Manchmal ist es nicht mit der Liebe, sondern mit der Geduld vorbei

· 29. März 2016

Manchmal ist es nicht die Liebe, sondern die Geduld, mit der es vorbei ist. Über letztere sagt man, dass sie wie eine Heilige ist, weil sie Stürme und Fluten übersteht und am Ende immer mehr von sich gibt als nötig ist. Doch warum sollte man nun nicht alles dieser Person bieten, mit der wir eine affektive und vitale Bindung aufgebaut haben, und mit der uns sogar ein gemeinsames Lebensprojekt verbindet?

Es ist ganz klar und auch berechtigt, dass wir manchmal ein bisschen mehr zulassen, dass wir Vergangenes und Zukünftiges verzeihen und dass wir noch ein bisschen weiter darauf hoffen, dass sich die Dinge verbessern. Aber manchmal zerbricht die Realität an ihrem eigenen Gewicht, um uns die Augen zu öffnen.

Die Liebe verlangt nach Geduld, aber die hat ihre Grenzen

Unser Herz kann nicht von einem Tag auf den anderen seine Gefühle auslöschen, wenn man aber die Geduld verliert, dann fängt man an, sich eins nach dem anderen alle Binden abzuziehen, die einen geblendet haben.

Es gibt Menschen, die sagen, dass Geduld eine Tugend sei, aber es ist auch klar, dass das nicht auf alle Situationen anwendbar ist und dass diese Tugend außerdem ihre Grenzen haben muss. Wir können nicht ein ganzes Leben damit verbringen, geduldig zu sein, während wir sehen, wie sie unsere Rechte und unsere menschlichen Bedürfnisse nach Gegenseitigkeit, Behütung, Affektion und Anerkennung verletzen.

Die Liebe verlangt Kompromissbereitschaft, Willen und Geduld… Aber die existieren nur bis zu einem bestimmten Punkt.

Geduld für die Liebe ist nicht das Gleiche wie Passivität

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So wie wir bereits erwähnt haben, wird Geduld gewöhnlich als eine Tugend beschrieben. Die Geduld ist die Fähigkeit, die wir als Personen haben, das hinauszuschieben, was uns Zufriedenheit bereitet, weil wir meinen, dass dieses Warten uns noch bessere Dinge bringt.

 Geduld wird auch als eine Fähigkeit beschrieben: Wir haben sie, um ungünstige Situationen auszuhalten, über die wir die Kontrolle behalten können oder auch nicht. Wenn wir nun von Liebe sprechen, dann ist es wichtig, immer das Steuer über unsere eigene Wirklichkeit in der Hand zu behalten.

Es gibt Personen, die die Verwendung des Wortes damit rechtfertigen, indem sie es als etwas beschreiben, was man annehmen muss: Die Dinge stehen schlecht, „...aber was soll man da machen?“  Man muss Geduld haben. „Was können wir machen, wenn dieser Mensch so ist? Wir können ihn nicht ändern, also ist es besser, die Geduld zu behalten.“

Man darf Geduld nicht mit Passivität verwechseln

In Wirklichkeit liegt hier der eigentliche Schlüssel. Wir können geduldig sein, wir können Geduld zu unserer besten Tugend machen, da sie uns hilft, die Situation besser zu analysieren und reflexiver zu sein. Dieser ganze innere Prozess darf uns jedoch nicht davon abhalten, die Realität zu sehen.

Eine geduldige Person hat keinen Grund, passiv zu sein. Eine passive Person macht aus der Toleranz ihre Lebensart, lässt Missbrauch bis zu dem Grade zu, dass sie an der eigenen Haut spürt, wie ihre Integrität verletzt wird. Und dies ist etwas, was wir niemals zulassen dürfen.

Der Nutzen, geduldig, aber nicht passiv zu sein

Wenn es darauf ankommt, eine affektive Beziehung aufrechtzuerhalten, dann ist Geduld eine Säule im Alltag, die wir als solche anerkennen müssen. Es ist klar, dass uns nicht jeder Aspekt, jede Verhaltensweise oder Angewohnheit von unserem Partner gefallen muss, doch deshalb werden wir nicht gleich impulsiv handeln und ihm oder ihr dies ins Gesicht werfen und so die Beziehung zerstören.

Wir sind geduldig, wir respektieren und tolerieren uns, weil wir uns lieben. Denn wir wissen auch, dass es bei jedem Pärchen eine Zeit gibt, in der sich die Dinge wieder einpendeln, alles wieder zusammenpasst und wir die Bedürfnisse des anderen verstehen.

 Die Geduld sollte gegenseitig sein und quasi in Form eines Trainings ausgeübt werden. Ich bin geduldig mit dir, weil ich dich respektiere und dich liebe, weil ich dich als Person anerkenne und ich weiß, dass lieben nicht nur heißt, die Gemeinsamkeiten zu mögen, sondern auch die Unterschiede zu respektieren.

Geduld verlangt aber auch nach emotionaler Klarheit. Wir sollten wissen, wo die Grenzen liegen und verstehen, dass man in diesem Moment nicht als Person verletzt wird.

Man sollte sich nicht den Forderungen anderer gegenüber passiv verhalten, wenn diese voller Egoismus sind. Man sollte auch nicht passiv auf die Einstellung des anderen reagieren, wenn er sich selbst stets als Priorität setzen will. Man darf die Augen vor Fehlverhalten nicht verschließen, noch dem emotionalen Schmerz gegenüber gleichgültig sein, der in uns durch Leere, Geringschätzung oder durch subtile Misshandlungen entsteht, die durch vergiftete Worte erzeugt werden. Hier sollte es mit der Geduld vorbei sein, hier sollten die Hüllen fallen, um die Wahrheit zu sehen.

Und was, wenn es mit der Geduld vorbei ist?

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Wenn es mit der Geduld vorbei ist, dann kommt die Enttäuschung, weil wir uns der Realität in all ihren Nuancen bewusst werden. In all ihren Schattierungen. Doch bedeutet dies nun nicht, dass wir auf jeden Fall sofort diese Beziehung beenden müssen, wenn wir diese Person noch lieben.

Es ist der Moment gekommen, das Gespräch zu suchen, klarzumachen, wie die Situation ist, zu sagen, was du fühlst und was du brauchst. Es geht nicht darum, dem Problem auszuweichen. Wenn uns an einem Kompromiss gelegen ist, dann werden wir alles, was uns zur Verfügung steht, dafür geben, um ihn zu erreichen.

Damit eine Beziehung gut vorankommt oder diese Mängel verbessert werden, die uns verletzen, muss der Einsatz von beider Seiten kommen. In dem Moment, in dem einer mehr gibt und der andere nur seine  Entschuldigungen hervorbringt, ist es mit der Geduld komplett vorbei, und mit ihr wird die Enttäuschung zu einem unüberwindbaren Graben.

Die Geduld ist nicht die Fähigkeit, zu warten, sondern die Fähigkeit, zu verstehen, dass wir etwas Besseres verdient haben.
Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Anne Soline, Viktoria Kirdiy