An dich zu denken ist nicht egoistisch

13. September 2017 en Psychologie 139 Geteilt

Wenn wir sagen, dass wir an uns denken, werden wir oftmals von unserem Umfeld als egoistisch abgestempelt. Aber was heißt es eigentlich, egoistisch zu sein? Vielleicht gebrauchen wir dieses Adjektiv auf eine falsche und vor allem ungerechte Weise.

Wir möchten heute über dieses Wort, seine Bedeutung und auch darüber nachdenken, wie wir uns selbst Zeit widmen können, ohne uns schuldig zu fühlen.

Egoistisch zu sein bedeutet, immer nur an sich zu denken, ohne andere zu berücksichtigen

Um zu verstehen, was es heißt, ein egoistischer Mensch zu sein, schlage ich dir vor, dass wir einmal zusammen in den Duden schauen. Die Definition im Duden besagt, dass ein Egoist jemand sei, der nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht sei, nur seine eigenen Interessen verfolge und selbstsüchtig handele.

Jeder einzelne von uns folgt individuellen Denkmustern, die auf unseren Werten und mehr oder weniger festen Meinungen beruhen, damit wir die Welt verstehen und uns eine Vorstellung davon machen können, wie sie funktioniert. Und als Folge daraus entstehen unsere Gedanken. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass jeder Mensch dieses Wort aufgrund seiner gemachten Erfahrungen und aufgrund dessen, wie er das Wort „Egoismus“ definiert, anders gebraucht. In anderen Worten heißt das: Jeder von uns hat seine eigene Vorstellung davon, was es heißt, „egoistisch zu sein“.

Egoistisch zu sein bedeutet für manche Menschen, nie etwas für andere getan zu haben. In Extremfällen ist man der Meinung, eine Person sei egoistisch, weil ihnen dieser Gefallen, um den sie aus Zeitgründen gebeten hatten, nicht getan wurde, obwohl sie doch immer für diesen Menschen da waren, wenn er sie gebraucht hatte. Im ersten Fall könnten wir der Definition vielleicht zustimmen, doch wie sieht es mit dem zweiten Fall aus?

Wie fühlen wir uns, wenn uns jemand egoistisch nennt, ohne all das Gute zu bedenken, das wir für ihn bisher getan haben? Selbstverständlich fühlen wir uns schlecht, sind verwirrt, verärgert und fühlen uns unrecht behandelt. Bevor wir damit weitermachen, sollten wir eines klarstellen: Wenn wir einer Person einmal einen Gefallen ausgeschlagen haben, bedeutet das nicht, dass wir egoistisch sind.

„Im Egoismus finden wir nicht das wahre Glück.“

George Sand

Wir können die Denkmuster anderer nicht ändern

Es gibt eine Situation, die sich häufig wiederholt: Jemand bittet uns darum, etwas für ihn zu tun, und wir können der Bitte momentan nicht nachkommen. Daraufhin nennt uns dieser Mensch egoistisch oder deutet an, dass wir egoistisch seien, weshalb wir uns schlecht fühlen, und das nicht nur, weil wir verurteilt werden, sondern weil wir in einen Interessenkonflikt geraten, weil wir uns für unsere eigenen Interessen entschieden haben.

Wer verhält sich hier also egoistisch? Wer denkt nur an sich, ohne die Rechte, die wir als Menschen haben, zu berücksichtigen?

Wir haben nicht die nötigen Mittel, um die Denkmuster anderer zu verändern. Das heißt, wenn jemand der Meinung ist, dass wir egoistisch handeln würden, und unsere Umstände nicht einmal verstehen will, so können wir uns zwei Fragen stellen:

  • Waren wir mitfühlend, was sein Problem anbelangte?
  • Auch wenn wir der Bitte gerade nicht nachkommen können, haben wir eine Alternative angeboten?

Wenn du beide Fragen bejahen kannst, dann solltest du immer an diese grundlegende Freiheit denken, die jeder von uns hat: Wir haben das Recht darauf, eine Bitte abzulehnen, ohne uns deswegen schuldig zu fühlen.

Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass wir Menschen einen großen Fehler machen, wenn wir die Persönlichkeit einer Person wegen irgendeines Verhaltens subjektiv verurteilen. Beispielsweise kann sich ein Mensch gemein verhalten, ohne gemein zu sein, oder jemand kann kalt sein, ohne kaltherzig zu sein.

