Manchmal kann ich nicht für alle da sein, weil auch ich selbst mich brauche

12. Januar 2018 en Emotionen 2003 Geteilt
Für alle da sein erschöpft

Ich kann nicht immer für alle da sein, weil auch ich selbst mich brauche. Ich muss auch mir selbst zuhören, meine zerbrochenen Teile wieder zusammenfügen und meine Ecken und Kanten feilen. Wenn ich aus diesem Grund einige Stunden lang oder ein paar Tage keine Nachrichten beantworte oder mein Handy auf lautlos stelle, soll das nicht heißen, dass ich mich von der Welt abschotte – ich habe einfach mir selbst Zeit gewidmet, dieser Person, die ich lange missachtet habe.

Es ist schon eigenartig, wie wir uns selbst, ohne dass es uns wirklich auffällt, in den „Spam-Ordner“ verschieben. Wir verbannen uns auf den letzten Platz unserer To-do-Liste, auf die letzte Seite unseres Terminkalenders oder auf diesen neongelben Post-it, der irgendwann in dem Chaos auf unserem Schreibtisch verloren geht, weil es immer etwas gibt, dass eine höhere Priorität hat, bis der Zettel nirgendwo mehr haftet.

„Es gibt drei extrem harte Dinge: Stahl, Diamanten und die Selbstkenntnis.“

Benjamin Franklin

Wir leben in einer äußerst fordernden und wettbewerbssüchtigen Gesellschaft, das weiß jeder von uns. Jeder hat viel zu tun und unsere Tage sind hin und wieder so aufregend wie Kräfte raubend. Als wäre das noch nicht genug, kommen dann noch neue Kommunikationssysteme hinzu, die konstante und sofortige soziale Interaktionen erfordern.

Unsere Welt besteht aus verschiedenen WhatsApp-Gruppen. Darüber hinaus können wir jederzeit lokalisiert werden und auf unserem Handy gibt es immer eine Nachricht, die wir noch zu beantworten haben, eine noch ungelesene Mail, Fotos, die wir liken können, und eine Verlinkung, die wir wohl bestätigen sollten, auch wenn wir das nicht wollen.

Es ist gerade so, als würden wir in einem Epizentrum leben, in dem unser weitsichtiger Blick unfähig dazu ist, das zu erkennen, was sich direkt vor uns befindet. Unsere müden Augen können sehen, was anderen fehlt, aber für unsere eigenen Bedürfnisse sind sie blind. Unsere eigenen Bedürfnisse sind nur unscharf zu erkennen, alles ist zu einem einzigen Wirrwarr geworden, das dort in unserem Herzen und unserem Verstand einen Platz gefunden hat, als würde etwas nicht richtig funktionieren, als wäre etwas nicht in Ordnung und als wüssten wir schlichtweg nicht, was das ist.

Albträume

Du bist an deine Grenzen gekommen und weißt es nur noch nicht

Viele Menschen brauchen dich, das weißt du. Jeden Tag musst du zehn Berge versetzen und Dutzende von Hindernissen überwinden, und das gelingt dir, daran gibt es keinen Zweifel. Allerdings verleiht dir niemand eine Medaille dafür. Fast niemand erkennt deine Bemühungen und dein Engagement an oder sieht, was du alles für die Menschen in deinem Umfeld gibst. Nach und nach verliert alles seine Bedeutung und die Menschen verlieren ihren Blick dafür. Die Musik, die Reime, die Gewandtheit der Welt verstummen, und am Ende fällt deine Verantwortung dir gegenüber wie ein Stein in eine bodenlose Grube.

