Eine buddhistische Geschichte über Geduld und geistige Stille

24. April 2019

Wir haben die schlechte Angewohnheit, unsere Bedürfnisse unmittelbar stillen zu wollen, Dinge sofort zu tun. Wir ziehen es vor, den falschen Weg zu gehen, anstatt geduldig zu sein, und sind dabei eher bereit, aufzugeben, als uns zu bemühen, besonders wenn die Früchte ihre Zeit zum Reifen brauchen.

Es beunruhigt uns, die Befriedigung unserer Wünsche zu verschieben, warten zu müssen … Tatsächlich, wenn wir nur daran denken, beginnt unser Geist, uns mit Sorgen und Erwartungen zu bombardieren, um den Rhythmus der Ereignisse zu beschleunigen.

Schnelllebigkeit und Lärm prägen unseren Alltag, sowohl intern als auch extern. Von einer Seite zur anderen wandern, mit keinem anderen Ziel als dem, das unser Bedürfnis nach sofortiger Befriedigung kennzeichnet. Dazu kommt der eindringliche Ruf unserer inneren Stimme, denn sie scheint in allem, was wir tun, präsent zu sein und unser Verlangen auszudrücken. Es ist, als wären wir süchtig nach der Unmittelbarkeit. Wir lieben es, zu denken, Hypothesen zu schaffen und uns von den Labyrinthen und Teufelskreisen unserer Überzeugungen gefangen nehmen zu lassen.

Dabei ignorieren wir vielleicht das Wichtigste: wie wir aus diesen selbst gestellten Fallen herauskommen, wie wir uns aus unserem mentalen Gefängnis befreien können. Die folgende buddhistische Geschichte gibt uns die Antwort darauf.

„Der Verstand ist ein hervorragendes Instrument, wenn er richtig benutzt wird. Bei falschem Gebrauch kann er allerdings destruktiv wirken. Genauer gesagt ist es nicht so, dass du deinen Verstand falsch gebrauchst – du gebrauchst ihn normalerweise überhaupt nicht. Er gebraucht dich. Das ist die Krankheit. Du hältst dich für deinen Verstand. Das ist die Wahnidee. Das Instrument hat die Macht über dich gewonnen.“

Eckhart Tolle

Deprimierte Frau mit verschlossenen Augen

Die buddhistische Geschichte

Buddha und seine Jünger beschlossen, auf eine Reise zu gehen, auf der sie verschiedene Gebiete und Städte durchqueren würden. Eines Tages, als die Sonne in ihrer ganzen Pracht schien, entdeckten sie einen See in der Ferne und hielten an, bedrängt von Durst. Als Buddha ankam, wandte er sich an seinen jüngsten und ungeduldigsten Schüler: „Ich habe Durst. Kannst du mir etwas Wasser aus dem See holen?“

Der Schüler ging zum See, aber als er ankam, bemerkte er, dass ein Ochsenwagen durch das Wasser fuhr, und das Wasser wurde langsam trüb. Nach diesem Vorfall dachte sich der Schüler: „Ich kann dem Meister dieses trübe Wasser nicht zum Trinken geben.“  Da kehrte er zurück und sagte zu Buddha: „Das Wasser ist sehr schlammig. Ich glaube nicht, dass wir es trinken können.“

Nach einer Weile, vielleicht einer halben Stunde, bat Buddha den Schüler erneut, zum See zu gehen und ihm etwas Wasser zu trinken zu bringen. Der Jünger tat dies. Das Wasser war jedoch immer noch getrübt. Er kehrte zurück und informierte Buddha in schlüssigem Ton über die Situation: „Das Wasser dieses Sees kann nicht getrunken werden. Wir gehen besser zum Dorf, damit seine Bewohner uns etwas zu trinken geben können.“

Buddha antwortete ihm nicht, aber er machte auch keine Anstalten, weiterzugehen. Er verweilte an Ort und Stelle. Nach einer Weile bat er denselben Schüler, zum See zurückzukehren und ihm Wasser zu bringen. Da er seinen Herrn nicht infrage stellen wollte, ging dieser zum See; er spürte jedoch Wut in sich aufsteigen, da er nicht verstand, warum er zurückkehren musste, wenn das Wasser doch schmutzig war und nicht getrunken werden konnte.

Als er ankam, stellte er zu seinem Erstaunen fest, dass das Wasser nun frisch, ja kristallin aussah. Also nahm er etwas von dem Wasser und brachte es seinem Meister. Der sah auf das Wasser und sagte zu seinem Schüler: „Was hast du getan, um das Wasser zu reinigen?“

Der Schüler verstand die Frage nicht. Er hatte nichts getan, es war offensichtlich. Dann sah Buddha ihn an und erklärte es ihm: „Du wartest und lässt es in Ruhe. Auf diese Weise setzt sich der Schlamm von selbst ab und du erhältst sauberes Wasser. So ist auch dein Verstand! Wenn er gestört wird, musst du ihn einfach sein lassen. Gib dem Ganzen etwas Zeit. Sei nicht ungeduldig. Im Gegenteil, übe dich in Geduld. Du musst dir keine Mühe geben, ihn zu beruhigen. Das Gleichgewicht wird sich allein finden. Die Dinge werden ihren Lauf nehmen, wenn du dich nicht verrennst.“

Die Kunst der Geduld, um den Geist zum Schweigen zu bringen

Geduld. Das ist das Geheimnis dieser buddhistischen Geschichte. Die Kunst, zu wissen, wie man wartet, die Zeit zu respektieren und innezuhalten, wenn es der Anlass verdient – oder erfordert – vor allem mit unseren Gedanken. Je mehr wir uns überfordert fühlen und die von unseren Überzeugungen gebildeten Netze immer dichter werden, desto eher müssen wir anhalten.

Frau mit geschlossenen Augen

Nichts zu tun, den Dingen Zeit zu geben und zu warten, ist eine gute Option, um diesen aufgeregten Geist oder Affengeist, wie ihn die Buddhisten nennen, zu beruhigen. Derjenige, der auf erregte Weise von Gedanke zu Gedanke springt, wird erschöpft und verwirrt sein.

Wenn wir uns von Ungeduld, Stress und Frustration mitreißen lassen, werden wir uns nicht nur schlecht fühlen, sondern auch voreilige Entscheidungen treffen, die auf unseren Impulsen beruhen. Umso besser ist es, uns ein paar Minuten zum Atmen zu gönnen, emotionale Distanz zum Geschehen aufzubauen und mit uns selbst in Kontakt zu kommen. Denn nur so werden wir diesen Zustand geistiger Stille erreichen, wie ihn die buddhistische Geschichte andeutet.

Manchmal geht es nicht so sehr darum, zu handeln oder etwas Dringendes zu tun, sondern ruhig zu sein und uns nicht vom Lärm der Unmittelbarkeit und des Genusses in Versuchung bringen zu lassen, d. h. die Wasser unseres Geistes zu beruhigen und so lange wie nötig zu warten. Denn wenn wir unseren Verstand beruhigen und diese geistige Stille erreichen, arbeiten die Emotionen mit unseren Gedanken und wir sind in der Lage, andere Blicke, andere Perspektiven anzunehmen.

„Es geht nur darum, ruhig zu sitzen und zuzusehen, wie Gedanken durch einen hindurchgehen. Einfach beobachten, nicht stören, nicht beurteilen, denn in dem Moment, in dem du urteilst, hast du die reine Beobachtung verloren. In dem Moment, in dem du sagst: ‚Das ist gut, das ist schlecht‘, bist du in den Gedankenprozess eingestiegen.“

Osho