Wenn Schuldgefühle zur Last werden

· 3. Februar 2019

Schuldgefühle sind der Preis, den wir zahlen, um ein Teil dessen zu sein, was wir Zivilisation und Gemeinschaft nennen. Obwohl es keiner Sammlung moralischer Vorgaben jemals gelungen ist, destruktive Verhaltensweisen auszurotten, hat man es durchaus geschafft, diese zu verringern und einzuschränken. Ohne diese Anweisungen und ohne die Schuldgefühle, die aus Fehlverhalten resultieren, wären wir nicht in der Lage, stabile Gesellschaften aufzubauen.

Wir brauchen sie, um zu wissen, dass es Grenzen gibt und dass wir nicht ohne Konsequenzen alles tun können, was uns gefällt. Dieses Gefühl manifestiert sich durch symbolische oder greifbare Sanktionen in unserem Kopf. Autoritäten und Vorbilder vermitteln uns diesen Zusammenhang und das hilft uns, bessere Menschen zu werden.

„Es gibt kein Problem, das so schrecklich wäre, dass wir nicht etwas Schuldgefühle hinzufügen und es noch schlimmer machen könnten.“

Bill Watterson

Es gibt zudem einen Punkt, an dem wir keine Sanktionen mehr brauchen, um ihre Last zu spüren. Es entsteht ein beunruhigendes Gefühl oder ein tiefes Unbehagen, wenn wir uns bewusst werden, dass wir etwas getan haben, was wir als „schlecht“ einstufen. Wir schämen uns dafür und sind überwältigt von der Angst, unsere Selbstachtung oder Selbstwertgefühl zu verlieren.

Daher ist es etwas sehr Ernstes, wenn wir keine Schuldgefühle verspüren. Aber auch zu viele Schuldgefühle können schädlich sein. Unter Umständen ist es möglich, von ihnen besessen zu werden. Unter diesen Umständen ist unser Gewissen nicht mehr die sanfte Stimme, die uns dazu führt, ein „guter Mensch“ zu sein. Vielmehr wird es zu einem unerbittlichen Richter, der uns nicht in Ruhe lässt. Schuldgefühle können so durchdringend sein, dass sie uns sogar körperlich krank machen können.

Die verschiedenen Gesichter der Schuldgefühle

Sie können sich in vielen Formen manifestieren. Eine der häufigsten Formen ist die fehlende Differenzierung. Sie tritt in Erscheinung, wenn unser Gewissen so restriktiv arbeitet, dass es nicht zwischen Gedanken, Wünschen und Handlungen unterscheiden kann. Der Gedanke oder Wunsch, etwas zu tun, wird genauso bewertet wie die Tat. Deshalb empfinden wir in all diesen Fällen das gleiche Maß an Schuld.

Frau mit Schatten, die nach ihr greifen

Eine weitere Möglichkeit, wie sich neurotische Schuldgefühle manifestieren, ist die übermäßige Selbstbestrafung. Wir quälen und bestrafen uns selbst ohne Mitgefühl, weil wir uns so verhalten, wie wir es für verwerflich halten. Auch vergeben wir uns selbst nicht, wenn wir einen Moment der Schwäche oder mangelden Urteilsvermögens gezeigt haben. Wir sind dann in der Lage, uns selbst zu schlagen oder zu verletzen, absichtlich oder unbewusst, um unsere Schuld zu „reparieren“.

Es gibt noch eine weitere Form der allmächtigen Schuldgefühle. In diesem Fall fühlen wir uns auch für Dinge verantwortlich, die völlig außerhalb unserer Kontrolle liegen. Zum Beispiel, wenn jemand einen Unfall hat und wir uns schuldig fühlen, weil wir nicht da waren, um ihn zu vermeiden oder auszuhelfen. Das passiert oft bei Müttern, die das Gefühl haben, dass sie die volle Kontrolle über das Leben ihres Kindes haben sollten.

Der Scheideweg der übermäßigen Schuldgefühle

Wenn wir exzessive Schuldgefühle haben, kann unser Gewissen zu unserem schlimmsten Feind werden. Wir nehmen eine wachsame Haltung ein, ähnlich wie ein Türsteher. Wir sind auf der Hut vor jeder Idee, jedem Gefühl oder Verlangen, das potenziell „gefährlich“ sein könnte. Wenn eines dieser Dinge auftaucht, bestrafen wir uns selbst dafür, dass wir die Kühnheit haben, es zuzulassen. In schwerwiegenderen Fällen kann das sogar unsere Persönlichkeit lähmen.

Frau verspürt Schuldgefühle

Viele dieser Gewohnheiten haben ihren Ursprung in einem sehr frühen Alter. Konflikte mit unseren Eltern oder emotionale Vernachlässigung mögen uns das Gefühl geben, dass wir „schlecht“ wären. Deshalb gewöhnen wir uns daran, argwöhnisch gegenüber uns selbst oder selbstschädigend zu sein.

Ebenso kann ein kleines Kind tiefe Wut auf seine Mutter oder seinen Vater empfinden. Vielleicht waren sie nachlässig, haben ihm nicht genug Liebe gezeigt oder sich sogar missbräuchlich verhalten. Allerdings lässt das Kind natürlicherweise keine negativen Gefühle gegenüber den Figuren zu, die es am meisten liebt. Deshalb wendet es alle Wut gegen sich selbst und verwandelt sie in ständige Schuldgefühle bis hinein ins Erwachsenenleben.

Manchmal manifestieren sich diese übermäßigen Schuldgefühle nicht so deutlich. Dann gibt es kein Denken oder Fühlen, sondern nur Tun. Wir suchen einfach nach Situationen, die uns verletzen und stehen uns ständig selbst im Weg, um uns bestrafen zu können.

Wenn wir in der Schuld gefangen sind, wird unser Leben zur Hölle auf Erden. Dann müssen wir uns professionelle Hilfe suchen, um diese Last ablegen zu können.