Wenn ich mein Ego verlieren lasse, gewinne ich alles andere

29. Juni 2017 en Psychologie 257 Geteilt

Unser Ego ist ein Produkt mangelhafter emotionaler Erziehung, dem folgende Vorstellung innewohnt: Erfolg bedeutet, dass man den anderen ein Bild von sich selbst zeigt – ohne Mängel, Ängste oder Zweifel. Dies bringt eine Verpflichtung mit sich, dein Umfeld zu überstrahlen, selbst wenn es bedeutet, zu verbergen, was du wirklich fühlst und was du dir wirklich wünscht.

In Folge wird oft das Selbstwertgefühl mit dem Sicherheitsbedürfnis des Egos verwechselt. Dein verletztes Ego zeigt dir, dass du mit jedem Kratzer der Erniedrigung oder Niederlage unter den Augen der anderen leidest. Und damit kannst du gar nicht gut umgehen. Es macht dich gleichzeitig traurig und wütend.

Uns wurde allen beigebracht, dass es stets besser ist, zu den Gewinnern zu gehören. Aber damit wir tatsächlich gewinnen können, müssen wir lernen. Dazu gehört auch, dass wir uns verletzlich fühlen, unzählige Male hinfallen und uns wieder aufrappeln müssen. Wir lassen dann das Ego los, um die Lektionen des Lebens anzunehmen.

In diesem Kreislauf müssen wir dazu bereit sein, nicht immer die beste Version unserer selbst zu zeigen: Akzeptiere einfach, dass die anderen an dir auch die Dinge sehen, die du lieber verstecken willst. Wenn du vorankommen willst, dann musst du das Risiko einkalkulieren, dass dir in vielen Situationen deine Selbstgefälligkeit abhandenkommen wird. Viele Menschen sind so sehr darum bemüht, keine Risiken einzugehen, die sie auf dünnes Eis brächten oder einen Drahtseilakt erforderten, dass sie ihr Ego gewinnen lassen und dabei alles andere verlieren.

Der Kampf für unser Ego beraubt uns unseres Seelenfriedens

Eine existenzielle Leere mag dich verzehren, aber du ziehst es vor, den Schein zu wahren, bevor du dich verletzlich zeigst. Man könnte es Glück oder auch Pech nennen – du leidest nicht unter einer bestimmten Krankheit. Du hast nur einen häufig anzutreffenden Charakterzug, bist von Eitelkeit, Ego und dem Fehlen des authentischen Ichs gezeichnet.

“In jeder Autobiographie gibt es zwei Hauptdarsteller: Einen Don Quijote, das Ego, und einen Sancho Panza, das wahre Ich.“

W. H. Auden

Man sagt, dass man manchmal das Glück dem Rechthaben vorziehen soll. Einfach akzeptieren, was die anderen als einen Mangel, Verlust oder eine Schwäche erachten, um sich den Seelenfrieden zu erlangen und für sich zu gewinnen. Manchmal streiten ja wir nicht einmal in Bezug auf Sachverhalte oder Themen, bei denen wir wissen, dass unsere Ansicht völlig richtig ist.

Der Kampf, das Ego aufrechtzuerhalten, führt zu einer sicheren Niederlage

Der Kampf, das Ego aufrechtzuerhalten, führt zu einer unbarmherzigen Auseinandersetzung des Egos mit der Welt, in der wir implizit schon eine garantierte Niederlage eingefahren haben. Eines Tages fällt uns vielleicht auf, dass wir eine Schwäche nicht annehmen konnten und sie daher noch weiter verstärkt haben. Dadurch haben wir einige Menschen verloren, die wir im Laufe unseres Lebens geliebt haben und die uns liebten.

“Es ist nicht gut, dein Leben mit deinem Ego zu verbringen. Selbstbewusstsein zu haben, ist dagegen großartig.”

Fred Durst

Wenn wir etwas erreichen wollen, was wir uns wünschen – allein aus dem Gefühl der Befriedigung heraus, das in uns erzeugt wird und nicht, um jemandem etwas aufzuzeigen oder zu beweisen – müssen wir oft unsere Eitelkeit ablegen. Dafür braucht es eine gewisse Erfahrung und wir müssen Dinge loslassen. Aber dafür hat unser Dasein dann auch Bedeutung.

