Beziehungsanarchie: Keine Etiketten, keine Hierarchie

· 23. September 2018

Beziehungsanarchie ist eine Denkweise, die sich für eine Beziehung ohne Spitznamen oder Hierarchien einsetzt. Diese Art von Anarchie zielt darauf ab, intime Beziehungen von konventionellen Ideen, Verpflichtungen und Traditionen zu befreien. Das Ziel der Beziehungsanarchie ist die Freiheit von allem, was die Gesellschaft diktiert oder instituiert.

Hier geht es darum, Beziehungen zu führen, die aus etablierten Kategorien ausbrechen. Gegenseitiges Einvernehmen ist die einzige Grundlage der Beziehung. Beziehungsanarchisten folgen einem Lebensstil, der weit entfernt ist von jeder Art von auferlegter Doktrin oder Norm. Aber ist das wirklich machbar? Wie verstehen diese Anarchisten Liebe und Beziehungen?

Anarchistische Beziehungen

Anhänger der Beziehungsanarchie unterscheiden nicht zwischen romantischen Beziehungen und anderen Beziehungen. Statt individuelle Verhältnisse zu kennzeichnen, ziehen sie es vor, den Rahmen des „gegenseitigen Einvernehmens“ für sie alle zu nutzen.

Sie glauben, dass die Basis für alle Beziehungen Vertrauen sein müsse. Es könne nur dann freie und ungebundene Beziehungen geben, wenn sichergestellt sei, dass die Beteiligten nicht die Absicht haben, Schaden anzurichten. Die Beziehung sei nur zufriedenstellend, wenn sie diesen erfüllenden Punkt der Intimität und Freiheit erreichen können. Folglich, wenn Verdacht, Zweifel und Misstrauen die Beziehung vergiften, ruinieren sie alles.

Kommunikation ist also der Schlüssel, damit diese Art von Beziehung funktioniert. Heutzutage neigen Menschen dazu, über ihre Gefühle zu sprechen, wenn sie ein Problem haben. Diejenigen, die Beziehungsanarchie praktizieren, fördern jedoch eine ständige Kommunikation. Das trägt dazu bei, das Vertrauen zu stärken.

Ein Pärchen redet im Wohnzimmer

Unbegrenzte Liebe, frei von Etiketten

Beziehungsanarchisten glauben, dass die Liebe unendlich sei. Deshalb beschränken sie sich nicht nur auf eine Person oder eine Art von Liebe. Jeder Mensch ist frei, mit so vielen Menschen zusammen zu sein, wie er will, ohne den einen gegenüber dem anderen zu bevorzugen.

Beziehungsanarchisten glauben, dass es wichtig sei, jede Beziehung unabhängig voneinander zu schätzen. Sie stellen keine Vergleiche an und es gibt kein Ranking. Sie würden nicht einmal daran denken, gängige Ausdrücke wie „wir sind in einer offenen Beziehung“, „Freunde mit gewissen Vorzügen“ oder „nur Freunde“ zu verwenden.

„Liebe ist reichlich vorhanden, und jede Beziehung ist einzigartig.“

Andi Nordgren

Engagement im gegenseitigen Einvernehmen

Beziehungsanarchie geht nicht mit der Unterdrückung von Verbindlichkeit einher. Im Gegenteil. Sie setzt sich für Verbindlichkeit ein, solange die Teilnehmer sich einig sind. In einer Beziehung arbeiten beide Menschen zusammen, um das Niveau und die Art des Engagements festzulegen, das sie sich wünschen. Sie entscheiden nach ihren Gefühlen.

Die Teilnehmer müssen sich dabei an ihren Werten orientieren. Natürlichkeit, Konsens, Kommunikation und der aufrichtige Wunsch, den anderen Menschen zu lieben, sollen im Vordergrund stehen. Deshalb haben Anhang, Hierarchie und externe Normen keinen Platz. Sie lassen keine äußeren Einflüsse oder sozialen Bedingungen zu. Die Verbindungen und Beziehungen sollen natürlich und spontan sein.

Daumen hoch

Trennung vom Establishment

Beziehungsanarchie geht davon aus, dass die heutige Gesellschaft auferlege, wie man liebe und wen man liebe. Durch Gesetze und Richtlinien bestimme die Gesellschaft, was zu tun sei und wie sich die Bürger zu jeder Zeit verhalten sollen. Beziehungsanarchie macht Schluss mit der Vorstellung, dass Menschen Rechte über ihre Mitmenschen hätten.

Zum Beispiel, wenn eine Person beschließt, mit ihren Freunden auszugehen und spät nach Hause kommt, sagen Beziehungsanarchisten, dass es nicht angebracht sei, Erklärungen zu verlangen. Sie würden eben nicht sagen: „Ich habe das Recht zu wissen, wo du dich aufhältst.“  Respekt und Unabhängigkeit sind unantastbar.

Zudem kritisiert die Beziehungsanarchie, wie die Gesellschaft „Normalität“ mit Heterosexualität gleichsetzt. Folglich glauben die Befürworter dieser Ideen auch an die freie Liebe, unabhängig von Geschlecht, Kultur oder Glauben.

Beziehungsanarchie oder Polyamorie?

Diese beiden Arten, Beziehungen zu verstehen und zu praktizieren, sind leicht zu verwechseln. Das liegt daran, dass sie beide emotionale und sexuelle Beziehungen mit mehreren Menschen unterstützen. Allerdings sind Beziehungsanarchie und Polyamorie verschieden, wenn auch die Unterschiede subtil sind.

Beziehungsanarchie kategorisiert, ordnet und klassifiziert nicht. Jede Beziehung ist einzigartig, unabhängig von anderen Beziehungen und unwiederholbar. In diesem Fall braucht die Liebe keine Etiketten, damit jemand sie ausdrücken oder fühlen kann.

Das ist bei der Polyamorie nicht der Fall. In der Tat ist die häufigste Form von Polyamorie die, in der eine der Beziehungen als primäres Verhältnis definiert wird. Das ist in der Regel die Ehe. Der Rest gilt als wichtig, aber zweitrangig und damit nachgeordnet.

Drei Freunde auf einer Couch

Beziehungsanarchie versus Monogamie

Diejenigen, die Beziehungsanarchie praktizieren, betrachten diese als einen Lebensstil. Sie definieren sich als Menschen, die freie Liebe üben. Sie sind frei von den Strukturen und Bedingungen, die Gesellschaft und Kultur auferlegen. Sie nutzen ihre Fantasie, um ihr eigenes Beziehungsideal zu schaffen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sie diese nach eigenem Ermessen erstellen.

In diesem Sinn hat Andi Nordgren ein Manuskript verfasst, in dem die Grundlagen und Prinzipien dieser Strömung zusammengefasst werden. Aktuell wird der Gedanke der Beziehungsanarchie als tragende Säule des Aktivismus in Beziehungsangelegenheiten betrachtet, der gegen die traditionelle Hegemonie der monogamen Partnerschaft kämpft.