Hypochondrie: Wenn die Angst, krank zu sein, zu einer Gefahr wird

· 12. Oktober 2018

Die Hypochondrie oder Krankheitsangststörung, wie sie im DSM-5 genannt wird, ist einer der häufigsten Gründe, warum sich Patienten in die Psychotherapie begeben. Dieses Problem bezieht sich auf Menschen, die mit einer ständigen Angststörung leben. Sie kennzeichnet sich dadurch, dass der Patient Angst davor hat, an einer Krankheit zu leiden.

Menschen mit Hypochondrie neigen dazu, sich vor Krankheiten zu fürchten, welche eine fortschreitende, langfristige Verschlechterung der eigenen Gesundheit bedeuten. Einige typische Beispiele sind Krebs, AIDS und Fibromyalgie. Es gibt jedoch auch viele Hypochonder, die Herzleiden oder Atemwegserkrankungen befürchten, welche einen schnelleren und schwereren Verlauf nehmen.

Eines der deutlichsten Anzeichen für Hypochondrie ist die Angst vor Krankheiten, die Körper und Geist allmählich zermürben. Im Gegensatz dazu ist die Angst vor akuten Problemen, wie Herzinfarkt oder Schlaganfall, charakteristischer für eine Panikstörung. Ganz gleich, welche Krankheit der Hypochonder befürchtet, seine Gefühle, Empfindungen und Handlungen werden ihn auf lange Sicht wirklich „krank machen“, zumindest aus psychologischer Sicht.

Wenn alles zu viel wird, zieht sich diese Frau zurück.

Während die beiden wichtigsten Symptome der Hypochondrie in der Angst vor Krankheiten und dem ständigen Drängen nach Diagnosen (medizinische Tests, Forschung usw.) bestehen, gibt es einige psychologische Faktoren, welche die Entwicklung, Intensität und Dauer der Störung beeinflussen.

In diesem Artikel erklären wir, wie die irrationale Angst der Hypochonder durch die erschöpfende Suche nach der Kontrolle über ihren eigenen Körper, ihre Intoleranz gegenüber der Ungewissheit und einen unzureichende Einfluss auf ihre Angststörung zu einer Dimension wird, die dessen Lebensqualität mindert.

Wie die Angst vor Krankheiten krank macht

Damit eine sich vor Krankheiten fürchtende Person auch tatsächlich eine Hypochondrie entwickelt, sind mehrere Faktoren notwendig. Unter den charakteristischsten psychologischen Faktoren, welche letztendlich die Angst vor der Krankheit zur Realität werden lassen, sind beispielsweise falsche Erwartungen und ebenso falsche Vorstellungen von der Funktionsweise des menschlichen Körpers zu finden.

Wenn jemand unrealistische und unbegründete Erwartungen hat, wie sich sein Körper jeden Tag anfühlen sollte, wird jede normale körperliche Empfindung (wie eine Kontraktion oder ein unspezifischer Schmerz) zu einem Warnsignal umgedeutet, welches angeblich anzeigt, dass etwas nicht stimmen würde. Selbst wenn ständige Schmerzen und chronisches Unwohlsein tatsächlich Anzeichen für eine Krankheit sein können, interpretieren Menschen mit einer irrationalen Angst vor Krankheiten diese Zeichen als eindeutige Anzeichen einer Krankheit. Die Angst, krank zu sein, steigert sich noch, wenn ein mentales Schema den Betroffenen in seiner Überzeugung bestärkt, dass etwas nicht in Ordnung und er wohl krank sei.

Eine vorgefasste und unumstößliche Idee davon, wie der Körper sein sollte, prädisponiert also für Hypochondrie. Eine entsprechende Art der Argumentation ist ziemlich häufig bei Menschen anzutreffen, die eine sehr geringe Toleranz gegenüber unerträglichen körperlichen Empfindungen haben. Wir reden hier noch nicht einmal von richtigen Schmerzen. Sie gehen davon aus, dass ihr Körper keinerlei Veränderungen erfahren dürfte. Das bedeutet, es sollten keine neuen Falten, Narben oder Flecken entstehen, der Körper sollte schmerzfrei und insgesamt „normal“ funktionieren.

Auch muss, bezüglich des eigenen Körpers und dem Wunsch nach dem Verschwinden von Beschwerden, ein hoher Anspruch an sich selbst vorhanden sein. Es reicht nicht aus, lediglich Veränderung und Krankheit zu fürchten und dabei die physischen Schmerzen vermeiden zu wollen, sondern es muss ein Bedürfnis nach Kontrolle bestehen, damit eine Hypochondrie sich überhaupt entwickeln kann.

Eine nachdenkliche Frau hat den Kopf auf ihre Hand gestützt.