Es bedeutet auch, dass wir im Vorangehen häufig Fehler machen. Und wenn wir zurückschauen, warten wir nicht darauf, dass es sich im Laufe der Zeit erweist, dass wir Recht hatten. Vielleicht hatten wir schon immer Unrecht oder vielleicht waren wir sogar im Recht, aber das nützt uns in der Gegenwart sowieso nichts. Denn die Gegenwart hat wenig oder gar nichts mit dem zu tun, was sich bereits zugetragen hat.

Wenn du dein Ego verlierst, bekommst du dein Leben zurück

Lass dein Ego den Kampf verlieren, den es führt, um dein inneres Selbst zu erobern. Dann kannst du die Kontrolle über dein Leben zurückgewinnen. Deine Emotionen, Gefühle und Gedanken passieren automatisch und sind nicht vorhersehbar, genau wie die Ereignisse, die in deinem Leben stattfinden. Es ist schon schwer genug, mit den Widersprüchlichkeiten und täglichen Vorkommnissen des Lebens zurechtzukommen. Wir sollten die Dinge nicht noch verschlimmern, indem wir versuchen, immer alles perfekt oder genau so hinzukriegen, wie das andere erwarten würden.

Wenn du immer perfekt sein willst und die beste Ausgabe von dir selbst zeigen willst, dann hast du vielleicht keine andere Wahl, als das Leben an dir vorübergehen zu lassen, während du dasitzt, makellos gekleidet und mit einem großen Grinsen auf dem Gesicht. Du machst keine Fehler und gehst keine Risiken ein. Näher an ein nicht gelebtes Leben kannst du dann nicht herankommen. Du wirst dich nicht wohlfühlen und du wirst auch nicht zu jeder Zeit das perfekte Vorzeigeimage abgeben können. Du wirst dich den anderen früher oder später als ein nicht perfektes Wesen zeigen müssen. Und dann wirst du auch ein intensives Leben genießen können.

Mit allen Höhen und Tiefen, mit allem Glanz und Gloria und allem Elend, wir versuchen, den bestmöglichen Blick auf das Leben zu bekommen. Dies ist alles ein Teil von uns und von dem, was uns ausmacht, ganz gleich wie hart es auch sein mag, das zuzugeben und zu akzeptieren. Viele Unvollkommenheiten, die wir oder andere als inakzeptabel erachten, sind für das ganze Umfeld unsichtbar. Manchmal ist der Verlust der eigenen Eitelkeit das Erreichen von wahrem Selbstwertgefühl.

“Mein authentisches Ich ist der beste Teil eines menschlichen Wesens. Es ist der Teil von mir, der sich schon Gedanken über seine Entwicklung macht und leidenschaftliche Gefühle dafür entwickelt. Erwecke dein wunderbares authentisches Ich und werde stärker als dein Ego. Nur dann wirst du den Versuch wagen, etwas in der Welt zu bewirken. Du wirst buchstäblich eine Allianz eingehen mit dem kreativen Prinzip.“

Andrew Cohen

Viele der Fehler, die du in der Vergangenheit gemacht hast, existieren im Gedächtnis der anderen nicht mehr. Was noch von ihnen übrig ist, sind die Verteidigungsstrategien deines verwundeten und arroganten Ichs. Sie leben nur noch in deinem alles erstickenden Ego, das dir Depressionen verursacht und dich der Gegenwart beraubt. Mit der Absicht, einen Triumph zu erringen, den es schon gar nicht mehr gibt. Was es als einzige Sache noch zu heilen gilt, ist der Groll und die Wut, die noch mit dir herumträgst.

Weise deinem Ego die Tür und lass es mit all seinen Listen hindurchtreten. Öffne dem Leben die Tür, obwohl es vielleicht manchmal Schmerzen verursacht. Lass dein Ego frei. Es lohnt sich, jede Anstrengung auf der Welt dafür auf sich zu nehmen.

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