Mama, sag du es ihnen: Victim Blaming und Vergewaltigung

· 3. Mai 2019

Mama, wenn ich heute Abend nicht nach Hause komme, lasse meine Stimme nicht ungehört im Wind verloren gehen. Lasse die Menschen nicht sagen, dass es meine Schuld gewesen wäre, weil ich mich so kleide oder so nach draußen gehe, wie ich es möchte. Erkläre ihnen, dass ich nett zu dem Typ gewesen bin, der herübergekommen ist, um mit mir zu sprechen, weil du mich so erzogen hast, und nicht, weil ich mit ihm hätte flirten wollen.

Auf der anderen Seite, wenn ich ihn abgewiesen habe, dann nur, weil ich mit meinen Freunden zusammen sein wollte und sonst nichts. Nicht, dass ich ihn hätte provozieren wollen. Mama, wenn ich heute Abend nicht nach Hause komme, dann deshalb, weil ein Mann mich vergewaltigt hat und ich ein weiteres Opfer von vielen geworden bin.

Sage ihnen, wer ich wirklich bin. Lasse nicht zu, dass die Medien oder diejenigen, die mich gar nicht kennen, meine Stimme übertönen. Ich habe einen schlechten Ruf, weil ich so gelebt habe, wie ich wollte, ohne mich darum zu kümmern, was andere sagen könnten. Weil nur ich ein Leben habe und nicht wie eine Sklavin die Erwartungen der anderen befolge.

Frauen werden nach den Entscheidungen beurteilt, die sie treffen. Allein weil sie Frauen sind, müssen sie eine Reihe von Erwartungen erfüllen. Wenn sie diese Erwartungen ignorieren, werden sie zu „bösen Mädchen“ und Huren, die der Gesellschaft zufolge genau das verdienen, was ihnen widerfährt.

Eine Gruppe von Freunden mit Smartphone, Tablet und Buch

Mama, sage ihnen, dass ich nur versucht habe, meine Freiheit zu leben

Mama, sage ihnen klar und deutlich, dass ich nur versucht habe, meine Freiheit zu leben. Weiche nicht von diesem Standpunkt ab, bis sie endlich verstehen, dass die Anzahl der Sexualpartner, die ich hatte, keine Rolle spielt. Tatsächlich spielt es nicht einmal eine Rolle, ob der Typ für den Sex bezahlt hat und mich deshalb als für sein Eigentum hält.

Mache ihnen klar, dass ich mich so kleide, wie ich es für richtig halte. Wenn man mich als ein Sexobjekt betrachtet, weil es draußen heiß ist und ich mehr Haut als im Winter zeige, ist das deren Problem und nicht meines. Männer gehen ohne Hemd nach draußen und zeigen sich manchmal sogar in Unterwäsche. Einige tragen Hosen, die so weit nach unten rutschen, dass der halbe Po zu sehen ist, und keine Frau versucht, sie zu vergewaltigen. Warum diese Unterschiede? Warum hat man mich vergewaltigt?

„Die meisten Männer fürchten, wenn sie sich allzu romantisch geben, ausgelacht oder erniedrigt zu werden, während eine Frau in dieser Situation Vergewaltigung und Tod fürchten muss.“

Gavin de Becker

Sprich mit ihnen, Mama, über den Druck und die Schwierigkeiten, denen uns die Männer zu jeder Zeit aussetzen. Werde die Stimme jeder Frau, indem du über alles sprichst, was wir tagtäglich durchmachen. Sage ihnen, wie sie uns berühren, ohne dass wir es wollen. Oder wie sie uns beleidigen und gewalttätig werden, wenn wir Widerstand leisten.

Als Frau habe ich Angst, mich gegen sexuelle Übergriffe zu verteidigen, weil es wahrscheinlich ist, dass ich so noch mehr Gewalt provoziere. Aber wenn ich mich nicht verteidige, steht mein Wort gegen das ihre.

Mama, sage ihnen, wie verängstigt sich eine Frau fühlt, die im Dunkeln allein unterwegs ist

Mama, sage ihnen, wie ängstlich ich mich fühle, wenn ich nach einer Nacht bei Freunden allein nach Hause gehe. Lass sie wissen, dass du nur dann Angst hast, wenn ich ausgehe, nicht, wenn mein Bruder es tut. Die Tatsache, dass ich eine Frau bin, macht das Leben für mich gefährlicher.

Sage ihnen, dass ich meine Schlüssel fest in der Hand halte, bis ich an meiner Haustür ankomme, falls ich mich gegen jemandem verteidigen muss, der nur darauf wartet, mich anzugreifen. Sage ihnen, dass Frauen oft Angst haben, wenn sie allein unterwegs sind.

Auf dem Weg nach Hause möchte ich mich frei fühlen, nicht mutig.

Freunde hängen zusammen ab

Mama, sage ihnen, dass du alles getan hast, was du konntest

Vor allen Dingen, Mama, fühle dich nicht schuldig wegen mir, wenn ich heute Abend nicht nach Hause komme, weil du nicht in der Lage bist, mehr zu tun, als du bereits getan hast. Du hast mich erzogen, so zu leben, wie ich es will. Du hast mich vor allem gewarnt, was passieren könnte, und du hast deutlich gemacht, dass ich wenig tun kann, um es zu vermeiden. Und jetzt sage ich dir, es gibt auch nichts, was du hättest tun können. Ich bin ein Opfer, weil ich eine Frau bin, und das kann und will ich nicht ändern. Mama, ich bin das Opfer dieser Macho-Gesellschaft, nur eine weitere Nummer in der Statistik der Vergewaltigungsfälle.

Dem Rest der Welt fällt es schwer zu verstehen, dass Männer Frauen nur deshalb vergewaltigen, weil sie es können und nicht, weil diese es provoziert hätten. Sie vergewaltigen, weil das Patriarchat ihnen beibringt, dass wir nur schwierig zu überzeugen seien und sie einfach weiter darauf bestehen müssten, mit uns Sex zu haben. Ebenso hat die Gesellschaft die Männer glauben gemacht, dass sie uns ein Kompliment machen und Zuneigung zeigen sollten, auch wenn wir gar nicht darum bitten.

Mama, die Welt wird nur verstehen, was geschehen ist, wenn du ihnen alles erzählst, was ich hier mit dir geteilt habe und unsere Stimmen Gehör finden. Männer vergewaltigen, weil uns die Gesellschaft sexualisiert. Also, Mama, sag du es ihnen und lasse meine Stimme nicht ungehört im Wind verklingen. Lasse sie auch nicht deine Stimme zum Schweigen bringen. Du kennst mich und du weißt, was wir Frauen durchmachen. Lasse deine Stimme gehört werden, damit sie zum Schlachtruf für uns alle wird!