Märtyrerkomplex - was genau verbirgt sich dahinter?

31 Oktober, 2020
Unser heutiger Artikel handelt von Menschen, die sich bewusst in eine Opferrolle begeben, in dem sie aus den von ihnen erbrachten Opfern einen Lebensstil machen. Der Begriff, der dieses Verhalten beschreibt, ist Märtyrerkomplex.

Der Märtyrerkomplex beschreibt Menschen, die andere über ihre eigenen Bedürfnisse stellen. Sie könnten sogar glauben, dass die Erfahrungen anderer Menschen wichtiger sind als ihre eigenen. Daher begeben sie sich in eine Opferrolle. Mit anderen Worten, sie sind diejenigen, die am meisten leiden und dies auch sehr intensiv tun. Diese Art, das Leben zu erleben, nennen Psychologen den Märtyrerkomplex.

Aus psychologischer Sicht kann man sagen, dass die Annahme einer solchen Haltung praktisch freiwillig erfolgt. Das liegt daran, dass Schmerz und Verfolgung bestimmte psychische Bedürfnisse nähren. Daher kommt es häufig vor, dass diese Menschen ihr Märtyrertum damit rechtfertigen, sie würden dies aus Liebe, Pflicht und Aufopferung für andere tun.

Seltsamerweise führt die Suche nach Leiden dazu, dass sich der Märtyrer dadurch irgendwie besser fühlt. Aus dieser Sichtweise der Welt ist es ein Akt der Freundlichkeit, sich selber zu bestrafen. Denn somit schaden sie keinem anderen und daher fühlen sich diese Menschen dann wertvoller. Allerdings ist dies ganz offensichtlich ein selbszerstörerisches Verhaltensmuster, denn diese Menschen ignorieren ihre eigenen Bedürfnisse. Daher suchen und wiederholen sie fortwährend Situationen, die sie belasten.

Märtyrerkomplex - besorgte Frau

Wie verhält sich ein Mensch mit einem Märtyrerkomplex?

Um herauszufinden, ob ein Mensch einen Märtyrerkomplex hat, musst du verschiedene Verhaltensweisen, Gedanken und Werte dieser Person genauer beobachten. Folgende Aspekte könnten Hinweise darauf geben:

  • Dieser Mensch sieht sich selber als fromm, Held oder als Heiliger. Daher betrachtet er andere als egoistisch oder unsensibel und als Menschen, die die Bemühungen anderer einfach nicht wertschätzen.
  • Menschen mit Märtyrerkomplex neigen dazu, das Ausmaß ihres Leidens zu übertreiben, um ihr Image zu verbessern. Darüber hinaus suchen sie bei jedem, der ihnen zuhört, Aufmerksamkeit und Anerkennung.
  • Außerdem haben diese Menschen häufig ein niedriges Selbstwertgefühl. Das spiegelt sich beispielsweise darin wider, dass sie sehr oft betonen, sie würden sich für nicht würdig empfinden und ihre Persönlichkeit unterschätzen.
  • Darüber hinaus fällt es ihnen ausgesprochen schwer, Nein zu sagen und Grenzen zu setzen. Das führt dazu, dass sie sich immer weitere “Gefälligkeiten”, Aufgaben und missbräuchliche Beziehungen aufbürden. Ebenso gibt es einige Märtyrer, die die Rolle eines Manipulatoren übernehmen. Das sind jene Menschen, die ihre Opferrolle dafür ausnutzen, um andere Menschen emotional zu erpressen, um das zu bekommen, was sie von ihnen haben wollen.
  • Märtyrer haben keine Strategien, um ihre Probleme zu lösen. Wenn sie sie dann doch irgendwann lösen, gibt es immer wieder neue, über die sich beklagen können.
  • Sie neigen dazu, sich Wege zu suchen, wie sie ihre Güte und ihre guten Absichten demonstrieren können. Allerdings schaffen sie gleichzeitig Situationen, in denen der andere “der Böse” ist.
  • Außerdem sind sie häufig enttäuscht über die Reaktion anderer Menschen, nachdem sie ihnen geholfen haben. Obwohl sie keine Gegenleistung erwarten, sind sie dennoch unzufrieden, wie die andere Person reagiert. Das liegt daran, dass sie sich tief in ihrem Inneren Bewunderung für ihr so “aufopferungsvolles und selbstloses” Verhalten wünschen.

Wie kannst du mit solchen Menschen umgehen?

Der Umgang mit einer Person, die einen Märtyrerkomplex hat, ist keine einfache Aufgabe. Denn diese Menschen reden ständig davon, wie schlecht es ihnen geht und das kann sich sehr negativ auf dich auswirken.

