Thelma und Louise: Zwei Feministinnen im Kampf gegen das Patriarchat

· 1. November 2018

Thelma & Louise  ist einer dieser Filme, die zwar schon alt, unser aber dennoch im Gedächtnis geblieben sind, weil sie uns unvergessliche Szenen gezeigt haben. Warum gefällt uns Thelma & Louise  so sehr? Denken wir einen Moment lang an das kommerzielle Kino, das „Hollywood-Kino”, besonders an das Kino der jüngsten Zeit … Wie viele weibliche Hauptdarstellerinnen zählen wir? Wie viele Geschichten gibt es, in denen Frauen die Hauptrolle übernehmen? Und vor allem, wie viele dieser Filme stehen nicht im Zusammenhang mit einem Mann oder sind hauptsächlich Liebesfilme?

Das Kino, insbesondere das kommerzielle Kino, war also schon immer eine von Männern beherrschte Welt. Erst sehr viel spät wurden Frauen miteinbezogen, sodass wir auch heute noch wenige Regisseurinnen haben, dafür aber unglaublich viele Männer, die Regie führen. Auch wenn ein Mann (Ridley Scott) bei Thelma & Louise  Regie geführt hat, stammt das Drehbuch dennoch von einer Frau, nämlich von Callie Khouri. Darüber hinaus spielten zwei Frauen die Hauptrollen: Susan Sarandon und Geena Davis.

Sicherlich gibt es von derartigen Filmen nur wenige. Und in dieser von Männern beherrschten Welt, unter all den dominanten Alpha-Männern, den devoten Frauen, deren Handlungen oft mit der Liebe oder dem Mütterlichen verbunden sind, sticht eben jener Streifen heraus: Thelma & Louise.  Und er klingt geradezu nach einem Kriegsschrei, nach einem bedrohlichen Trommeln, das bei all den starken und dominanten Männern Angst und Beklemmung aufkommen, sie erschaudern und gar die Männerdomäne des Kinos zittern lässt.

Und nein, er ist sicherlich weder der feministischste Film der Geschichte, noch ist es der bewegendste; aber er ist eine lautstarke Ansage, ein Lobgesang auf die Freiheit der Frau, auf die Gleichberechtigung, und ein erster Schlag gegen die Grundlagen des Patriarchats.

Thelma und Louise im Auto

 

Wir schreiben das Jahr 1991 und das US-amerikanische Kino befindet sich auf einem Höhepunkt. Aber es gibt kaum weibliche Hauptdarstellerinnen. Thelma und Louise brechen mit dieser Tradition, brechen mit den Regeln und laden uns dazu ein, unsere Stimme zu erheben, diese Blase der Unterwerfung zum Platzen zu bringen und die Kontrolle zu übernehmen, Herr über unsere Entscheidungen und unser Leben zu sein. Ein femininer Roadmovie, der aus der Masse heraussticht. Kommst du mit auf Tour?

„Ich habe die Stadt noch nie ohne Darryl verlassen.“
„Wie kam es, dass er dich hat gehen lassen?“
„Weil ich ihn nicht darum gebeten habe.“

Thelma & Louise

Thelma & Louise

Ich denke, dass die meisten unserer Leser diesen Film kennen. Aber falls du ihn noch nicht gesehen hast, kann es gut sein, dass unser Artikel ein wenig spoilert – ich möchte also vorwarnen.

Die Hauptdarstellerinnen

Einer der überraschendsten Aspekte an diesem Film ist die Entwicklung der Hauptrollen, der beiden Protagonisten. Beide entstammen einer patriarchalischen Welt, in der ihre Rolle auf den Haushalt beschränkt ist. Ihre Freundschaft ist der Motor, der sie dazu antreibt, dieses besondere Abenteuer zusammen zu erleben. Sie sind sehr unterschiedlich, aber haben eine enge Bindung zueinander. Ihre Mentalität wird sich verändern und damit auch ihr Wesen, während sie den unendlich langen Highways im Zentrum und im Süden der Vereinigten Staaten folgen.

  • Thelma: Eine Frau in den Dreißigern, unglücklich verheiratet mit Darryl, einem absoluten Macho, der glaubt, dass er die Kontrolle über seine Frau, ihre Kleidung, ihr Geld usw. haben könnte. Er ist der Mann im Haus, der, der das Geld heimbringt, während es Thelma überlassen ist, sich um das Haus zu kümmern und ihm zu dienen. Sie wurde so erzogen, ist erwachsen geworden und glaubt, dass ihr Ziel im Leben die Ehe gewesen wäre, und obwohl sie keine Lust mehr auf ein Leben mit Darryl hat, hätte sie doch nie in Betracht gezogen, sich von ihm zu trennen.
  • Louise: Im Gegensatz zu Thelma arbeitet Louise als Kellnerin und hat eine etwas instabile Beziehung zu einem Musiker, zu Jimmy, einem Mann, der nie zu Hause ist und sich nicht binden will. Louise ist viel entschlossener als Thelma, welche ein unschuldigeres Wesen hat.
Thelma und Louise schauen aus dem Auto

Gemeinsam beschließen sie, für ein Wochenende ihrer Routine zu entkommen, in ein Haus fernab der Stadt zu verreisen und sich so von der Welt, in der sie leben, abzuschotten. Louise ist sich der Realität um sie herum viel stärker bewusst, aber Thelma ist extrem unterwürfig, unschuldig, ja etwas naiv. Sie könnte keiner Fliege etwas zu Leide tun und vertraut auf das Gute im Menschen.