Jeden Tag, Tag ein, Tag aus für alle da sein hat einen hohen Preis, auch wenn kein Etikett ihn auszeichnet. Dieser gestresste Zustand kann sehr schnell in einer Depression enden, wenn er andauert. Daher müssen wir zugehörige Symptome früh erkennen:

  • Müdigkeit, extreme Erschöpfung, die manchmal nicht durch Schlaf oder die nächtliche Ruhe kompensiert werden kann
  • Kopfschmerzen und Migräne
  • Rückenschmerzen
  • Verdauungsprobleme
  • Ein Gefühl der ständigen Langeweile, der Verlust fast jeglichen Interesses am Leben, Apathie
  • Ungeduld und Reizbarkeit
  • Frustration, zynische Kommentare, schlechte Laune

So seltsam es auch erscheinen mag, hat es eine narkotisierende Wirkung auf uns, in einem reizüberfluteten und zu fordernden Umfeld zu leben. Wir nehmen unsere eigenen Bedürfnisse gar nicht mehr wahr, werden zu Fremden in unserem eigenen Herzen, zu verlorenen Vagabunden auf einer Insel und können uns einfach nicht mehr daran erinnern, wo unser Zuhause, wo das Haus ist, in dem unser Ich lebt.

Erschöpfter Mann

Heute bin ich einzig und allein für mich da

Laut zu sagen „Die nächsten Tage bin ich für niemanden außer für mich selbst da!“  bedeutet nicht, dass wir respektlos sind. Es tut niemandem weh, nichts und niemand wird dadurch vernachlässigt, die Welt wird sich weiterdrehen und Flüsse werden weiterfließen. Doch es wird etwas Wunderbares passieren: Wir öffnen unserer emotionalen Heilung die Tür, wir schenken uns Zeit und Aufmerksamkeit und geben uns einen privaten Raum als Zufluchtsort.

Es ist fast so, als würden wir uns in einen Baumstumpf setzen, um Kontakt mit unseren Wurzeln aufzunehmen, um zu unserem Ausgangspunkt zurückzukehren, um uns zu nähren und unsere Blätter, unsere Äste, hoch hinaus wachsen und freier im Wind wehen zu lassen, mit dem Ziel, den Himmel zu erreichen.

Nachfolgend möchten wir dir ein paar Gedanken mit auf den Weg geben, die dir dabei helfen können, das in die Tat umzusetzen.

„Wir werden nur durch die totale und tiefe Ablehnung dessen, was andere aus uns gemacht haben, zu dem, was wir sind.“

Jean-Paul Sartre

Die Kontrolle übernehmen

Wie du die Kontrolle übernehmen kannst, um dir Aufmerksamkeit zu schenken, wenn du selbst dich brauchst

Inmitten dieser enormen Routine, in der wir letztendlich die Gefangen unserer eigenen und fremden Verpflichtungen sind, muss es einen Platz, ein komfortables und besonderes kleines Fleckchen geben, das uns allein gehört. Es ist wie eine Rettungswagen, wie ein Rettungsboot, zu dem wir jedes Mal gehen, wenn wir das Gefühl haben, dass wir an unsere Grenzen stoßen.

  • Wenn dich das Gefühl überkommt, dass der Druck von außen es unmöglich macht, dass du du selbst bist, halte inne und visualisiere diesen Rettungswagen oder dieses Rettungsboot und steige ein.
  • Jetzt ist es an der Zeit, einen Rettungsplan zu schmieden. Benjamin Franklin sagte stets: „Wenn wir im Alltag keinen Rettungsplan haben, sind wir auf ewig dazu verdammt, vom Kurs abzuweichen.“
  • Dieser Rettungsplan sollte ein Ziel haben und genau festlegen, was Priorität hat und was zweitrangig ist: Heute ist es mein Ziel, meine Aufgaben am Arbeitsplatz zu erledigen. Es ist mein Ziel, mich nicht zu stressen, und mein Plan beinhaltet, zwei Stunden nur für mich zu haben. Heute ist es zweitrangig, mit meinen Arbeitskollegen und meiner Familie gut auszukommen.

Wir müssen uns im Grunde genommen darüber im Klaren sein, dass es Tage geben wird, an denen wir selbst die absolute Priorität sind. Das den Menschen zu erklären, die uns am nächsten stehen, ist keinesfalls egoistisch. Das Handy ausschalten, einen Spaziergang machen, atmen und uns unseren eigenen Gedanken widmen, dient wahrhaft unserer psychischen Gesundheit. Denn, ob wir es glauben oder nicht, es gibt viele Tage, an denen wir uns brauchen, und uns Beachtung zu schenken und unseren Namen ganz oben auf die Prioritätenliste zu setzen, ist nicht nur ratsam, sondern unsere Pflicht.

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