Darüber hinaus versuchen sie, dir das Gefühl zu vermitteln, du würdest in ihrer Schuld stehen, wenn sie dir helfen. Daher solltest du im Umgang mit derartigen Menschen diese drei einfachen Strategien befolgen:

  • Zuerst einmal solltest du keine Gefallen oder anderes aufopferndes Verhalten zu deinen Gunsten akzeptieren. Je mehr du von einem Märtyrer annimmst, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er von dir enttäuscht sein wird. Und dies kann zu Konflikten führen. Es geht jedoch nicht darum, alles abzulehnen, sondern nur zu bewerten, wann es wirklich notwendig ist. Außerdem solltest du versuchen, eine solche Person dazu zu bewegen, sich stattdessen ein wenig mehr um sich selber zu kümmern.
  • Darüber hinaus solltest du dich nicht auf Gespräche einlassen, in denen sie über ihre Gefühle als Opfer und ihre Trauer spricht. Versuche auch, kein Mitgefühl dafür zu zeigen oder ihre Ängste zu verstärken. Stattdessen solltest du in deinen Kommentaren nur die positiven Ergebnisse hervorheben.
  • Wenn dieser Mensch dir wichtig ist, solltest du das Gespräch mit ihm suchen. Versuche, dieser Person zu erklären, dass du dich aufgrund ihres Verhaltens unwohl fühlst und dass es dir nicht gut tut. Zuerst wird die betroffene Person sicherlich defensiv darauf reagieren. Aber du kannst diesem Menschen nur helfen, wenn du ruhig sprichst, seine Bemühungen anerkennst und ihm Lösungen aufzeigst.
Märtyrerkomplex - zwei Frauen im Gespräch

Wenn du selber einen Märtyrerkomplex hast

Schwieriger als der Umgang mit einem solchen Menschen ist die Erkenntnis, dass du selber an einem Märtyrerkomplex leidest und dir das auch eingestehst. Wenn du glaubst, dass du dazu neigst, dich derartig zu verhalten, kannst du dein Verhalten auf folgende Weise bewerten:

  • Es stört dich, wie Menschen auf deine Freundlichkeit reagieren. Oder vielleicht denkst du auch, dass sie nicht so reagieren, wie “sie das sollten”.
  • Du sagst häufig “Ja”, wenn du eigentlich “Nein” sagen möchtest.
  • Nachdem du dich zu etwas bereit erklärt hast, was du nicht tun kannst, findest du Ausreden dafür.
  • Wenn du “Nein” sagst, machst du dir kurz danach Sorgen darüber, dass andere dich ersetzen oder andere Menschen mehr schätzen als dich.
  • Du bietest oft deine Hilfe an, ohne deine Optionen genau zu überprüfen.
  • Schließlich hast du oft das Gefühl, dass du die Bedürfnisse anderer über deine eigenen stellst.

“Der Märtyrer opfert sich selbst vollkommen vergebens. Oder vielleicht nicht ganz umsonst, denn sie machen die Egoisten noch egoistischer, die Faulen noch fauler und die Engstirnigen noch engstirniger.”

-Florence Nightingale-

So kannst du diese Märtyrerkomplex-Mentalität verändern

Zunächst einmal musst du erkennen und akzeptieren, dass dies ein Problem ist, denn dies ist der wichtigste Schritt für eine Veränderung. Danach solltest du dir neue Verhaltensweisen überlegen und aneignen und verstehen, dass sie dich nicht zu einem schlechten Menschen machen. Denn akzeptiert oder geliebt zu werden wird nicht davon bestimmt, was du tust, sondern wer du bist. Daher solltest du erkennen, dass das Bestreben, die Bedürfnisse aller zu befriedigen und zu erfüllen, eine mentale Belastung ist, die nirgendwohin führt.

Finde neue Interaktionsmöglichkeiten in deinen Beziehungen. Übernimm eine andere Rolle. Vielleicht ist es an der Zeit, dass du die Initiative ergreifst, deine eigenen Entscheidungen triffst und für dich selber eintrittst, wenn sich dein Leben bisher nur um andere gedreht hat.

In diesem Veränderungsprozess ist es von entscheidender Bedeutung, dass du dir darüber Gedanken machst, ob dein Verhalten ein ausgewogener Weg ist, Beziehungen mit anderen Menschen zu führen. Außerdem solltest du darüber nachdenken, ob du dich über, unter oder neben anderen Menschen positionieren möchtest.

Darüber hinaus solltest du Verantwortung übernehmen und gleichzeitig auch die Freiheit der anderen respektieren. Es ist nun an der Zeit, deine Fehler anzunehmen und zu verstehen, dass jeder Mensch auf seine ganz persönliche Weise reagiert und das Leben auf seine eigene Weise versteht. Daher solltest du dich auch nicht von ihrer Sichtweise abhängig machen.

Abschließende Gedanken

Und außerdem solltest du mit anderen Menschen über deinen Veränderungsprozess sprechen. Sie werden das sicherlich verstehen und dies begrüßen. Möglicherweise helfen sie dir sogar dabei, diesen Prozess einfacher zu bewältigen. Dennoch musst du Geduld haben. Denn es wird auch Menschen geben, die diese Situation ausgenutzt haben oder einfach mehr Zeit benötigen, um sich an dein neues Ich zu gewöhnen.