Liquid Love: Die Zerbrechlichkeit von Beziehungen

24. März 2016 en Psychologie 15 Geteilt

„Liquid love“. Vielleicht hast du schon einmal etwas über dieses interessante Konzept des Soziologen Zygmunt Bauman gehört. Bauman verwendet diese poetische, aber aufrüttelnde Metapher, die eine Realität beschreibt, welche immer deutlicher zutage tritt: die Zerbrechlichkeit von Beziehungen.

Die Schnelllebigkeit heutiger Beziehungen sollte uns nicht allzu sehr verwundern, wenn man sich in unserer Gesellschaft die Tendenz hin zum Konsumdenken und die damit zusammenhängende sofortige Befriedigung unserer momentanen Bedürfnisse vor Augen hält. Damit ist allerdings nicht nur die zwischenmenschliche Beziehung gemeint, sondern ebenso auch die Beziehung, die wir zu uns selbst haben – das, was Bauman als die „Flüchtigkeit unserer Selbstliebe“ bezeichnet.

Sind wir uns zum Beispiel darüber im Klaren, dass wir eine andere Person nur dann auf gesunde Art lieben können, wenn wir zuerst uns selbst zu lieben gelernt haben? In unserer Gesellschaft stellt sich damit heute ein schwerwiegendes Problem, da die meisten von uns keine solide Basis ihrer Selbstliebe haben.

Deswegen wollen wir uns nun diesem Thema und interessanten Konzept zuwenden und ein wenig tiefer graben.

„Liquid love“ und Individualität

Den meisten Menschen fällt es in bestimmten Zeiten sehr schwer, starke und beständige Beziehungen einzugehen. Die Angst und die Unreife können es unmöglich erscheinen lassen, eine authentische und stabile Beziehung zu führen, die auch für die Zukunft vielversprechend aussieht.

Bauman selbst erklärt uns, dass heutzutage viele Beziehungen eher „Verbindungen“ als „Beziehungen“ genannt werden sollten. Dabei geht es nicht mehr nur um die Vorherrschaft der neuen Technologien und der sozialen Netzwerke. Dieses Konzept geht noch darüber hinaus und ja, es kann uns beunruhigend erscheinen. Wir leben in einer dynamischen Welt, in der sich das Reale und das Virtuelle zu vermischen scheinen – eine fragile Moderne, in der uns viele Dinge durch die Finger zu gleiten scheinen.

Wir führen instabile Beziehungen, weil unsere Gesellschaft sich zunehmend für diese flexiblen menschlichen Beziehungen stark macht. Und nein, wir sprechen nicht einfach nur über die Beziehung zu unserem Partner. Ebenso geht es dabei um die Bildung der nächsten Generation.

Wir bieten unseren Kindern zahlreiche Spielzeuge und Geräte und erpressen sie auch noch, indem wir sie mit einem neuen Geschenk belohnen, wenn sie einen Test bestanden haben. So führen wir sie in diese Gesellschaft von Konsumenten ein, in der es einen Mangel an Sinn und an Werten gibt und aus der Individuen hervorgehen, die wie Tyrannen durchs Leben gehen, ohne zu wissen, wo die Grenzen sind. Und diese wiederum enden dann ihrerseits damit, dass sie vorbehaltliche, unbeständige Liebe weitergeben. Diese Individuen suchen ihre Freundschaften in sozialen Netzwerken, in denen sich eine Beziehung, die nicht weiter interessant erscheint, mit einem einfachen Klick auf „Blockieren“ oder „Melden“ auf dem Profil der anderen Person erledigen lässt.

Ohne Zweifel sind die Auswüchse dieser Entwicklung schockierend.

Die Bedeutung von Selbstliebe im Kampf gegen „Liquid love“

Menschen sind nicht einfach ein Produkt, das man konsumiert. Genauso wenig haben sie eine geplante Obsoleszenz wie die meisten elektrischen Geräte unserer Zeit. Wir denken, wir fühlen und wir lieben. Aber dabei müssen wir immer bei uns selbst beginnen und uns selbst als Menschen betrachten, die es verdienen, geliebt zu werden.

Zerbrechliche Liebe lässt uns immer mit einem leeren Herzen zurück – etwas, das wirklich niemand möchte. Der Konsument bleibt immer hungrig und in seinem tiefen Inneren unbefriedigt. Und was bringt es uns, mit einer solch großen Unsicherheit leben zu müssen?

Manchmal steht hinter einer flüchtigen Liebe auch einfach nur die eigene Unsicherheit. Manchmal sehen wir uns selbst einfach nicht in der Lage, eine Beziehung zu führen, die stark genug ist, für eine gemeinsame Zukunft mit der anderen Person zu sorgen. Unsicherheit ist dabei ein Zeichen für ein Selbstwertgefühl, das sich nicht in richtiger Weise entwickeln konnte.

Es gibt keine wirklichen Sicherheiten in diesem Leben. Wir alle stochern in gewisser Weise im Nebel. Aber wenn wir damit beginnen, zunächst uns selbst zu vertrauen, dann werden wir uns auch immer weiter in Richtung Sicherheit und Stabilität bewegen. Und das geschieht durch eine aufrichtige Hingabe an uns selbst und an die Menschen in unserem Umfeld.

Bauman führt uns vor Augen, dass dabei zwei essenzielle Werte eine entscheidende Rolle spielen: Freiheit und Sicherheit. Sicherheit ohne Freiheit ist Sklaverei. Freiheit ohne Sicherheit ist das totale Chaos. Wir benötigen beide Dimensionen, um in unserem Leben zu einer gesunden Balance zu finden.

Siehst du das auch so?

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