfähigkeiten, die Martha Nussbaum vorschlägt, ergeben sich 10 Prinzipien, die in der Regierungsarbeit zum Tragen kommen und die internationalen Beziehungen bestimmen sollten. Sie lauten wie folgt:

  • Jedes Land ist für die Entwicklung der Fähigkeiten seiner Bürger verantwortlich.
  • Die Förderung von Fähigkeiten muss auf friedliche Weise erfolgen.
  • Wohlhabende Länder haben die Pflicht, ärmeren Ländern zu helfen.
  • Multinationale Unternehmen müssen in allen Ländern, in denen sie tätig sind, die Grundfähigkeiten fördern.
  • Die Weltwirtschaftsordnung muss für die ärmsten Länder gerecht sein.
  • Es muss eine minimale und dezentralisierte, aber starke globale Öffentlichkeit entwickelt werden.
  • Die Institutionen müssen sich auf die Schwächsten in jeder Nation und Region konzentrieren.
  • Alle Länder müssen den Schwerpunkt auf die Betreuung von Kindern, älteren Menschen und Kranken legen.
  • Die Familie muss geschützt werden, aber sie hört auf, privat zu sein, wenn sie vernachlässigt wird.
  • Institutionen und Einzelpersonen müssen Bildung als Schlüssel zur Stärkung der Schwächsten unterstützen.

Emotionen in der Theorie von Martha Nussbaum

Emotionen nehmen einen sehr wichtigen Platz in der Theorie von Martha Nussbaum ein. Die wichtigste ist ihrer Meinung nach Mitgefühl. Sie sieht es als Leitfaden für ethisches Handeln.

Damit Mitgefühl entstehen kann, müssen drei grundlegende Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Beurteilung der Größenordnung. Es geht darum zu glauben, dass das Leiden des anderen eine relevante Realität ist.
  • Das Urteil der Unverdientheit. Kein Mensch verdient es, zu leiden.
  • Das eudämonistische Urteil. Die Not einer anderen Person beeinflusst das eigene Gedeihen.

Martha Nussbaum zufolge muss Mitgefühl gefördert und gepflegt werden, damit es zu einem gesellschaftlichen Wert wird. Genauso müssen Gegenseitigkeit und Individualität gefördert werden. Erstere führt zum Streben nach dem Gemeinwohl. Zweitere führt zur Festlegung von Grenzen, die es ermöglichen, die eigene Andersartigkeit zu bewahren. Diese Theorie ist zweifelsohne sehr interessant.

Titelbild aus Fronteiras do Pensamento
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  • Jiménez, A., Triana, M., & Washburn, J. (2002). Compasión y salud. Isegoría, (27), 211-223.
  • Nussbaum, M. C. (2010). Sin fines de lucro. Por qué la democracia necesita de las humanidades. Katz editores.

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