Die Reise nimmt eine radikale Wendung, als beide die grausamste Seite des Frauseins entdecken, die grausamste Seite der männlichen Vorherrschaft: Vergewaltigungen. Sie stellen eine Facette dar, die Louise bereits kennt, was sie dazu bringt, völlig unerwartet zu handeln.

Von diesem Moment an soll ihr Weg vollkommen anders verlaufen. Und was ursprünglich ein Wochenende der Entspannung und Abschottung von ihrer Routine sein sollte, wird zu einer Reise hin zum inneren Erwachen. Ein Krieg geführt von Frauen, die in einer Welt der Männer gefangen sind. Die Landschaft ist nicht länger idyllisch. Ihre Art, sich zu kleiden, ist nicht mehr die einer „vorbildlichen Frau“. Sie sind schlichtweg nicht mehr die gleichen.

Thelma & Louise:  Zusammen gegen das Patriarchat

Was bleibt einer vergewaltigten Frau? Was erwartet Thelma und Louise, nachdem sie einen Mann in Notwehr getötet haben? Warum sollten sie sich dazu entscheiden, zu leben, wenn sie nicht frei sein könnten? Beide wissen, dass, wenn sie zur Polizei gehen und den Polizisten erzählen, was passiert ist, ihnen niemand glauben wird und sie im Gefängnis landen werden. Sie wollen auch keine Opfer sein, nein, sie wollen frei sein. Sie wollen ihre Zukunft außerhalb der patriarchalischen Gesellschaft leben, die sie umgibt. Nachdem sie unterwürfige Frauen waren, wurden sie zu zwei Frauen auf der Flucht, zu zwei Rebellinnen, aber vor allem zu Freundinnen.

Die Loyalität und Zuneigung zueinander berührt den Zuschauer. Dieser Film erzählt uns eine ganz andere Geschichte als viele weitere Kinofilme, die aus Hollywood stammen. Die Frauen sind hier keine Rivalinnen, die um einen Mann konkurrieren. Sie sind Verbündete, die Protagonisten und Heldinnen in einer Geschichte, die, wenn sie von Männern gespielt worden wäre, nur ein weiterer von vielen Kinostreifen gewesen wäre, in denen „gute Jungs“ gegen „böse Jungs“ antreten.

Thelma und Louise halten sich gegenseitig die Hand

Da sie die Gesellschaft satt haben, da sie es leid sind, in den Hintergrund gedrängt zu werden und um ihre Freiheit kämpfen müssen, führen Thelma und Louise ihren besonderen Kampf gegen ein ungerechtes System. Gegen ein System, das sie verurteilen würde und das sie, wenn sie nicht verurteilt würden, als Opfer oder Schlimmeres bezeichnen würde.

Wir alle haben diese Macht des Patriarchats schon gespürt. Wir alle haben Angst schon gehabt, allein nach Hause zu kommen. Wir alle haben unangenehme Situationen erlebt. Thelma und Louise erzählen uns diese Momente aus der Perspektive einer Frau.

Dieser Roadtrip, die Verfolgungsjagd und vor allem der unvergessliche Sprung ins Leere laden uns dazu ein, nach Freiheit zu suchen, Tatsachen herauszufordern und über unsere Zukunft zu entscheiden. Die Filmindustrie hat uns schon oft ihre Macho-Seite gezeigt. Und das Gefährliche daran ist, dass das Kino uns inspiriert, motiviert und oft versucht, uns in der Interpretation der Realität zu leiten.

Thelma & Louise  war ein Aufruf, ein Akt der Rebellion in einer Welt, in der eine Revolution unmöglich schien. Freundschaften knüpfen, wild und frei zu sein oder zu sterben – das ist es, was uns Thelma und Louise ans Herz legen wollen. Das ist etwas, das nie vergehen sollte.

Alle dachten, dass sich nach Thelma & Louise  etwas ändern würde, dass wir mehr Filme sehen würden, in denen Frauen die Oberhand haben. Filme, in denen sie Rollen spielen, die früher ausschließlich für Männer bestimmt waren. Trotz der Tatsache, dass der Film so gut bei den Zuschauern ankam, blieb diese Veränderung jedoch leider aus.

Aber dieses Nein zur Opferrolle, nicht die Zielscheibe von Macho-Kommentaren sein zu wollen, ist nicht nur im Film zu sehen, sondern konnte jüngst auch in der Filmindustrie beobachtet werden. Dieses Nein ist die Antwort auf all die Zeiten, in denen die Drehbuchautorin Callie Khouri dieses Wort selbst hören musste –  nämlich jedes Mal, wenn sie versuchte, ein Projekt einzureichen – und in denen es unzähligen Frauen beinahe noch schlimmer erging, wie jetzt im Rahmen der #MeToo-Kampagne ans Licht gekommen ist. Hier steht die Veränderung noch aus.

„In meinem Kopf schwirren unzählige Worte umher, wie Gefängnis, Vernehmungen, der elektrische Stuhl, lebenslängliche Freiheitsstrafe … lauter solche Sachen.“
„Und sagt dir dein Kopf auch, dass ich lebend da raus will?“

Thelma & Louise