Manchmal müssen wir einfach hören, was wir jemandem bedeuten

· 14. Januar 2018

Manchmal müssen wir einfach ein „ich liebe dich“, „du bist wichtig für mich“  oder „danke dafür, dass du so bist, wie du bist“  hören. Hören zu wollen, was wir jemandem bedeuten, ist kein Zeichen von Schwäche. Wir wollen uns nicht übermäßig wertgeschätzt fühlen. Das Einzige, was wir brauchen, ist, dass jemand ausspricht, was sein Herz fühlt, dass wir anerkannt und wir mithilfe von Worten, der Stimmlage und einem ehrlichen Ausdruck in der Stimme liebkost werden.

Denke immer daran, dass die Liebe greifbar ist und übersetzt werden kann. Sie ist weder wie Rauch noch wie ein Duft, denn das Verb „lieben“ wird mit unseren fünf Sinnen dekliniert und dadurch fühlen wir uns genährt und das gibt uns neuen Mut. Wenn wir eine Bindung eingehen, müssen wir Zuneigungen nicht infrage stellen.Du weißt ja, was ich für dich fühle“  ist keinesfalls ausreichend und stärkt eine Beziehung auch nicht. „Wenn ich bei dir bin, fühle ich mich komplett“  das hin und wieder mehr Zweifel auf, als dass es Gewissheit gibt, wenn wir jemanden wahrhaft lieben.

„Ein sorgfältig ausgewähltes Wort kann nicht nur 100 Worte, sondern 100 Gedanken ersparen.“

Henri Poincaré

Im Grunde genommen muss niemand ständig hören, was er anderen bedeutet. Aber Menschen an unserer Seite zu haben, die die Sprache der Gefühle nicht sprechen, nicht über ihre Gefühle sprechen wollen und keine Notwendigkeit sehen, dem anderen durch Worte zu zeigen, dass sie ihn anerkennen und schätzen, ist für gewöhnlich sehr erschöpfend. Und was sogar noch schlimmer ist, es lässt Zweifel, Unsicherheiten und unergründliche Leeren entstehen und verstärkt sie.

Wer unter einer emotionalen Hungersnot leidet, weil ihm Gefühle nicht durch Worte zugetragen werden, muss zwangsläufig ein Übersetzer für Körpersprache und Gestik sein. Er muss Zuneigung anhand von Blicken, Bevorzugung anhand von Taten und Ehrlichkeit anhand dieser alltäglichen Verhaltensweisen eines geliebten Menschen erkennen können, der Gefühle weder wahrnehmen noch ausdrücken kann. Solch ein Umgang kann zweifellos kräfteraubend sein.

Paar umarmt sich am Fenster

Von der Wichtigkeit, zu hören und zu spüren, dass wir jemandem wichtig sind

Liebe, Zuneigung und Anerkennung in jedem Atom unserer Sinne, bei jedem Herzschlag und in jeder Verbindung unserer Gehirnzellen zu spüren, bringt uns Ausgeglichenheit, Wohlbefinden und Zufriedenheit. Der Mensch ist genetisch darauf programmiert, sich mit Gleichgesinnten zu verbinden, denn dadurch garantieren wir unser Überleben. Auf diese Weise haben wir es als Spezies geschafft, voranzukommen, uns weiterzuentwickeln und zu wachsen.

„Oftmals kommen uns die Worte, die wir hätten sagen sollen, erst dann in den Sinn, wenn es schon zu spät ist.“

André Gide

Deshalb sollte sich niemand selbst als schwache oder abhängige Personen wahrnehmen, wenn er von seinem Partner oder anderen geliebten Menschen ein Wort der Zuneigung oder eine Geste der Liebe formuliert in einem netten Satz oder Spruch, in dem Empathie und Verständnis mitschwingt, hören möchte. Für unser Gehirn ist das von großer Bedeutung und es ist nicht nur vollkommen natürlich, sondern auch logisch und notwendig, ab und an ein „Dankeschön“, „du bist unglaublich“  oder „ich liebe es, dich an meiner Seite zu haben“  hören zu wollen.

