Kontrafaktisches Denken: Was wäre gewesen, wenn...?

06 Juli, 2020
Mit jeder Entscheidung, die wir treffen, schließen wir einige Türen und öffnen andere. Wenn wir weiter vorankommen wollen, müssen wir stets lernbereit sein und weitermachen. Wenn wir dies nicht tun, werden wir wahrscheinlich in einen Trott verfallen.
 

Was wäre, wenn ich mich dazu entschieden hätte, im Ausland zu studieren? Und wenn ich mich nicht von meinem Partner getrennt hätte? Was wäre passiert, wenn ich dieses Stellenangebot angenommen hätte? Eine der mentalen Aufgaben, mit denen die Menschen die meiste Zeit verbringen, ist die Vorstellung alternativer Verläufe. Durch kontrafaktisches Denken versuchen wir uns vorzustellen, wie die Realität wäre, wenn wir andere Entscheidungen getroffen hätten.

Manchmal kann kontrafaktisches Denken von Vorteil sein. Allerdings kann die Besessenheit, geistig nach alternativen Optionen zu suchen, aber auch negative Folgen haben. Frustration, Bitterkeit oder Angst können ein Teil deines Lebens werden, wenn du nicht vorsichtig bist. Aus diesem Grund solltest du lernen, deine Realität zu akzeptieren und in der Gegenwart zu leben.

Kontrafaktisches Denken und die Vorstellung einer alternativen Realität
 

Was ist kontrafaktisches Denken?

Im Verlauf deines gesamten Lebens triffst du bestimmte Entscheidungen. Einige sind banal, während andere kritisch sind. Mit jeder Entscheidung, die du triffst, schließt du einige Türen und öffnest wiederum andere. Es ist fast unmöglich, es zu vermeiden, irgendwann darüber nachzudenken, wie die Dinge sein hätten können.

Was, wenn du einen anderen Weg gewählt hättest? Genau darauf bezieht sich kontrafaktisches Denken. Es geht darum, alternative Realitäten zu projizieren, die sich möglicherweise aus unterschiedlichen Entscheidungen ergeben hätten.

Dadurch kannst du in die Vergangenheit eintauchen und eine Reihe von Szenarien erschaffen. Anschließend kannst du diese Szenarien dann mit deiner aktuellen Situation vergleichen. Gleichzeitig ist es auch möglich, diese Art von Argumentation auf zukünftige Situationen anzuwenden. Zum Beispiel könntest du sagen: „Wenn ich diesen Job verlasse, werde ich wahrscheinlich nichts Besseres finden. Ich könnte sogar arbeitslos werden.“

 

Die Möglichkeiten sind endlos. An der Wurzel dieses Prozesses glaubst du, dass deine kleinen Entscheidungen dein Leben geprägt haben. Diese Behauptung ist teilweise richtig, da deine gegenwärtige Situation das Ergebnis all deiner vorherigen Handlungen ist. Darüber hinaus werden deine aktuellen Entscheidungen tatsächlich deine Zukunft beeinflussen. Dennoch stellt keine einzelne Entscheidung ein Urteil dar. Denn du hast jederzeit die Möglichkeit, den Verlauf deines Lebens zu ändern.

Die Vorteile des kontrafaktischen Denkens

Dieser kognitive Prozess hat einige Vorteile, solange du ihn in Maßen verwendest. Zunächst hilft die innere Argumentation dir, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Dies wiederum erhöht deine Fähigkeit, bessere Entscheidungen zu treffen. Wenn du mit einem Dilemma konfrontiert bist, das sich bereits zuvor präsentiert hatte, hast du die Erfahrung, bestimmte Ereignisse vorherzusagen. Daher können Erfahrungen ein Ausgangspunkt für bessere Entscheidungen sein.

 

Lass uns dies anhand eines Beispiels betrachten. Angenommen, du hast in der Vergangenheit eine Prüfung nicht bestanden, weil du nicht genug gelernt hast. Sicherlich hattest du Gedanken wie: „Wenn ich mehr gelernt hätte, hätte ich den Test bestanden.“ Durch diese Art des Denkens wirst du dich in Zukunft, unter ähnlichen Umständen, anders verhalten.

Andererseits kann dieser kognitive Prozess dir auch dabei helfen, dass du dich in Bezug auf deine Leistungen besser fühlst. Zum Beispiel: „Wenn ich nicht in die Stadt gezogen wäre, hätte ich meinen besten Freund nie getroffen.“ Darüber hinaus hilft kontrafaktisches Denken dir ebenfalls, negative Situationen zu bedenken: Zum Beispiel: „Wenn ich mich nicht angeschnallt hätte, wäre der Unfall möglicherweise viel schlimmer gewesen.“

Kontrafaktisches Denken kann uns mit Entscheidungen helfen
 

Der Fokus liegt auf der Gegenwart

Wenn du jedoch die Nützlichkeit des kontrafaktischen Denkens aus den Augen verlierst, könntest du dich darin verfangen. Dies gilt insbesondere dann, wenn du diese Form des Denkens ständig anwendest. So könnte es vorkommen, dass du aufgrund einiger früherer Entscheidungen anfängst, negative Emotionen zu spüren. Du könntest Schuldgefühle, Bedauern und Frustration erleben. Zum Beispiel: „Wenn ich aufmerksamer gewesen wäre, wäre unsere Freundschaft nicht in die Brüche gegangen.“ Alternativ: „Wenn ich nicht so jung geheiratet hätte, hätte ich das Leben mehr genießen können.“

Du solltest jedoch bedenken, dass kontrafaktisches Denken als eine Art Straßenkarte für deine Zukunft dienen kann. Es sollte allerdings niemals ein Anker für deine Vergangenheit sein. Wenn du das Gefühl hast, in bestimmten Lebenssituationen nicht richtig gehandelt zu haben, versuche, deinen Fehler zu korrigieren. Du kannst dies als eine Lernerfahrung für zukünftige Situationen betrachten. Auf die eine oder andere Weise kannst du es auch als einen Ausgangspunkt für den Aufbau deiner gewünschten Zukunft sehen. Vermeide jedoch, es als eine emotionale Belastung zu betrachten.

 

Ebenso kann das ständige Grübeln über die Zukunft Angst, Stress oder sogar eine lähmende Unentschlossenheit verursachen. Die bedauerliche Wahrheit ist jedoch die, dass du die Zukunft nicht vorhersagen kannst.

Die Vergangenheit existiert nicht mehr und die Zukunft ist ein Mysterium. Konzentriere dich daher darauf, deine Gegenwart anzunehmen, Lektionen zu lernen und dein Bestes zu geben. Nur dann kannst du die Zukunft gestalten, die du dir wünschst. Denke schließlich auch daran, dass Fehler ein Teil des Lebens sind. Sie sind Teil deines persönlichen Weges, der täglich neue Möglichkeiten bietet, wenn du nur möchtest.   

 
  • Segura-Vera, S. (1999). Razonamiento contrafáctico: la posición seriel y el número de antecedentes en los pensamientos sobre lo que podría haber sido.
  • Martínez Betancourt, P. A. (2011). Influencia de los objetos de autorregulación y el pensamiento contrafáctico sobre los efectos persuasivos de un mensaje publicitario (Bachelor’s thesis, Bogotá-Uniandes).