Victim Blaming: Warum beschuldigen wir manchmal das Opfer?

27. Februar 2019

Warum beschuldigt die Gesellschaft manchmal Missbrauchsopfer statt den Täter? Im Englischen wird dieses Verhalten Victim Blaming genannt und tatsächlich neigen manche Menschen zur Opferbeschuldigung, wenn sie einige Merkmale mit dem Angreifer teilen oder wenn sie nicht ihr Sicherheitsgefühl hinterfragen wollen. In letzterem Fall glauben sie nämlich, dass ihnen dasselbe passieren könnte wie dem Opfer, wenn sie es von allen Vorwürfen freisprechen würden. Umgekehrt erscheint es ihnen unwahrscheinlicher, dass sie selbst zum Opfer werden, wenn sie sich anders verhalten und somit kein Verbrechen „auslösen“: Wenn das Opfer einen angeblichen „Fehler“ gemacht hat, so der Fehlschluss, dann können sie nicht selbst zum Opfer werden, wenn sie diesen Fehler nicht auch begehen.

Wenn wir fälschlicherweise glauben, dass die Person, die die Aggression erlitten hat, verantwortlich für ihre Misshandlung sei, fühlen wir uns also sicherer. Denn dann können wir uns vormachen, dass wir die Situation unter Kontrolle haben. Mit anderen Worten, wir glauben, dass wir sicher wären, solange wir „das Richtige tun“. Dieser Glaube führt dazu, dass wir das Opfer beschuldigen.

Bei jeder Art von geschlechtsspezifischer Gewalt neigen Menschen dazu, die Verantwortung für die Tat bei den Opfern zu suchen. Präventions- und Aufklärungskampagnen können ein Beispiel dafür sein, da sie sich oft nur auf „Sicherheitsmaßnahmen“ konzentrieren, die Frauen ergreifen sollen, wenn sie eben nicht Opfer einer solchen Gewalttat werden wollen.

Insbesondere im Zusammenhang mit Vergewaltigungen von Frauen verlangt die Gesellschaft, dass Frauen etwas tun sollten, um Aggressionen vorzubeugen. Dabei sollten sie sich eher auf andere Dinge konzentrieren, beispielsweise auf potenzielle Aggressoren oder die in der Gesellschaft verankerten Werte. Auf diese Weise würde sie nicht indirekt zur Gewalt beitragen.

Eine Frau dreht sich von der Kamera fort und will kein Bild von sich machen lassen.

Warum wehren sich Opfer manchmal nicht gegen ihren Angreifer?

Menschen haben ein komplexes Nervensystem, das sie lähmt, wenn sie einer Gefahr ausgesetzt sind. Deshalb sind Kampf oder Flucht manchmal keine Option. Diese Lähmung des Körpers stellt eine Reaktion dar, um überleben zu können. Normalerweise, wenn Sex auf beiderseitigem Einverständnis basiert, schüttet der Körper das Liebeshormon Oxytocin aus. Dieses Hormon führt zu größerem Vertrauen bei Liebenden. Sex wird deswegen nicht als traumatisch wahrgenommen.

Wenn Sex jedoch erzwungen wird und Flucht und Widerstand als mögliche Optionen verworfen worden, kann das Opfer erstarren. Vergewaltiger oder externe Beobachter sehen in diesem Verhalten eine vermeintliche Zustimmung des Opfers. Das Opfer empfindet oft Scham und erfährt ein Trauma, macht sich schließliche Vorwürfe, nicht gehandelt zu haben.

Es ist wichtig, zu verstehen, dass keine Reaktion seitens des Opfers nicht bedeutet, dass es sein Einverständnis gezeigt oder aus Feigheit nicht gehandelt habe. Keine Reaktion ist eine Reaktion, die im Laufe der Evolution im Geist verankert wurde. Täter hingegen nutzen die fehlende Abwehr, um die Verantwortung für das Geschehene von sich zu weisen.

Wenn wir Opfer beschuldigen, versetzen wir uns in ihre Lage?

Menschen, die Gewalt erleben, halten uns vor Augen, dass die Welt kein sicherer und gerechter Ort sei. Wenn wir also das Opfer beschuldigen, an dem Verbrechen schuldig zu sein, können wir unsere Illusion einer sicheren Welt aufrechterhalten. Wir wollen glauben, dass wir nur das Richtige tun müssen, um solchen Traumata vorzubeugen. Doch leider funktioniert unsere Welt nicht so.

Traumatische Erinnerungen lassen eine Frau nicht zur Ruhe kommen.

Aber die Tatsache, dass wir als Menschen eine Tendenz dazu haben, das Opfer zu beschuldigen, heißt nicht, dass wir diese nicht überwinden könnten. In einer Studie haben Laura Nieme und Liana Young ihren Probanden Artikel vorgelegt, die entweder das Opfer oder den Täter herausstellten. Wenn der Beitrag sich auf die Taten des Täters fokussierte, nahm die Tendenz zur Opferbeschuldigung ab.

Statt uns also auf die Frage zu konzentrieren, warum das Opfer so oder so handelt, sollten wir mehr Fragen darüber stellen, wie diese Gewalt entsteht und warum Täter immer wieder Gewalt verüben.