Gelegentliches körperliches Unbehagen ist völlig normal und ein Teil des Lebens. Unser Körper ist schließlich ein Organismus in ständiger Veränderung. Wenn wir jedoch zu viel Aufmerksamkeit auf diese Wehwehchen lenken, werden wir unser Unbehagen noch verstärken. Dieser Umstand wird in der Gate-Control-Theorie erklärt, die wissenschaftlich bewiesen hat, dass die Konzentration auf eine Empfindung im Körper selbige noch erhöht. So wird sie intensiver und langlebiger. Techniken der Ablenkung sind daher oft der Schlüssel zum Erfolg, wenn es um die psychologische Behandlung von Hypochondrie geht.

Körperliche Krankheiten zu vermeiden, macht psychisch krank

Störende körperliche Empfindungen nicht zu tolerieren, den eigenen Körper dazu zu zwingen, sie nicht mehr zu spüren und zu kontrollieren, was empfunden werden darf, führt dazu, dass Menschen psychisch krank werden. Denn es ist langfristig schwierig, zwei Dinge auf einmal zu erledigen. Wenn jemand ständig überwacht, was schmerzt, wie sehr es schmerzt und wie diese Schmerzen ihn beeinflussen, verschwendet diese Person ihre Zeit damit, das Unkontrollierbare zu kontrollieren, nämlich die normale Funktionsweise ihres Organismus.

Wenn die körperlichen Empfindungen intensiver werden – dank der Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird -, wird die Person immer ängstlicher und sie beginnt, Ärzte aufzusuchen oder im Internet darüber zu lesen, was wehtut und warum sie sich so fühlt. Doch die Suche nach medizinischen Informationen im Internet ist sehr gefährlich. Es könnte sein, dass der Betroffenen Informationen findet, welche sich am Ende gegen seinen Körper wendet. Dieses Phänomen ist auch als sich selbst erfüllende Prophezeiung bekannt.

Eine negative Diagnose zu bekommen, also die Ansage, dass es keine wirkliche Krankheit besteht, mag dazu führen, dass sich die Person vorübergehend beruhigt. Es ist jedoch auch möglich, dass sie dazu führt, dass sie eine Abhängigkeit gegenüber der Einschätzungen von Ärzten entwickelt. Wenn Menschen mit einer Hypochondrie in die Rolle des Patienten versetzt werden, bestätigt dies ihre Befürchtungen und sie beginnen, sich selbst immer mehr als kranke Person zu sehen. Doch das ist nicht wahr.

Wie können wir die Angst vor Krankheit richtig bewältigen?

Der Geist ist sehr mächtig und „wählt“ den falschen Weg oft sehr selbstsicher. Zu bezweifeln, was Fachleute diagnostizieren und darauf zu bestehen, dass man trotz allem krank sei, ist definitiv der falsche Weg. Wir können auch unsere Gefühle nicht regeln, wenn wir unseren Ärzten keinen Glauben schenken. Wenn es um Hypochondrie geht, muss der Betroffene erkennen, dass die anhaltende Suche nach medizinischen Beweisen für ein Leben voller Angst sorgt – er muss es als gegeben ansehen, dass er im Unrecht ist, selbst wenn er davon überzeugt ist, dass das eigene Empfinden real ist.

In der Therapie beim Psychologen lässt sich etwas gegen Hypochondrie unternehmen.

Generell ist die Angst vor Krankheiten normal und adaptiv. Sie ist hilfreich und veranlasst uns zu Sicherheitsmaßnahmen. Allerdings ist die Suche nach fundierten Informationen über die angeblichen Symptome nicht der richtige Weg, diese Angst zu bewältigen. Erstens müssen die Betroffenen aufhören, jede physische Empfindung kontrollieren und medizinische Tests durchführen zu wollen. Erst so können sie die Rolle des Patienten ablegen.

Zweitens müssen sie verstehen, dass das Problem nicht die gefürchtete Krankheit ist. Es ist vielmehr das Einknicken gegenüber der Besorgnis vor der Krankheit. Diese wird jedes Mal noch größer, wenn die Person etwas unternimmt, um die Angst zu besänftigen. Es ist weiterhin wichtig, zu erkennen, dass auch die Angst nicht das ursächliche Problem ist. Es ist die Art, wie die Person ihre Angst bewältigt. Diese ist der eigentliche Auslöser, der zur Hypochondrie führt.

Mit der Angst zu arbeiten, ist eine Chance, zu lernen, wie wir mit ihr umgehen können. Wir sollten untersuchen, warum sie auftritt, was gegen sie getan werden kann, und auch versuchen, sie zu akzeptieren. Die Arbeit mit einem Psychologen ist eine hervorragende Möglichkeit, zu lernen, wie wir mit unseren Ängsten zurechtkommen. Einschließlich der Angst davor, krank zu sein. Denn wenn wir diese Angst nicht richtig handhaben, werden wir höchstwahrscheinlich eine psychische Krankheit entwickeln.