Um das besser verstehen zu können, führen wir ein Beispiel an. Stelle dir vor, dass du jeden Tag um dieselbe Uhrzeit aufstehst. Du gehst sämtlichen Aktivitäten nach, die du tun musst, und am Ende des Tages bist du all deinen zu erledigenden Verpflichtungen nachgekommen. Jetzt stelle dir vor, dass du eines Tages 15 Minuten länger als üblich geschlafen hast. Aus irgendeinem Grund konntest du nicht all deine Aufgaben erledigen und am Abend musstest du feststellen, dass du nicht mit all dem dir Aufgetragenen fertig geworden bist.

Bist du deshalb ein verantwortungsloser oder undisziplinierter Mensch? Nein, du hast einfach nur einen schlechten Tag gehabt und es ist möglich, dass du an diesem Tag nicht ganz so viel Disziplin gezeigt hast und vielleicht nicht ganz so verantwortungsbewusst gehandelt hast. Aber nur weil du nicht pünktlich mit deiner Arbeit fertig geworden bist, macht dich das nicht sofort zu einem verantwortungslosen Menschen.

Wir müssen zwischen handeln und sein unterscheiden. Es ist nicht das Gleiche, ein ungerechter Mensch zu sein und ungerecht zu handeln. Wir müssen das Verhalten analysieren und nicht den Menschen.

Erfreue dich an einer sanften Brise, aber lasse nicht zu, dass dich der Wind mitreißt

Hast du das Gefühl, dass du keine Zeit für dich hast? Fallen den Menschen in deinem Umfeld ständig Sachen ein, für die sie dich brauchen, und bringen sie dich damit von deinen Zielen ab? Schenkst du anderen zu viel Zeit? Hast du das Gefühl, dass du ein Blatt im Wind bist? Wir müssen Zeit für uns selbst finden und deshalb sollten wir eine grundlegende Fähigkeiten, nämlich nein zu sagen, ohne uns schuldig zu fühlen.

Ja, das ist ein schwieriges und komplexes Thema, deshalb können wir auch keinen festen Regeln folgen, wie wir das anstellen sollen, sondern es geht mehr darum, an dieser Fähigkeit zu arbeiten. Wenn du einer dieser Menschen bist, der immer für andere da ist und seine eigenen Belange zurückstellt, solltest du Folgendes wissen:

  • Veränderung ist ein Prozess. Wenn wir an bestimmte Dinge gewohnt sind, wird es Zeit, Geduld und Mühe brauchen, sie zu ändern. Normalerweise sind unsere Gewohnheiten miteinander verknüpft und es ist meist nicht möglich, ein einzelnes Glied der Kette auszutauschen. Wenn wir beispielsweise an unserer Nächstenliebe arbeiten wollen, müssen wir dazu gut kommunizieren können. Als wir zuvor einfach Stillschweigen bewahrt haben, war diese Fähigkeit nicht von Nöten.
  • Dein Umfeld wird es vielleicht nicht verstehen. Es kann gut sein, dass deine Mitmenschen beim ersten Mal überrascht sein werden, wenn du ihnen einen Gefallen ausschlägst, wenn sie sich bereits daran gewöhnt haben, dass du ihren Bitten immer nachkommst. Es könnte sogar sein, dass sie dir den Vorwurf machen, du hättest dich verändert oder wärst ein egoistischer Mensch. An diesem Punkt ist es wichtig, dass du nicht vergisst, was du für dich willst. Denke daran, dass es immer jemanden geben wird, dem es nicht gefällt, dass du dich veränderst, besonders wenn diese Veränderung bedeutet, dass es für diesen jemand dann etwas unbequemer wird.
  • Analysiere eine Situation immer objektiv. Wenn die Bitte nicht dringend ist, musst du ihr auch nicht sofort nachkommen, wenn du dich mitfühlend mit deinem Gegenübers gezeigt und ihm eine Alternative angeboten hast, wenn dies mit deinen Aktivitäten und Zielen vereinbar ist. Du musst dich keinesfalls schuldig fühlen.

An dich zu denken ist also nicht egoistisch, wenn du weißt, wie du das Gleichgewicht hältst. Wenn du tatsächlich an diesem Teil von dir arbeitest, ohne den verschiedenen Bedeutungen von Egoismus in unserem Sprachgebrauch Beachtung zu schenken, wird es dir gelingen, anderen auf gerechte Weise Zeit und Energie zu widmen und auch Zeit für deine Leidenschaften, Aktivitäten und Träume zu finden.

„Begib dich niemals in die Opferrolle. Du solltest nicht akzeptieren, wie andere dein Leben definieren. Bestimmte über dich selbst.“

Harvey Fienstein

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