Doch wir dürfen dabei etwas Wichtiges nicht vergessen. Nicht nur wir Erwachsenen brauchen es, zu hören, was wir unseren Mitmenschen bedeuten. Auch Kinder brauchen diese Art der emotionalen Kommunikation so sehr wie Nahrungsmittel oder wie diese starken Hände, die sie halten, wenn sie lernen, zu laufen. Das brauchen sie mehr als die Kleidung, die wir ihnen anziehen, oder das so unheimlich teure Spielzeug, um das sie uns jedes Mal im Geschäft bitten.

Kinder brauchen die positive Bestärkung durch Worte und auch liebevolle Worte, eine wertschätzende Stimme, die ihnen Sicherheit, Vertrauen und die Bestätigung vermittelt, dass sie etwas gut gemacht haben. Das verleiht ihnen Flügel und lässt ihre Wurzeln wachsen.

Die Wichtigkeit einer liebevollen Verbindung und die Qualität dieser entscheidet über viele zukünftige Verhaltensweisen. Jedes Kind, das in frühester Kindheit bereits in einem emotional kalten Umfeld, in dem Unsicherheit und Vernachlässigung durch die Eltern an der Tagesordnung sind, aufwächst, wird viel wahrscheinlicher eine Verhaltensstörung entwickeln und Schwierigkeiten damit haben, Gebrauch von einer angemessenen emotionalen Sprache zu machen.

Vater hält seinen Sohn im Arm

Wir sollten ohne Angst zu haben sagen, was wir tief im Herzen fühlen

Es gibt unzählige emotionale Analphabeten, und wir beziehen uns nicht nur auf Menschen, die unter einer affektiven-kognitiven Störung leiden, bei der die Betroffenen „gefühlsblind“ sind. Diese Störung nennt sich Alexithymie. Es handelt sich dabei um eine komplexe, tiefgreifende Kondition, die vor allem damit zu tun hat, wie wir erzogen werden. Das können wir täglich in vielen Lebensbereichen sehen, wie in der Schule, am Arbeitsplatz usw. Lebensbereiche, in denen sich „gefühlsblinde“ und „gefühlstaube“ Menschen häufen.

„Die Sprache ist das Kleid der Gedanken.“

Samuel Johnson

Wir sehen Kinder, die in der Schule oder in sozialen Netzwerken andere Kinder mobben. Wir treffen auf Unternehmensvorstände, die unfähig sind, ein empathischeres, respektvolleres und kreativeres Arbeitsklima zu schaffen. Wir sehen es in der Art und Weise, in der wir kommunizieren. Wir glauben ja mittlerweile schon, dass es eine bedeutsame und angemessene Sprache sei, Emoticons und lachende Gesichtchen zu verwenden.

Paar unterhält sich

Doch dem ist nicht so. Die spanischen Autoren Natalia Ramos und Pablo Fernandez erklären uns in ihrem Buch Corazones inteligentes  (zu Deutsch etwa Intelligente Herzen,  nicht auf Deutsch erhältlich), dass unsere Welt kaum Gebrauch von der emotionalen Intelligenz mache. Denn Emotionen seien nichts Abstraktes, seien nicht diffus und das Leben sei kein Film von David Lynch, in dem die Erzählsprache zwar faszinierend und symbolisch sei, aber dennoch manchmal wenig Sinn mache. Das Leben brauche einen wahren Sinn sowie Liebe und Gewissheit.

Aus diesem Grund sollten wir die emotionale Sprache anwenden und uns der Möglichkeit bedienen, dass sie ein schaffendes und wertvolles Instrument ist. Dazu müssen wir mutig sein und zulassen, dass unser Herz auf andere aufpasst und ihre Seele streichelt. Durch positive Worte, durch Sätze, die eine reale Zuneigung ausdrücken, können wir uns mit anderen verbinden.